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Im Kino: „Die Schachspielerin“ : Die königliche Kunst des Mienenspiels

Sie hat Mörderinnen, Streuner und Heilige verkörpert, und nie tat sie es mit halbem Gefühl. Jetzt glänzt Sandrine Bonnaire als „Die Schachspielerin“ im Debütfilm von Caroline Bottaro.

          Es gibt kaum eine Rolle, die man Sandrine Bonnaire nicht zutrauen würde. Die Mörderinnen, die sie für Claude Chabrol und Maurice Pialat, die rätselhaft schönen und traurigen jungen Frauen, die sie für Patrice Leconte und Claude Sautet gespielt, und die Heiligen des Mittelalters und der Gegenwart, die sie in Filmen von Jacques Rivette und Agnès Varda verkörpert hat, bezeugen ein derart grenzenloses Verwandlungstalent, dass man sich fragt, welche Figur diese Virtuosin wohl aus dem Takt bringen könnte. Tramperinnen und Duckmäuser, Heimchen am Herd und Engel der Rebellion, Bonnaire hat sie alle auf die Leinwand gebracht, seit sie sechzehnjährig von Pialat für die Hauptrolle seines Films „Auf das, was wir lieben“ entdeckt wurde. Der Ernst, mit dem sie damals den Drachenkampf eines Mädchens aus einem Pariser Arbeiterviertel gegen Familie und Milieu darstellte, ist ihr Erkennungszeichen geblieben. Es gibt keine halben Gefühle bei Sandrine Bonnaire. Sie verbrennt ganz, wie in Lecontes „Verlobung des Monsieur Hire“, wo sie den Blick des Voyeurs erwidert, bis er für sie aus dem Fenster springt, oder sie bleibt kalt. Was selten geschieht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Caroline Bottaros Film „Die Schachspielerin“ wirkt auf den ersten Blick wie einer dieser seltenen Fälle. Es ist früher Morgen irgendwo in der französischen Provinz - der Film spielt, wie wir bald sehen, auf Korsika -, und Hélène, gespielt von Sandrine Bonnaire, beginnt ihr Tagwerk. Sie stellt den Wecker aus, bevor er klingeln kann, steckt mit flinken Fingern ihren Haarknoten fest, spült ein halbes Croissant mit Milchkaffee herunter und schwingt sich auf ihr Fahrrad, das sie zu einem Hotel trägt, in dem sie die Betten der Feriengäste aufschüttelt. Ihrer Kollegin, die sie fragt, ob sie sich nicht manchmal nach einem ganz anderen Leben sehne, erklärt Hélène, sie sei gänzlich zufrieden: Genau so habe sie es gewollt.

          Sprung aus der Durchschnittlichkeit

          Es ist also nicht so, dass Hélène nur ein Durchschnittsmensch wäre. Sie ist die Inkarnation der Durchschnittlichkeit, die Allerweltsfrau par excellence. Gerade das macht diese Figur verdächtig. Natürlich muss Hélène aus ihrer fröhlichen Lethargie herausgerissen werden, sonst wäre es keine Kinogeschichte. Im amerikanischen Familienfilm ist das Routine: Ein Lottogewinn, ein Schicksalsschlag, ein Tanzkurs, - schon wird die Hausfrau zur Furie. Auch hier könnte es so laufen, wenn Sandrine Bonnaire und ihre Regisseurin nicht wüssten, dass es auf diese Weise ganz sicher schiefginge. Und so lassen sie sich Zeit.

          An diesem Tag, der zugleich der erste Tag ihres neuen Lebens ist, beobachtet Hélène ein amerikanisches Touristenpärchen beim Schach. Die beiden vollführen einen zärtlichen Tanz mit Läufern, Springern und Bauern, während sie einander mit Blicken verschlingen, und als die Frau (sie wird von Jennifer Beals gespielt, die man viel zu selten im Kino sieht) ihren Partner matt setzt, hält er ihr seinen König hin, als wäre es ein Liebespfand.

          Von diesen Freuden möchte auch Hélène kosten, und so schenkt sie ihrem Ehemann, einem Werftarbeiter (Francis Renaud), ein elektronisches Schachspiel zum Geburtstag. Doch der Gatte fühlt sich überfordert und flieht vom Brett ins Bett, und für Hélène bleibt nur der Schachcomputer als nächtlicher Partner. Bis sie auf die Idee kommt, den bärbeißigen Witwer Kröger, bei dem sie als Putzfrau arbeitet, um Nachhilfestunden zu bitten. Kröger wird von Kevin Kline gespielt, und so ahnt man, wohin der Hase läuft. Doch auch diese Ahnung trügt, zum Glück.

          Bonnaires Gesichtszauber

          Wenn Filmkritiker beschreiben wollen, wie es Filmschauspielern gelingt, ohne große Worte und Gesten das Innere ihrer Figur zum Sprechen zu bringen, reden sie gern von „Präsenz“. Aber das trifft nicht die Art, wie Sandrine Bonnaire das Seelenleben Hélènes - so wie das Seelenleben aller ihrer Figuren zuvor - allein mit ihrem Mienenspiel modelliert. Bei Bonnaire muss man von Gesichtszauber sprechen. Anders lässt sich nicht erklären, warum man in jedem ihrer Filme gar nicht anders kann, als ihr unaufhörlich ins Gesicht zu blicken, als läge darin die Erklärung für alle Rätsel der Geschichte verborgen. Auf diese Weise gelingt es ihr, uns Dinge glauben zu machen, die wir anderen Schauspielerinnen kaum abnehmen würden: dass die Jungfrau Johanna in Rivettes Film mit Gott spricht, beispielsweise. Oder dass die korsische Putzfrau Hélène zur gefeierten Schachmeisterin wird.

          Caroline Bottaro, die Regisseurin, die vor ihrem Kinodebüt fünfzehn Jahre lang Drehbücher geschrieben hat, ist sich der wahren Machtverhältnisse in ihrem Film deutlich bewusst. Deshalb rückt sie ihrem Star nur sehr vorsichtig zu Leibe, zu vorsichtig, als dass aus der „Schachspielerin“ mehr werden könnte als ein gefälliger Rahmen für Sandrine Bonnaires Schauspielmeisterschaft. Aber auch in dieser Zurückhaltung steckt eine Kunst, an der sich einige deutsche Filmemacher ein Beispiel nehmen könnten. Manchmal ist das Instrument virtuoser als der, der es spielt.

          Das Rezept des Witwers Kröger für Schachwettkämpfe besteht aus einem einzigen Satz: „Dräng ihn zu einem Fehler.“ Irgendwann wird Hollywood den Fehler machen, ein Remake der „Schachspielerin“ in Auftrag zu geben. Aber jetzt gibt es ja noch das Original.

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