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Im Kino: „Der große Kater“ : Vom Unglück des Oberlippenbarts

Das Staatsbankett kann beginnen: Marie Bäumer und Bruno Ganz als Schweizer Präsidentenpaar Bild: Centralfilm

Familiäres Drama, dramatische Staatsaktion: Die Verfilmung von Thomas Hürlimanns Roman „Der große Kater“ ist mehr als passabel geworden. Marie Bäumer und Bruno Ganz spielen das Schweizer Präsidentenpaar souverän, allerdings unterläuft Ganz auch ein kleines Malheur.

          2 Min.

          Es geht vieles sehr gut in diesem Film. Wie seiner literarischen Vorlage, dem im Jahr 1998 erschienenen Roman „Der große Kater“ des Schweizer Autors Thomas Hürlimann, glückt es auch ihm, ein familiäres Drama nahtlos mit einem immer dramatischer werdenden Staatsakt zu verbinden. Wie im Roman konzentriert sich das Geschehen prägnant auf wenige Sommertage. Und dank der stupenden Kontinuität im spanischen Königshaus kann sogar der äußere Handlungsrahmen bestehen bleiben.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Im Roman treffen König Juan Carlos I. und seine Gemahlin Sophia im Juli 1979 zum Staatsbesuch in der Schweiz ein - im Film eben in unseren Tagen. Dass sich Marek Kondrat und Sabine Berg, die das Königspaar spielen, ganz im Gegensatz zum wirklichen Regentenleben mit relativ bescheidenen Nebenrollen begnügen müssen, schadet nicht. Aufs Neue wie in Hürlimanns Buch erfüllen sie auch im Film überzeugend die ihnen zugedachten Rollen als Katalysatoren eines innerschweizerischen Kampfes um die Macht in der konservativen Partei und an der repräsentativen Spitze des Staats.

          Die Majestäten entschweben zufrieden

          Ihren Gastgeber, den jeweils nur für ein Jahr gewählten Schweizer Bundespräsidenten, quälen neben den Intrigen seines einstigen Freundes und jetzigen Kontrahenten Stotzer vor allem sehr private Sorgen. Unheilbar krebskrank, liegt sein Sohn in einer Berner Spezialklinik, Marie, seine Frau, verzehrt sich zwischen Krankendienst und Repräsentationspflichten. Sie wird schließlich zur Rebellin wider Staatsräson und Medienmacht. Der Präsident aber, der keinen Namen braucht, weil ihn jeder nur als den „großen Kater“ kennt, bringt die offizielle Visite trotz aller Widrigkeiten einigermaßen nobel über die Bühne und tritt dann souverän ab. Die Majestäten entschweben zufrieden, die Schweizer Rüstungsindustrie sieht ihre Erwartungen erfüllt.

          Im Flur der Macht: Ulrich Tukur (links) als Fraktions- und Geheimdienstchef Dr. Stotzer und Bruno Ganz, der große Kater

          Im Zentrum von Roman und Film tobt ein Dreikampf zwischen Marie, Stotzer und dem Präsidenten. Vordergründig geht es auch hier um Politik, im Innersten aber um alte Rechnungen, die jetzt beglichen werden wollen, um einst verschmähte oder gewährte Liebe, um verletzten Stolz und um die Frage, ob darauf mit Nachsicht oder rächender Ranküne zu reagieren sei.

          Verbal munitioniert vom Drehbuchduo Claus Hant und Dietmar Güntsche, zudem vor Edwin Horaks Bilderteppichen aus Banketten und Bergwelten opulent in Szene gesetzt, ist dieser Dreikampf naturgemäß ein einziges Fest der Hauptrollen. Und es scheint, als habe sich der Regisseur Wolfgang Panzer bewusst zurückgenommen, um den Akteuren Marie Bäumer, Ulrich Tukur und Bruno Ganz nahezu unbegrenzte Freiräume für ihre Nah- und Fernduelle zu ermöglichen.

          Souveräne Verwandlungsfülle

          Marie Bäumers Marie: schön, sehr zerbrechlich wirkend, gleichwohl unbeugsam und unbarmherzig immer dann, wenn es das Protokoll zu bekämpfen oder die Würde des sterbenden Sohnes zu schützen gilt. Ulrich Tukur als Geheimdienstchef Stotzer, genannt Pfiff: gerissen, ohne je reißerisch zu chargieren, kalt und glatt, ohne je die eigenen Verletzungen zu verbergen. Bruno Ganz schließlich stattet die Präsidentenrolle mit souveräner Verwandlungsfülle aus: Mal verzagt, wenn sich alles gegen ihn wendet, mal strategisch verschmitzt, wenn ein Schachzug wider Erwarten doch gelingt - und auf hinreißende Weise so gelassen wie trostlos, nachdem ihn Marie beim Bankett vor Spaniens König desavouiert.

          Wie unglücklich ein Oberlippenbart sein kann, führt Ganz allerdings auch vor. Den ganzen Film über gelingt es jedenfalls nie, völlig darüber hinwegzusehen, dass dieser so erzdemokratische Präsident buchstäblich aufs Haar jenem Hitler gleicht, den Bruno Ganz vor sechs Jahren im „Untergang“ gab.

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