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Im Kino: „Jahreszeit des Nashorns“ : Der Schatten der Gegenwart

Das Charaktergesicht Sahels: Behrouz Vossoughi aus „Jahreszeit des Nashorns“ Bild: kinostar

Bahman Ghobadis neuer Film „Jahreszeit des Nashorns“ verhandelt die Auswirkungen der Islamischen Revolution 1979 auf das Individuum: ein poetisches Meisterwerk.

          Sahel, ein iranischer Dichter, entführt seine Frau Mina zu einem Ausflug in die Natur. Die beiden sind guter Dinge, denn Sahel hat soeben mit Erfolg seine Gedichte veröffentlicht, und in der Liebe läuft alles nach Plan. So sitzen sie 1979 lachend im Fond ihres Wagens, ein Bild, das man einrahmen möchte.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Es wird das einzige im neuen Film „Jahreszeit des Nashorns“ von Bahman Ghobadi bleiben. Der Wagen hält an einem alten, umgestürzten Baum. Von diesem Ort beziehe er seine Inspiration, erklärt Sahel und führt seine Frau durch das Geäst. Währenddessen wühlt der Chauffeur in den Habseligkeiten des Paares. Er findet einen Lippenstift, riecht gierig an ihm - und isst ihn schließlich.

          Traumata der Vergangenheit

          Wie dieser Mann nun alles tut, um Mina zu besitzen, wie er systematisch das Glück dieses Paares zerstört, davon handelt „Jahreszeit des Nashorns“. Als wenig später die Islamische Revolution ausbricht, schließt sich der Chauffeur der Revolutionsgarde an und sorgt dafür, dass Sahel wegen seiner Gedichte in einem Schauprozess zu dreißig Jahren Haft verurteilt wird. Seine Frau bekommt lediglich zehn Jahre und das sofortige Angebot, sich scheiden zu lassen. Mit ihrer Weigerung beginnt die eigentliche Tragödie. Sie entfaltet sich schrittweise, zusammengesetzt aus Erinnerungen Sahels.

          Der Film setzt lange nach den Revolutionswirren ein, im Augenblick von Sahels Entlassung aus dem Gefängnis: Er steht vor der Kamera, nackt und mit der Gleichgültigkeit eines gebrochenen Menschen, während Wärter ihn mit dem Hochdruckreiniger säubern, als wollten sie ihre Schuld von ihm abwaschen. Erst jetzt erfährt Sahel, dass er für tot erklärt wurde. Mina ist inzwischen nach Istanbul ausgewandert. Sahel macht sich auf den Weg zu ihr und stößt dabei immer wieder auf die Traumata seiner Vergangenheit.

          Poetische Wucht

          Bahman Ghobadi, 1969 als Kurde in Iran geboren, ist in Deutschland trotz eines mit Preisen regelrecht überschütteten Werks nicht so bekannt, wie er sein sollte. Allein der Debütfilm „Zeit der trunkenen Pferde“ (2000) erhielt den Kritikerpreis in Cannes und zahlreiche weitere Auszeichnungen bei Filmfestivals in Chicago, Sarajevo, Santa Fe, Gijón und São Paulo. Zuletzt sorgte er mit einem Film über die iranische Musikszene im Untergrund für Aufsehen, „No one knows about Persian cats“. Ghobadi drehte ihn heimlich, in nur siebzehn Tagen und mit einem einzigen Stativ. Alle Filme sind mit der kurdischen Identitätsproblematik unterlegt, erschöpfen sich aber nie darin. Dafür konzentriert sich Ghobadis Blick zu sehr auf die persönliche Geschichte seiner Protagonisten, auf ihre Ängste und - häufig vergeblichen - Hoffnungen. Seine Figuren müssen sich ihre Realität zurechtträumen. So hat Ghobadi einen unverwechselbaren Stil geschaffen - einen magischen Realismus, der bei aller Grenzverwischung zwischen Realität und Phantastik die politischen Hintergründe nicht aus dem Blick verliert.

          In „Jahreszeit des Nashorns“ knüpft er mit einer poetischen Wucht an diesen Stil an, dass man sich seinen Namen nun auch in Deutschland merken darf. Kunstvolle Szenen lassen Gegenwart und Vergangenheit ineinanderlaufen: Der Zuschauer sieht den jungen Sahel über eine Schreibmaschine gebeugt, in die Arbeit vertieft, Mina fährt ihm durch die Haare. Plötzlich dreht sich Sahel um, sein Bart ist grau, seine Frau von den Schatten der Gegenwart verschluckt. Einmal steht Sahel am Meer, rauchend. Er löscht die Zigarette an der Meeresoberfläche und befindet sich im selben Moment in einem Kino. Auf der Leinwand Sahel, mit Mina in einem Pool, vor der Leinwand Sahel, als teilnahmsloser Betrachter seiner Vergangenheit.

          Keine Fiktion

          Er wird gespielt vom iranischen Schauspieler Behrouz Vossoughi, der kurz vor der Revolution 1979 nach Kalifornien auswanderte und in „Jahreszeit des Nashorns“ ein beachtenswertes Comeback feiert. Auch sonst ist der Film hochkarätig besetzt. Monica Bellucci spielt Mina, stumm, mit wortloser Gewandtheit. Und der türkische Schauspieler Yilmaz Erdogan widersteht der Versuchung, den Chauffeur als Monster von nebenan zu inszenieren, womit seine Besessenheit erst recht grausame Züge erhält.

          Während Sahel Nachforschungen über das Leben seiner Frau anstellt, verstrickt er sich immer tiefer in die Vergangenheit. Bildeten die Szenen aus der aufstrebenden Metropole Istanbul anfangs noch einen Kontrast zu Sahels schweren Erinnerungen, wird die Stadt am Ende zu ihrer Kulisse. Irgendwann arbeitet Sahel selbst als Chauffeur und fährt seine Tochter durch enge, graue Gassen. Schließlich steht er vor dem Haus seiner Frau und versucht, durch ein Fenster hineinzublicken. Aber er sieht nur sein eigenes Spiegelbild.

          Sahels Geschichte ist keine reine Fiktion, sondern beruht auf dem Leben eines iranischen Dichters, der unter dem Pseudonym Sadegh Kamangar veröffentlicht. Seine Verse strukturieren den Film und verdichten die Jahre der Einsamkeit noch zusätzlich. Es gibt, das macht „Jahreszeit des Nashorns“ deutlich, keine ausgleichende Gerechtigkeit für die zerstörten Lebensläufe eines Sahel. Höchstens eine poetische. Ghobadi hat sie auf die Leinwand gebracht.

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