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Im Kino: „Geständnisse“ : Mütter unter Kirschblüten

  • -Aktualisiert am

Ihr Curriculum sieht die Bestrafung zweier Mörder im Klassenraum vor: Takako Matsu als Lehrerin Yuko in „Geständnisse – Confessions” Bild: dapd

Nichts ist, wie es scheint: Tetsuya Nakashimas Psychothriller „Geständnisse“ ist ein an Wendungen reicher Albtraumtrip ins Unterbewusste der japanischen Gegenwartsgesellschaft.

          3 Min.

          Der erste Schultag nach den Frühlingsferien. Draußen blühen die Kirschblüten, und im Klassenzimmer stellt sich ein neuer Lehrer vor. Er heißt tatsächlich Werther, macht gleich einen schlechten Witz daraus und hält seinen Schülern einen Vortrag über „die wahre Natur der Erziehung“. Dann gönnt sich der Film einen seiner seltenen humorvollen Momente: Wie im klassischen Musical sieht man die ganze Klasse in einer einzigen Choreographie vereint zum Rhythmus von „That’s the way I like it“ tanzen.

          Aber zu diesem Zeitpunkt, der Film ist da gut zwanzig Minuten alt, sind dem Zuschauer schon alle Illusionen genommen, dass es sich hier um einen jener mehr oder weniger heiteren Schulfilme zwischen Romantic-Comedy und Teenager-Drama handeln könnte, wie sie Tetsuya Nakashima mit „Kamikaze Girls“ und „Memories of Matsuko“ bisher gemacht hat. Wenn auch „Geständnisse“ schon im Titel eine zarte Referenz ans achtzehnte Jahrhundert, an die Bekenntnisse des Aufklärers und Erziehers Rousseau, trägt und außer dem Goetheverweis noch mit anderen Bezügen zu jenem Jahrhundert aufwarten kann, erinnert er insgesamt allenfalls an die so brutalen wie tiefenpsychologisch fundierten Geschichten der Schwarzen Romantik.

          April ist der grausamste Monat

          Die erste Passage des Films, die am letzten Tag vor den Ferien spielt, enthält bereits den Blick in einen fürchterlichen Abgrund: Kurze, zarte Kinderlaute und der Song: „When I feel lonely ...“ etablieren die Motive der Einsamkeit und der verlorenen Kinderseelen, die sich durch diesen Film ziehen. Dann verkündet die Lehrerin Yuko Miroguchi, sie werde die Schule zum Monatsende verlassen. In leisem Ton, ohne Rücksicht auf die krakeelenden Schüler zu nehmen, ja fast ohne sie wahrzunehmen, spricht sie über Jugendgewalt und spektakuläre Schülerstraftaten und erzählt die Geschichte ihrer kleinen Tochter, die kurz zuvor ertrunken ist: „Dies war kein Unfall. Sie wurde getötet von Schülern dieser Klasse.“ Weil das Jugendstrafrecht zu milde sei, habe sie beschlossen, das Recht in die eigene Hand zu nehmen, und die zwei Verantwortlichen mit dem Aids-Virus infiziert. Eine schockierende Wendung, die Kamerabewegungen und Zeitlupenpassagen bereits vorbereitet haben.

          In Tetsuya Nakashimas neuem Film ist der April der grausamste Monat und diese ganze Exposition nur der Auftakt zu einem an Wendungen reichen Albtraumtrip ins Unterbewusste der japanischen Gegenwartsgesellschaft. Dort ist „Ijime“, das Drangsalieren und Quälen von Mitschülern, das auch hier eine zentrale Rolle spielt, an der Tagesordnung. Obwohl er dies und mehrere andere Tabus der immer noch konservativ geprägten, stark repressiven, antiindividualistischen japanischen Gesellschaft aufgreift, bewegt sich der Film fernab vieler bekannter Muster.

          Eine bittere Komödie der Irrungen

          Nichts oder fast nichts ist, wie es scheint, in diesem raffinierten Psychothriller, dem als Einziges ein Vorwurf wegen seine Überkonstruiertheit zu machen ist. Auf das Geständnis der Lehrerin folgt das einer Schülerin und dann noch mehrere andere. Jedes dieser Geständnisse dreht die Handlung ein Stück weiter und lässt das Vorangegangene in neuem Licht erscheinen. So ist dies ein Rachefilm, aber auch für einige Minuten eine zarte Liebesgeschichte und insgesamt vielleicht eine bittere Komödie der Irrungen. In der Methode erinnert das vor allem an den Kurosawa-Klassiker „Rashomon“. Zugleich denkt man an das neuere japanische Kino eines Miike oder Sion, aber auch an Buuel, wenn der Film, indem er Innenwelten und Tag(alb)träume zeigt, immer wieder surreale Bildwelten konstruiert.

          Dazu gehört das Spiel mit den Farben: Graublaues Pastell überwiegt, doch immer wieder stechen Weiß und Rot, die Farben von Milch und Blut und auch der japanischen Nationalflagge, leuchtend heraus. Um die Rolle von Milch und Blut, die beide ebenso viel Gutes tun, wie sie leicht verderben können, geht hier immer wieder das Gespräch. Und auch wenn die meisten Figuren Schüler sind, dreht sich der Film eigentlich um Mütter, ihre Rolle und um das Sujet der Mütterlichkeit. So wie die Lehrerin Yuko eine rächende Mutter ist, begegnet man auch der Mutter eines Mörders, die an der Tat ihres Kindes zerbricht, und auch der Charakter eines anderen missratenen Jugendlichen wird durch dessen gestörte Mutterbeziehung beleuchtet. Das alles geschieht aber beiläufig, spielerisch, nie aufdringlich moralisierend, wie überhaupt „Geständnisse“ vor allem durch kleine Elemente, Szenen und Geschichten am Rande besticht.

          Moralischer Perspektivismus

          Wenn sich der Film zumindest experimentell auf jede der Figuren und deren ureigene Sichtweise einlässt und dabei selbst dem Wahnsinn mancher Figuren ein Stück Raum gibt, mag das auch auf den zweiten Blick wie moralischer Perspektivismus wirken. Doch am Ende ist die Position von Film und Regisseur glasklar. Ob sie uns in ihrer alttestamentarischen Moral gefallen kann, ist eine andere Frage. Beruhigen wird sie mit Sicherheit nicht. Wie die Geschichte von Werther endete, das weiß man ja.

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