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Im Kino: „Der fremde Sohn“ : Oscar-Kandidatin Angelina Jolie: Die Frau, die niemals aufgibt

Eine Rolle für den Oscar? Bild: ddp

Eine „Horror-Story für Erwachsene“ hat Clint Eastwood seinen Film um einen vertauschten Sohn genannt, der im Los Angeles der späten zwanziger Jahre spielt. Angelina Jolie spielt eine alleinerziehende Mutter, die polizeilicher Willkür ausgeliefert ist. Reicht ihr Auftritt für den Oscar?

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          Sunshine und Noir, das ist einer der stabilen Gegensätze, der zu Kalifornien gehört wie die Gesundheitsapostel und der Smog, wie Beverly Hills und South Central, und aus Filmen wie „Chinatown“ und „L. A. Confidential“, aus den blutdurstigen Romanen von James Ellroy weiß man längst, dass Glamour und Grauen, Reichtum und Verbrechen nicht nur im Hollywoodkino Geschwister sind.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Eine „Horror-Story für Erwachsene, nicht für Kids auf der Suche nach Thrill“ hat Clint Eastwood seinen Film genannt, der im Los Angeles der späten zwanziger Jahre beginnt, und weil Eastwood meint, was er sagt, hat er sich auch weniger für eine stromlinienförmige Plotline interessiert als für die eigentümlichen Mäander seiner Geschichte, die ganz selbstverständlich im Vorspann als „true story“ angekündigt wird, ohne den Zusatz „based on“ oder „inspired by“. Im Gegensatz zum Mordfall „Schwarze Dahlie“, über den Ellroy seinen (von Brian de Palma verfilmten) Roman geschrieben hat, sind die „Wineville Chicken Murders“ von Hollywood unbeachtet geblieben, obwohl in dem Fall alles steckt, was sich ein Produzent wünscht: Entführung, Tragik, ein Serienmörder und eine korrupte Polizei, das LAPD, das der damals populäre Radioprediger Gustav Briegleb als die „gewalttätigste, korrupteste, inkompetenteste Polizeitruppe diesseits der Rocky Mountains“ bezeichnete.

          Filme im Akkord

          Wer sonst als Clint Eastwood sollte das in die Hand nehmen? Es ist unglaublich, wie der 78-Jährige Jahr für Jahr einen Film dreht - manchmal auch zwei, Rücken an Rücken wie „Flags of Our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ -, denn während „Der fremde Sohn“ (im Original „The Changeling“, das untergeschobene Kind) jetzt ins Kino kommt, steht in sechs Wochen schon der nächste Eastwood an, „Gran Torino“. Und man ließe vermutlich auch niemanden unbehelligt, der eben nicht fünf Mal Drehbücher umschreiben lässt und bei Schauspielern dafür beliebt ist, dass er sie nicht zehn Mal Szenen wiederholen lässt. So arbeitet er preiswert und effizient, mit einem Kassenerfolg, der dem Budget entspricht, und man denkt manchmal schon mit leichter Sorge daran, wer eigentlich diese Stoffe durchsetzen soll, wenn Eastwood sich einmal zurückzieht.

          Die Polizei übergibt Christine Collins den falschen Sohn

          Die Geschichte vom „Fremden Sohn“ beginnt 1928, in Lincoln Heights, in den eigenartig entsättigten Farben eines Sommertages, und diese leicht gedämpfte Stimmung wirkt wie eine Ahnung des Verhängnisses - mal abgesehen davon, dass die im Computer erzeugten historischen Panoramen von Los Angeles einfach großartig aussehen. Eine alleinerziehende Mutter bringt ihren Sohn zur Schule, mit der Straßenbahn, die es damals noch gab in Los Angeles, dann fährt sie zur Arbeit als Schichtleiterin in einer Telefonzentrale, wo sie die Telefonistinnen auf Rollschuhen beaufsichtigt. Die Alltagsroutine, die in diesen ersten Szenen liegt, hat ebenso etwas Beruhigendes, wie sie signalisiert, dass Gefahr droht. Und als die Mutter am Wochenende mit schlechtem Gewissen eine Extraschicht übernimmt, ist ihr Sohn bei ihrer Rückkehr verschwunden.

          Jolies Oscar-Ambitionen

          Angelina Jolie spielt diese Christine Collins, und es ist Eastwoods Überraschungscoup, dass er sie gewinnen konnte. In Amerika hat der eine oder andere darin eine durchsichtige Spekulation gesehen: auf den Oscar als beste Darstellerin. Mag ja sein, dass das auch eine Rolle gespielt hat. Entscheidend ist aber, wie sie spielt, und da Eastwood kein Hasardeur ist, musste man auch nicht mit einem Scheitern rechnen. Es gab stärkere, berührendere weibliche Hauptrollen im vergangenen Kinojahr, aber da ist kein Klassenunterschied, auch wenn man Angelina Jolie etwas hämisch vorgehalten hat, sie agiere zu puppenhaft und grimassiere zu viel, mit dem roten Lippenstift im bleichen, von kalifornischer Sonne unberührten Gesicht, sie sei zu hilflos und dann wieder zu kämpferisch.

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