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Im Kino: „Coraline“ : Zu große Fürsorge ist hier nicht das Problem

  • -Aktualisiert am

Coraline entdeckt eine Geheimtür, durch die sie in eine fantastischen Parallelwelt gelangt Bild: AP

In ihrem neuen Zuhause macht „Coraline“ eine entscheidende Entdeckung: eine Tür, die in eine andere Welt führt. Der Film von Henry Selick erzählt in verschlüsselter Form von der alten Frage nach einer perfekten Kindheit.

          Man könnte es für ein Zeichen der Zerstreutheit halten, dass die kleine Coraline Jones einen Namen trägt, der nicht ganz zu stimmen scheint. Sind da nicht die Vokale vertauscht? Wurden das „a“ und das „o“ nicht zerstreut aufgefädelt von zwei Elternteilen, die ständig ungeheuer beschäftigt sind in den Tagen, von denen Henry Selicks Animationsfilm „Coraline“ erzählt?

          Mr. und Mrs. Jones arbeiten gerade an einem Katalog, der für die Gartenkunst wohl das Nonplusultra sein wird. Wie man sie da immer so sitzen sieht, leicht abwesend und höchst konzentriert, könnte es ebenso gut sein, dass sie nebenbei noch Superagenten oder Geheimhelden sind wie Mr. und Mrs. Smith in einem bekannten Blockbuster.

          Eine andere Welt

          Aber „Coraline“ gehört zu einer ganz anderen Welt, in der es nicht um Action geht, sondern um Imagination. Es hat schon seine Richtigkeit mit den vertauschten Buchstaben. Sie prädestinieren das Mädchen Coraline dafür, in eine verkehrte Welt einzutreten, in der das Alpha und das Omega für eine Weile gehörig durcheinandergeraten. Es beginnt, ganz klassisch, mit dem Einzug in ein neues Haus. Es steht einsam auf einem Hügel, umgeben von putzigen Hügeln und spukigen Wäldern. Familie Jones hat sich hierher zum Arbeiten zurückgezogen, aber die wache Coraline ist bald ein wenig gelangweilt und macht sich auf ins Ungewisse hinter dem Gartenzaun.

          Zuerst trifft sie den Nachbarsjungen Wybie, mit dem sie sich nicht auf Anhieb einwandfrei versteht, der aber eine Menge weiß über die neue Umgebung. Bald darauf macht Coraline die entscheidende Entdeckung: eine Tür, die in eine andere Welt führt. Es ist eine parallele Welt, denn auch dort gibt es Mutter und Vater, nur ist die Mutter ungeheuer aufmerksam, sie kocht hervorragend und umschmeichelt das Mädchen in einer Weise, die von Beginn an verdächtig erscheinen muss. Der Vater ist ein echter Tausendsassa, kein Sklave der Tastatur wie der richtige Papa von Coraline.

          So außergewöhnlich die andere Welt auch ist, sie ist doch stark in der richtigen Welt verwurzelt. Das war schon in „The Wizard of Oz“ so, einem dezidierten Vorbild für Neil Gaimans Buch „Coraline“, und der grundlegende Klassiker „Alice in Wonderland“ liegt auch in Reichweite. Das Kind, das in die Welt der Phantasie gerät und dann irgendwie wieder in die schnöde Wirklichkeit zurückfinden muss, ist eine perfekte Identifikationsfigur auch noch für Erwachsene - zumal, wenn ein Film wie der von Henry Selick die Schwierigkeit der Aufgabe nicht entschärft, sondern dem Unheimlichen auch standhält.

          Der Preis für das Abenteuer

          Selick hat 1993 mit seinem von Tim Burton produzierten „Nightmare before Christmas“ die Kritik begeistert, aber auch ein wenig zu kühn die Konventionen des Weihnachtskinos in den Wind geschlagen. Im Fall von „Coraline“ fügt sich nun alles sehr schön zusammen: eine Vorlage, an der nicht allzu viel herumgebastelt werden musste, eine wunderbar unzeitgemäße Tricktechnik (Stop Motion ist geduldigste Handarbeit) und ein kommerzielles Umfeld, das in der 3-D-Technik, die hier auch zur Anwendung kommt, großes Potential sieht.

          Man kann aber auch ohne die entsprechende Brille, die zum Beispiel den Schlund, durch den Coraline in die andere Welt kriecht, sehr plastisch verräumlicht, leicht erkennen, dass hier eine Liebe zum Detail waltet, die zuletzt ein überzeugendes Ganzes ergibt. „Coraline“ erzählt in verschlüsselter Form von der alten Frage nach einer perfekten Kindheit: Ist es wichtiger, dass die Eltern sich um alles kümmern und in jedem Moment für alles Sorge tragen? Oder gibt es auch heute noch die Räume, die ein Kind auf eigene Faust durchstreunen kann, fernab von der schützenden Hand der Eltern? Nicht die geringste Qualität von „Coraline“ ist, dass Henry Selick den Preis für das Abenteuer nicht herunterrechnet - die Gefahr ist so lebendig und echt, wie sie es in einem phantastischen Film nur sein kann.

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