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Im Kino: „District 9“ : Schatten über Johannesburg

  • -Aktualisiert am

Der südafrikanische Science-Fiction-Film „District 9“ erzählt von der schwierigen Umsiedlung hilfsbedürftiger Außerirdischer durch eine militärische Spezialeinheit. Die dabei angedeutete Allegorie auf die Apartheit versinkt schnell im referenzlastigen Trash.

          Mehrere Kontinente und Weltmeere stehen auf diesem Planeten zur Auswahl, wenn Außerirdische sich einen Landeplatz aussuchen wollen. In den allermeisten Fällen wählen die Besucher vom Mars oder von viel weiter draußen eine berühmte Stadt in Nordamerika, zwischendurch plumpst schon einmal ein Schiff ins ewige Eis und wird dann erst viele Jahrzehnte später entdeckt. Nun aber gibt es ein Novum zu vermelden. Ein riesiges Raumschiff verdunkelt den Himmel über Johannesburg.

          Es ist nicht ganz klar, wer sich darin verbirgt. Erst nach geraumer Zeit sprengt ein Suchkommando sich den Weg ins Innere frei und macht eine unappetitliche Entdeckung. Eine Million fremder Wesen lebt in dem Schiff, sie sind alle sehr hungrig und brauchen dringend ein Dach über dem Kopf.

          Das Getto, in dem sie von der Behörde untergebracht werden, heißt „District 9“, wie der Film von Neill Blomkamp, in dem die entsprechende Geschichte erzählt wird. Es ist das Jahr 1982 in Südafrika. Die Apartheid ist noch nicht überwunden, aber das muss hier nicht eigens erwähnt werden, denn die außerirdischen Wesen, die sich bevorzugt von Katzenfutter ernähren und von den Erdenmenschen ihrer Ähnlichkeit mit Krustentieren wegen als „Prawns“ („Krabben“) bezeichnet werden, sind gewissermaßen natürliche Objekte der Segregation. Sie gehören in eine Sonderzone, wo sie sich allerdings zügig vermehren und irgendwann ein fast doppelt so großes Verwaltungsproblem darstellen.

          Ein Außerirdischer im bürokratischen Verhör

          Parodie des Live-Fernsehens

          Mit dem Projekt einer Umsiedlung in großem Stil in den „District 10“ beginnt, nun schon in der transnationalen Gegenwart, die eigentliche Handlung von „District 9“. Wikus van der Werve (Sharlto Copley), Mitarbeiter des Konzerns MNU (Multi National United), soll den großen Alien-Umzug über die Bühne bringen. Er klopft brav an die notdürftigen Türen der windschiefen Hütten, in denen die „Prawns“ leben. Er übergibt den Verbringungsbescheid, spricht noch ein paar aufmunternde Worte und lässt sich auch von unappetitlichen Begegnungen nicht aus dem Konzept bringen.

          Bald stellt sich aber heraus, dass die Wirklichkeit des Gettos komplexer als erwartet ist und dass die „Prawns“ auch ihre Waffen haben. Unfreiwillig und auf anfangs vor allem groteske Weise wird Wikus zum großen Vermittler und Grenzgänger zwischen den Menschen und den Außerirdischen. Er gerät zwischen alle Fronten, und weil Neill Blomkamp sich für einen sehr involvierenden, das hektische Live-Fernsehen parodierenden Stil entschieden hat, wird er zur einzigen Identifikationsfigur von „District 9“.

          Eine Ästhetik zwischen den Fronten

          Ein beschränkter Horizont ist diesem Science-Fiction-Spektakel dabei in mehrfacher Hinsicht eigen: Einerseits zielen die Trash-Anteile der Geschichte deutlich auf entsprechende „Survivor“-Formate im einschlägigen Fernsehen (wo ein größerer Überblick schnell enthüllen würde, dass Deodorant und Dosenbier gleich um die Ecke der Einstellung sind), andererseits zieht Blomkamp die gesamte Geschichte des Filmgenres - von „E.T.“ über „Alien“ bis zu „Terminator“ - in den Dreck des Gettos.

          „District 9“ stellt sich mit seiner Ästhetik selbst zwischen die Fronten und lässt dabei leicht übersehen, dass die Geschichte nach starkem Beginn zunehmend konventioneller wird, dass Blomkamp selbst nicht ohne rassistische Phantasmen auskommen mag und dass die große Allegorie auf die Apartheid schon bald im Dickicht der Referenzen verlorengeht. Dies alles lässt sich aber nicht wirklich als Einwand formulieren, denn „District 9“ bleibt (ähnlich wie vor Jahren der umstrittene „Starship Troopers“ von Paul Verhoeven) konsequent auf dem Niveau der Welt, die er sich erfindet. Wer sich darüber aus Gründen besseren Geschmacks oder tieferer Einsicht erheben möchte, muss auch den Spaß preisgeben, den „District 9“ auf unbehagliche Weise macht.

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