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Im Kino: „Hotel Lux“ : Winnetou und Old Stalingrad

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Hans Zeisig, gespielt von Michael „Bully“ Herbig (links), und Siggi (Jürgen Vogel) sind auf der Bühne Hitler und Stalin Bild: dapd

Leander Haußmanns „Hotel Lux“ ist ein historischer Jux, der bedingt funktioniert: Sein Star hält den Film zusammen, aber er spaltet ihn auch.

          Eine vertraute Stimme ist es, die in Leander Haußmanns „Hotel Lux“ mitten in die Weltgeschichte des 20.Jahrhunderts führt. Eine Stimme, die das Publikum in Deutschland mit hochnotpeinlichen Situationen in Verbindung bringt, denn diese hat Michael „Bully“ Herbig für viele seiner Figuren schon erfunden. Sie erzählt, und zwar eine Geschichte, die einen Star auf ein neues Terrain führt. Denn „Hotel Lux“ ist ein komplizierter Film, der vieles zugleich sein will und ein Bewusstsein für diese Komplikationen durchaus verrät. Vielleicht also deswegen dieses starke Manöver: am Anfang einfach einmal den Star heraushängen lassen.

          Der Mann, den wir in exponierter Lage kennenlernen, heißt Hans Zeisig. Er ist Komödiant, wie wir aufgrund der Stimme ja eigentlich schon wissen, wie wir nun aber in einer langen Rückblende erfahren, die uns nach Berlin in die ganz frühen Nazi-Jahre führt. Hier kann Zeisig noch Witze machen, gemeinsam mit seinem Partner Siggi Meyer (Jürgen Vogel), mit dem er auf der Varieté-Bühne den Hitler und den Stalin macht. Das Publikum lacht sich schief, irgendwann aber wird die Sache zu heiß, und - da hat die Geschichte schon fünf Jahre zügig überbrückt - Zeisig muss flüchten. Er schafft es aber nicht nach Hollywood, wie es eigentlich sein Plan ist, sondern es verschlägt ihn nach Moskau.

          Ich bin der Astrologe Adolf Hitlers

          Zeisig nimmt Quartier in jenem Hotel Lux, in dem auch zahlreiche spätere „antiimperialistische“ Staatsführer leben, darunter Walter Ulbricht, der bei Leander Haußmann aus Würfelzucker eine Mauer auf dem Kaffeetisch baut. In dieser Art retroprognostischer Anspielungen liegt ein nicht geringer Teil der beabsichtigten Komik von „Hotel Lux“.

          Zeisig bewegt sich mit der Naivität des Unpolitischen durch diese unheimliche Welt, in der - auch das wissen die Nachgeborenen viel besser - schon kräftig die kommunistischen Reihen „gesäubert“ wurden. Eine Verwechslung ist es schließlich, die Zeisig in höchste Bedrängnis bringt, die ihm aber auch einen Weg in die Freiheit weist: Dass er von Stalin selbst für den Astrologen Adolf Hitlers gehalten wird, bringt ihn so nahe an das sowjetische Machtzentrum, dass er - wie ein Komet bei Sonnenkontakt - gerade von da den Schwung bekommt, der ihn aus der Bredouille wieder hinausfinden lässt.

          Zeisig will die schöne Übersetzerin Frida (Thekla Reuten) erobern

          In diesen zentralen Passagen entwickelt „Hotel Lux“, zu dem nach vielen Anläufen des Produzenten Günter Rohrbach mit anderen Autoren schließlich Leander Haußmann selbst das Drehbuch geschrieben hat, durchaus so etwas wie eine funktionierende Komödien-Mechanik. Die historischen Umstände müssen hier mit einem zeitlosen Motiv der Charade in extremis vermittelt werden und mit diesem eigentümlichen Superstar, der Michael „Bully“ Herbig nun einmal ist.

          Ihm ist ja ein Genre schon zugeordnet, und das ist nicht die Komödie, wie man gemeinhin annimmt, sondern eine der Spezialformen davon: die Parodie oder, mit diesem hier so zutreffenden deutschen Wort, der Ulk. Nicht von ungefähr hat Herbig sich dafür immer Gegenstände ausgesucht, die einer breiteren Öffentlichkeit von vornherein nicht satisfaktionsfähig erscheinen konnten: Winnetou und Old Shatterhand, Wickie und die starken Männer, das Raumschiff Enterprise.

          Figurenschieberei zwischen Witzen und Gags

          Einen Ulk über den Stalinismus würde hingegen niemand sehen wollen, deswegen tut Leander Haußman sein Bestes, seinen Film dunkel einzufärben; mit vielen kleinen Ideen, manche davon sehr witzig, lässt er den Ulk dann aber wieder durch die Fugen dringen.

          Dies soll eine klassische Komödie werden, eine, die ihre schwarze Seite nicht leugnen muss, sondern sie zur Grundlage des Lachens macht. Und dafür findet Haußmann dann doch den Bogen nicht. Stattdessen schiebt er rund um diesen Zeisig die Figuren hin und her, wie er es braucht, und holt so an wichtiger Stelle den Siggi Meyer zurück ins Geschehen, als könnte er zaubern. Dort, wo es am Zusammenhang hapert, greift Haußmann auf den „jokus ex machina“ zurück, und auf die lange Strecke des Films fällt dieser dadurch in sich zusammen. Es bleiben Einzelteile, Ansätze, es bleiben Witze, Gags, Momente, aber keine Komödie.

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