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Im Kino: „Krabat“ : Kein Zauber gegen die Liebe

Die Hauptsache ist der Effekt: Otfried Preußlers „Krabat“ gehört zu den schönsten Jugendbüchern, die wir haben. Jetzt hat Marco Kreuzpaintner den Klassiker ohne rechtes Gespür für die Zwischentöne verfilmt.

          Wer sich daranmacht, Otfried Preußlers „Krabat“ zu verfilmen, der traut sich was. Nicht nur, weil „Krabat“ unbestritten zu den schönsten und tiefsten Jugendbüchern gehört, die wir haben, oder weil der millionenfach verbreitete Roman aus dem Jahr 1971 naturgemäß in den Leserköpfen festgefügte Bilder hinterlassen hat. Sondern vor allem, weil „Krabat“ heterogene Erzählstränge und Ebenen aufs allerschönste in sich bündelt, weil phantastische Träume darin eine ebenso große Rolle spielen wie tradierte Schwankerzählungen, weil die Grenze zwischen Tagesbewusstsein und Nachtstück immer wieder aufgehoben wird und all das schließlich in jener großen Szene gipfelt, die ein letztes Mal den Einbruch der überwundenen schwarzmagischen Mühlenwelt in die Realität anklingen lässt: „Während sie auf die Häuser zuschritten, fing es zu schneien an, leicht und in feinen Flocken, wie Mehl, das aus einem großen Sieb auf sie niederfiel.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Leicht und fein geht es in Kreuzpaintners „Krabat“ allerdings niemals zu, und das ist, bei aller notwendigen Distanz zur Vorlage, ein schweres Manko. Weil sich der Film in immerhin zwei Stunden arabeskenlos auf die nacherzählbare Handlung beschränkt, fallen etwa die eingestreuten Volkssagen des Buches weg, die vor allem die Figur des Müllers spiegeln und so besser verständlich machen. Der hat vor vielen Jahren einen Teufelspakt geschlossen, der ihm übernatürliche Kräfte verleiht. Dafür opfert er in jeder Silvesternacht einen der Jungen, die ihm in seiner Mühle im Koselbruch dienen. Und weil deren Zahl immer zwölf betragen muss, wird jedes Jahr ein Neuer in der Mühle aufgenommen - das Buch setzt ein, als der vierzehnjährige Krabat in den Koselbruch gerufen wird, und endet drei Jahre später mit der Befreiung der Mühlknappen.

          Kein Platz für Sagenhaftes

          Es geht Preußler unübersehbar um die Ohnmacht der Burschen angesichts der Übermacht des Meisters und um den Prozess, in dem sie langsam erkennen, dass der Zauberer eben doch nicht unüberwindlich ist. So habe er, schreibt Preußler in einem Kommentar zur Entstehung seines Romans, die alte Sagengestalt Pumphutt in sein Buch gebracht, um dem Müller eine Komplementärfigur an die Seite zu stellen. Das Rollenmodell solle „Krabat auf die mögliche Überwindbarkeit des Meisters“ hinweisen und ihm „ein Alternativziel vor Augen stellen.“ Für Pumphutt war in dem Film kein Platz.

          Sein „Krabat” gehört unbestritten zu den schönsten und tiefsten Jugendbüchern, die wir haben: Otfried Preussler

          Immerhin setzt auch Kreuzpaintner in der Frage von Macht und Ohnmacht einen Schwerpunkt und fügt zur Verdeutlichung auch noch ein Dingsymbol hinzu, ein Kreuz, das Krabats an der Pest gestorbene Mutter ihrem Sohn vermacht hatte und das ihm dann Stärke bei der letzten Auseinandersetzung verleiht. Gleichzeitig aber betont der Film die Rolle des Kollektivs: Nur weil der windige Lyschko, gespielt von Robert Stadlober, anders als im Buch mit Krabat gemeinsame Sache macht, kann Krabats Freundin aus dem Lausitzdörfchen Schwarzkollm am Ende ihren Liebsten retten - und die anderen Burschen gleich mit. „Gegen Liebe hast du keinen Zauber“, erfährt der Meister noch, bevor seine Mühle in Flammen aufgeht - vieles, was Preußler differenziert darstellt und gern unausgesprochen lässt, posaunt der Film in die Welt hinaus.

          Dem Effekt geopfert

          An den vorzüglichen Schauspielern Daniel Brühl, Robert Kross und Christian Redl liegt das nicht, die als Tonda, Krabat und als Müller das Ganze aber nicht retten können. Das Problem liegt auf einer anderen Ebene: Kreuzpaintners „Krabat“ ist in jeder Hinsicht zu laut geraten. Zwischentöne wird man suchen müssen, den knalligen Special Effects dagegen entkommt man kaum, und wenn dafür eine völlig unmotivierte Stockkampf-Szene in die Handlung hineingefriemelt werden musste. Am schlimmsten aber sind die dumpf wabernden Chöre, die sich als Klangbrei über den Film legen und bis zum Abspann nicht mehr weichen wollen.

          Es ist keine Schande, am „Krabat“ zu scheitern. Mit welcher Zielstrebigkeit aber hier die Sache vor die Wand fährt, erstaunt dann doch: die einzige Überraschung in einem vorhersehbaren Film.

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