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Im Kino: „Invictus“ : Ein Sommermärchen in Südafrika

  • -Aktualisiert am

Politische Versöhnung im Zeichen des Sports: Morgan Freeman als Nelson Mandela Bild: ddp

Rugby war in Südafrika immer der Sport der weißen Unterdrücker - wie Nelson Mandela beschloss, die WM im eigenen Land zu seiner Sache zu machen, zeigt Clint Eastwood in seinem Film „Invictus“.

          3 Min.

          Es geht um Nelson Mandela und seine überraschende Unterstützung des von den Schwarzen gehassten, bis auf eine Ausnahme ausschließlich weißen Rugby-Teams Südafrikas, die ihren Höhepunkt beim sensationellen Gewinn der Weltmeisterschaft 1995 fand. Der Ausgang ist bekannt, und auch wenn dieser Aspekt in Mandelas politischer Karriere hierzulande womöglich so wenig geläufig ist wie der Rugby-Sport selbst, so ist doch klar, dass Erbauliches zu erwarten sein dürfte.

          Und in der Tat zieht Eastwoods Film alle Register, die man bei diesem Thema erwarten darf, macht das aber auf eine Weise, die nie pompös wirkt und eine Fortsetzung der Themen von „Gran Torino“ auf höchster weltpolitischer Ebene darstellt. Eastwood wird im Mai achtzig, und trotzdem hat man nie den Eindruck, dass er den Schwierigkeiten des Filmemachens aus dem Weg ginge, indem er sich nur aufs Wesentliche konzentriert, sondern ist überrascht, wie er die physische Präsenz des Spiels umsetzt und überhaupt das große Sujet stemmt, ohne es in jahrelanger Vorbereitung unnötig aufzublasen. Es ist ja bekannt, dass Eastwood als Regisseur jede Art von Faxen ähnlich wenig schätzt, wie das seine Filmfiguren schon vermuten lassen, und das führt dazu, dass er immer noch schneller arbeitet: Zehn Filme hat er im letzten Jahrzehnt gedreht.

          Lehrmeister einfacher Wahrheiten

          Dass er ein Klassiker zu Lebzeiten ist, geht auch deswegen so leicht von den Lippen, weil seine Filme eben wie keine anderen die Qualitäten eines von uns als klassisch empfundenen Hollywoodkinos verkörpern. Sie wollen nicht klüger sein als ihre Zuschauer, sondern leben von dem Selbstverständnis, dass sie ihre Zuschauer für klug genug halten, für ein paar einfache Wahrheiten empfänglich zu sein. Das heißt nicht, dass ihre Konflikte nicht komplex wären, aber sie bauen darauf, dass man sich auf die ein oder andere Weise dazu verhalten muss. Das ist die Lehre, die der Regisseur Eastwood aus den Rollen gezogen hat, die er gespielt hat.

          Ein pragmatisches Entgegenkommen: Nelson Mandela (Morgan Freeman) und Rugby-Kapitän Francois Pienaar (Matt Damon)

          Die Fronten sind auch in „Invictus“ von der ersten Einstellung an klar: Auf der einen Seite der Straße trainieren die Weißen Rugby, auf der anderen spielen die schwarzen Kids Fußball, und als dann die Wagenkolonne von Mandela am Tag seiner Entlassung aus dem Gefängnis 1990 vorbeikommt, stehen die einen jubelnd am Zaun, während der Trainer der anderen das Land vor die Hunde gehen sieht. Und dann wird knapp die zerrissene Lage bis zu den ersten freien Wahlen angerissen, aus denen Mandela als Wahlsieger erwacht. Eastwoods erzählerische Ökonomie wird schon dadurch sichtbar, dass er zeigt, wie Mandela als Erstes sein Bettzeug straff zieht, weil ihm das nach 27 Jahren Gefängnis in Fleisch und Blut übergegangen ist, ohne das mit einer Großaufnahme auch gleich auszustellen.

          Man sieht, wie sich am Tag seines Amtsantritts die schwarzen und weißen Leibwächter zusammenraufen müssen, und vor allem, wie entgeistert Mandelas schwarze Entourage ist, dass die Weißen nicht vor die Tür gesetzt werden. Und so sind gleich die Konflikte, die gelöst werden müssen, klar. Die Frage ist also nicht, ob, sondern wie er es schafft, und gerade deswegen ist die Geschichte um das Rugby-Team so perfekt geeignet, weil sie reinste Symbolpolitik ist, die sich ums Detail nicht scheren muss. Die Rugby-WM 1995 in Südafrika muss man sich etwa so vorstellen, als hätte das deutsche Sommermärchen 2006 Ost und West mit dem Gewinn der Fußball-WM geeint. Umso erstaunlicher, dass mit dem Start von „Invictus“ nicht bis zur Fußball-WM im Sommer in Südafrika gewartet wurde, die ein wenig unter umgekehrten Vorzeichen stattfindet.

          Politik im Bann des Sports

          Auch Mandela (Morgan Freeman) konnte mit Rugby nichts anfangen, denn es galt ihm wie seinen Unterstützern als Sport der Weißen und als Symbol der Apartheid. Aber er war klug genug zu erkennen, dass der Vorschlag des Sportausschusses des ANC, das Team ganz zu verbieten, die Spaltung des Landes nur fortschreiben würde. Und so setzte er sich in den Kopf, das Abschneiden des Teams bei der WM im eigenen Land zu seiner Sache zu machen. Er besuchte die Spiele, streifte sogar das Trikot der verhassten „Springboks“ über und traf sich mit dem Kapitän François Pienaar (Matt Damon), der mit seinen Eltern als typischer Apartheid-Anhänger gezeichnet wird, aber in Mandelas Ausdauer unter Haftbedingungen eine Art sportlicher Inspiration und Herausforderung findet. Mandela überredet ihn, mit seinem Nationalteam in die Townships zu gehen, und so wächst von Spiel zu Spiel zusammen, was nicht zusammenpasst. Und das ganze Vergnügen besteht darin, zu sehen, wie sich politisches Kalkül und ehrliche Begeisterung für den Sport bei Mandela - und auch beim Zuschauer - langsam vermischen.

          Man muss Rugby nicht verstehen, um an dem Film Freude zu haben, weil der Held selbst ja auch ein Neuling ist, was die Feinheiten angeht. Es genügt völlig zu sehen, wie Mandela mühsam die Namen der einzelnen Spieler des Nationalteams auswendig lernt, um sie dann bei einem Blitzbesuch auch alle mit Namen ansprechen zu können - und wie sich in diese angelernte falsche Vertrautheit dann aber auch schon das echte Wiedererkennen einzelner Gesichter mischt. Am Ende ist die Rechnung aufgegangen - und im Unterschied zu unserem Sommermärchen gewann Südafrika tatsächlich gegen jede Wahrscheinlichkeit die WM.

          Und Eastwood schafft es, uns nach kürzester Zeit vergessen zu lassen, dass man nicht Mandela, sondern Morgan Freeman vor sich hat, und dass Matt Damon für die Rolle des Spielführers deutlich zu alt ist. Ihre Oscar-Nominierungen haben die beiden Schauspieler nur ihm zu verdanken.

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