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Im Kino: „A Touch of Sin“ : Aus der Welt der Wutbürger Chinas

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In der Masse allein: Zhao Tao, die hier an dem Rücken eines Freundes lehnt, arbeitet sonst in einer Sauna, was blutig ausgeht. Bild: REM

Der Film „A Touch of Sin“ von Jia Zhangke zeigt die Zuckungen der Geschundenen in Chinas neuem Goldenem Zeitalter - und überrascht in jeder Minute.

          3 Min.

          Gemeinsam für den Fortschritt“ - diese Parole wird gern von Menschen ausgegeben, die sich von diesem Fortschritt dann die Profite sichern. Boss Jiao Shengli in der nordchinesischen Provinz Shanxi hat 2001 bei der Privatisierung von Kohlegruben einen guten Deal gemacht. Seither hat sein Vermögen große Fortschritte gemacht, die Gemeinschaft lässt er daran teilhaben, indem er bei der Ankunft mit seinem neuen Privatjet auf dem Regionalflughafen gratis Mehl ausgeben lässt. Die bestellte Jubelmenge versieht brav ihren Dienst, der Boss schreitet mit seiner schönen Gattin die Reihen ab. Einer will sich das nicht so einfach bieten lassen. Er droht mit einer Anzeige bei der Disziplinarkommission in Peking. Zur Strafe wird er verprügelt und trägt fortan einen neuen Rufnamen: „Golfball“.

          Es ist eine typische Szene in Jia Zhangkes neuem Film „A Touch of Sin“, denn mehrfach treffen hier die Erfolgreichen des neuen „goldenen Zeitalters“ in China auf eine dienstbare Klasse. In einem noblen Resort verkleiden sich Mädchen aus dem Landesinneren als Mitglieder der Volksbefreiungsarmee und marschieren dann in Formation in den Raum, in dem sie zur Fleischbeschau erwartet werden. In einem solchen Klima verwundert es nicht, wenn von einer Frau, die eigentlich als Rezeptionistin in einer Sauna arbeitet, ebenfalls sexuelle Gefälligkeiten erwartet werden. Als sie sich weigert, ohrfeigt sie einer Kunden mit einem Bündel Geldscheine. Einmal quer durch das Land, von Norden bis Süden, von Taiyuan bis Guangdong, sammelt Jia Zhangke in „A Touch of Sin“ empörende Momente aus einer Zeit der neuen Ausbeutung. Und er zeigt auch, was daraus folgen könnte: „Ich gehe auf die Jagd“, sagt einer der Wutbürger, auf die Jagd“, sagt einer der Wutbürger, bei denen der „wachsende gesellschaftliche Druck“ - eine Formulierung, die nebenbei einmal aus einem Radio zu hören ist - zu einer Überreaktion führt.

          Der Schatz der Martial Arts

          „A Touch of Sin“ ist, man kann es nicht anders sagen, eine Meditation über den Amoklauf als politische Handlung. Und mit dem Titel seines Films macht Jia Zhangke auch klar, dass diese Gewalttaten in einem historischen Zusammenhang stehen, durch den sie in gewisser Weise auch legitimiert werden. Denn hinter „A Touch of Sin“ ist deutlich „A Touch of Zen“ vernehmbar, ein Martial-Arts-Klassiker von King Hu, in dem es ebenfalls um den Kampf gegen Korruption und schlechte Regierung ging. Es wäre allerdings eine triviale Ableitung, wenn Jia Zhangke seine Figuren einfach in das Erbe der akrobatischen Helden rufen würde, die aus einem authentischen Schatz an Traditionen schöpfen konnten. Vielmehr erzählt „A Touch of Sin“ davon, dass dieser Schatz unwiederbringlich verloren ist. Eine einzige, blitzartige Bewegung verweist auf die alte Verbindung von Eleganz und Edelmut, doch zumeist erinnern die Gewalttaten eher an die Zuckungen eines geschundenen Pferdes, das Jia Zhangke leitmotivisch auftauchen lässt.

          Das klassische Genre ist für ihn, den neorealistischen Chronisten der chinesischen Transformation, eigentlich tabu - zu stark wurde es von Zhang Yimou in den Dienst offiziöser Geschichtsdarstellungen genommen. Und so geistert Wuxia, wie dieses Genre genannt wird, wie fast schon ein vergessenes Ethos durch einen Film, in dem kein „Grandmaster“ mehr für Ordnung sorgen kann.

          Blick auf die Reste der Hochkultur

          In seinem bis heute bedeutendsten Film „Platform“ hat Jia Zhangke davon erzählt, wie ein Kulturensemble, das anfangs noch deutlich auf die Parteilinie verpflichtet war, in die prekäre Gestaltungsfreiheit einer heraufziehenden marktwirtschaftlichen Ordnung entlassen wurde. Schon damals war Shanxi, die Heimat von Jia Zhangke, die Region, an der er das Maß von Chinas Fortschritt nahm. Immer wieder kehrt er dorthin zurück, von dort brechen die Wanderarbeiter auf, die er bei den Abbrucharbeiten für den Dreischluchtendamm ebenso begleitet hat wie in die Hauptstadt, wo in einem Erlebnispark „The World“ nachgebaut wurde.

          Und immer wieder kommen auch neue Ensembles nach Shanxi und spielen den Leuten etwas vor, zumeist Geschichten aus der Pekingoper. Mit einem Blick auf die Menschen im Publikum, die erschöpft auf die Reste ihrer einstigen Hochkultur starren, endet „A Touch of Sin“, der so etwas wie eine Zwischensumme im Werk von Jia Zhangke darstellt: Die inhaltliche Abrechnung und die formale Öffnung gehen hier ineinander über. „Vorwürfe bitte nur an den Jadekaiser“, sagt einer der Amokläufer, bevor er zur Waffe greift. Der Jadekaiser aber ist selbst zu einer Figur geworden, die nur noch von Schaustellern am Leben erhalten wird.

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