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Im Kino: „Lila, Lila“ : Bestseller mit kurzen Beinen

  • -Aktualisiert am

Provinzcasanova betrügt kunstsinniges Mädchen: Daniel Brühl und Hannah Herzsprung Bild: ddp

Die ganze Welt ist eine Lüge: Alain Gsponer verfilmt „Lila, Lila“, Martin Suters Erfolgsroman über eine durch Lüge erschlichene Liebe, als feingeistige Parodie auf den Literaturbetrieb.

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          „Oh, what a tangled web we weave / When first we practice to deceive!“ Walter Scotts Wissen um die prekären Folgen einer kleinen Lüge bietet als Motiv seit jeher prächtigen Stoff für Dramen aller Art. In diesem Fall zweifellos der schlichteren Sorte, denn von Anfang an ist das Netz, mit dem Alain Gsponer und sein Drehbuchautor Alexander Buresch hier ihre Figuren umweben, derart konstruiert, dass es weniger Eigendynamik entfaltet, als damit beschäftigt ist, nicht unter der eigenen Last auseinanderzufallen.

          Im Krieg und in der Liebe sei, sagt man, alles erlaubt, die Lüge sowieso. Und mit einer Lüge aus Liebe beginnt dieser Film: In einem Nachttisch, den er beim Trödler gekauft hat, findet David das Manuskript eines Liebesromans. Das passt vorzüglich, denn gerade will der eher langweilige Kellner das Herz von Marie erobern. Die ist Literaturstudentin und als solche nur durch „echte Autoren“ zu beeindrucken - dann aber richtig. So päppelt er das in jeder Hinsicht angestaubte Manuskript ein wenig auf und schickt es als sein eigenes an die Angebetete. Mit ungeahnten Folgen: Denn die begeisterte Marie verfällt nicht nur dem vermeintlich schüchternen Genie im Nu, sie ist auch von dem Text derart beeindruckt, dass sie ihn ohne sein Wissen an einen Verlag schickt, mit dessen Hilfe er unter dem Titel „Lila Lila“ alle Bestsellerlisten erobert.

          David wird als literarischer Newcomer gefeiert, die Medien reißen sich um ihn. Doch bald droht Unheil: Bei einer Autogrammstunde steht plötzlich Jacky vor David, und schnell ahnt der Kultur-Hochstapler, dass dieser abgehalfterte Herumtreiber offenbar der wirkliche Autor von „Lila Lila“ ist. Jacky deckt den Schwindel nicht auf, will aber eine große Portion vom Kuchen abhaben. Das ist eine hübsche Rolle für Henry Hübchen, dem hier wieder einmal der beste Auftritt gehört - als Schnorrer, der sich in feiner Umgebung danebenbenehmen und Sätze sagen darf wie: „Das ist Hochkultur, du Arschloch!“

          Dem Autor ins eigene Buch geschrieben: Daniel Brühl (rechts) signiert für Henry Hübchen
          Dem Autor ins eigene Buch geschrieben: Daniel Brühl (rechts) signiert für Henry Hübchen : Bild: AP

          Zwischen Parodie und Boulevard

          „Lila Lila“ lässt sich am besten als Formelfilm beschreiben: Man nehme einen Erfolgsroman, in diesem Fall vom Schweizer Bestsellerautor Martin Suter, und mit Hannah Herzsprung und Daniel Brühl zwei bekannte Kinodarsteller, die hier zudem erstmals zusammen auf der Leinwand vereint werden. Und dazu noch einen begabten Regisseur. Suters Schweizer Landsmann, der Regisseur Alain Gsponer, hat inzwischen seinen vierten Spielfilm gedreht, allesamt in Deutschland, und ist fast schon ein Routinier auf dem hierzulande selten bearbeiteten Feld der anspruchsvollen Komödien. Mit dem mehrfach mit dem Grimme-Preis gekrönten Film „Das wahre Leben“ war er übrigens 2006 der eigentliche Entdecker von Hannah Herzsprung, die inzwischen zu den gefragtesten und begabtesten Kinodarstellerinnen in Deutschland gehört. Zum vierten Mal arbeitet Gsponer hier auch mit Drehbuchautor Buresch zusammen - beide besuchten zusammen die Filmakademie in Ludwigsburg.

          In die Romanhandlung vom lässigen Provinzhelden, der nur hübsche Mädchen im Kopf hat, und dem Klischee vom kunstsinnigen Mädchen, das sich prinzipiell nur in Schriftsteller verguckt, dürfte Suter ohne Frage auch ein paar eigene Erfahrungen aus der Hype-Maschine des Literaturbetriebs beigesteuert haben. Das Ergebnis im Kino ist stellenweise eine feingeistige Parodie, dann aber auch wieder eher plumper Boulevard. Immerhin mit tieferer moralischer Bedeutung: Die ganze Welt ist ein Lüge. Ja, ja, seufzt man dazu, lügt selbst weiter und hält sich außer an Walter Scott an Hübchen und die leichthändige, in der Regel geschmackvolle Inszenierung Gsponers.

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