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Im Kino: „Another Year“ : Vom Knirschen der Träume

Lesley Manville spielt die als Autofahrerin hoffnungslose Mary Bild: dapd

Fünfzig verweht: In seinem neuen Film „Another Year“ malt der Regisseur Mike Leigh, der als Menschenfreund des britischen Kinos gilt, ein Gruppenbild im Rhythmus der Jahreszeiten.

          3 Min.

          Eine Frau geht zum Arzt, weil sie nicht schlafen kann. Die Medizinerin, die sie untersucht, findet keine körperliche Ursache und schickt die Frau zu einer Psychotherapeutin. Diese ist im gleichen Alter wie die Patientin, Ende fünfzig, aber ihre Gestik und ihr Mienenspiel wirken entspannt, während Gesicht und Körper der Schlaflosen wie unter großem Druck versteinert sind. Als die Therapeutin fragt, welche Veränderungen sie sich für ihr Leben wünsche, antwortet die Frau: „Ein anderes Leben.“ So beginnt der Film „Another Year“.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Für das, was der Brite Mike Leigh mit dem Kino macht, gibt es einen französischen Ausdruck, den man schlecht in andere Sprachen übersetzen kann: „cinéma vérité“. Auch wenn der Begriff ursprünglich geprägt wurde, um eine Richtung des Dokumentarischen zu beschreiben, passt er auf Leighs Arbeitsweise perfekt. Leigh skizziert ein paar Figuren, die ihn interessieren, und eine Grundkonstellation, geht dann mit seinen Schauspielern in Klausur und lässt sie ihre Charaktere entwickeln, bis sie ausgereift sind. Erst danach entsteht die Geschichte, die Handlung. Beim Drehen werden die Szenen improvisiert und dann in chronologischer Reihenfolge aufgenommen. Erst der letzte Arbeitsschritt versiegelt den Fluss der Bilder.

          Ein klassischer Studioregisseur wie Billy Wilder hätte diese Art des Filmemachens vermutlich als höheren Dilettantismus abgetan. Für Mike Leigh ist sie die notwendige Bedingung filmischer Freiheit. Und doch ist Leighs Kino nicht so himmelweit von Wilder entfernt, wie es auf den ersten Blick erscheint. Die Regievirtuosen der Studiozeit haben stets davon geträumt, aus dem Reich der Scheinwerfer ins Tageslicht auszubrechen. Und ein Film wie „Another Year“ träumt insgeheim von der reinen Komik des Slapsticks.

          Philemon und Baucis als Reihenhausbesitzer: Ruth Sheen als Gerri und Jim Broadbent als Tom
          Philemon und Baucis als Reihenhausbesitzer: Ruth Sheen als Gerri und Jim Broadbent als Tom : Bild: dapd

          Das körperlich spürbare Voranschreiten der Zeit

          Die Szene etwa, in der Mary (Lesley Manville) den Sohn ihrer besten Freundin in ihrem knallroten Kleinwagen fluchend, hupend und stotterbremsend zur nächsten U-Bahn-Station fährt, ist purer Komödienstoff, nur eingewoben in eine Folge ebenso beiläufiger wie tragisch grundierter Lebensbilder. Denn Mary, auch wenn sie es nicht wahrhaben will, ist zwanzig Jahre zu alt für Joe, und ihr wildes Hantieren am Steuer, mit dem sie ihn beeindrucken will, verschreckt ihn nur noch mehr. Der Sommer, der mit dem Kauf eines Autos begonnen hat, wird für Mary in Trauer und Enttäuschung enden, und am Schluss wird wieder ein Jahr vergangen sein, das kein neues Leben gebracht, sondern nur das alte, unvollkommene verlängert hat.

          Eben in dieser Verlängerung, im körperlich spürbaren Voranschreiten der Zeit, liegt die Dramatik von Leighs Kinoerzählung. Dass das Leben irgendwie weitergeht, gehört ja sonst zu den langweiligsten Botschaften, die man in Filmen zu hören bekommt. In „Another Year“ aber geht das Leben so rücksichtslos weiter, dass man die Scherben der zertretenen Träume unter seinen Schritten knirschen hört.

          Es zerstört die Illusion der Praxisassistentin Mary, die mit dem Pflichtanwalt Joe eine zweite Jugend erleben wollte, es lacht über die plumpen Annäherungsversuche des dicken Arbeitsamtlers Ken, der ausgerechnet Mary als Dame seines Herzens erwählt hat, und es lässt im Handumdrehen eine Nebenfigur sterben, nur damit sich zwei hoffnungslos Einsame, die zurückgewiesene Mary und der zurückgelassene Witwer Ronny, im Wintergarten ihrer Gastgeber begegnen können.

          Und was geschieht mit der schlaflosen Frau?

          Natürlich ist es nicht das Leben selbst, das alle diese Entscheidungen trifft, sondern der Regisseur Mike Leigh. Leigh ist sich der Macht, die er über seine Figuren hat, nur allzu bewusst. Deshalb versteckt er sie nicht hinter psychologischen Finessen, sondern stellt die Mechanik der Story offen aus. „Another Year“ erinnert an die Kinozyklen des Franzosen Eric Rohmer, der ja auch eine Jahreszeiten-Tetralogie gedreht hat. Nur dass bei Leigh alles in einer einzigen Geschichte verdichtet ist: die Phantasien des Frühlings, die Sehnsüchte des Sommers, die Kräche des Herbstes, die Bitterkeit des Winters.

          Leigh gilt als der Menschenfreund unter den britischen Regisseuren. Dabei verdeckt der geduldig zugeneigte Blick, den er auch in „Another Year“ wieder auf seine Figuren wirft, den tiefen Pessimismus ihres Erfinders. Dass auch das kommende Jahr für Mary, Ken, Ronny und die anderen nichts Besseres bringen wird als das gewesene, ist die finstere Wahrheit dieser sanften Geschichte.

          Um ihre Wirkung zu mildern, hat Leigh zwei Lichtgestalten in den Mittelpunkt der Handlung gestellt. Gerri (Ruth Sheen) und Tom (Jim Broadbent) sind Philemon und Baucis als Reihenhausbesitzer, ein Musterpaar, wie es sonst nur noch in Familienserien vorkommt. Man wünschte, dieses liebevoll ausgemalte Fernsehklischee, vor dem die anderen Gestalten des Films noch trostloser wirken, wäre wahr. Wirklich glauben kann man es nicht.

          Und die schlaflose Frau? Sie solle wiederkommen, wenn sie sich aussprechen wolle, sagt die Psychotherapeutin. Man sieht sie nie wieder. Das Schweigen, das ihren Abgang begleitet, ist die verborgene Tonspur dieses Films.

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