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Im Kino: „9 to 5 - Days in Porn“ : Die härteste Spielart des Pop

  • -Aktualisiert am

Spätestens seit Paul Thomas Andersons Hollywood-Drama „Boogie Nights“ gilt die kalifornische Porno-Industrie als respektables Film-Sujet. Doch was ist Wahrheit, was ist Fiktion? Ein deutscher Dokumentarfilm liefert erschreckende Einblicke.

          Wenn die Pornodarstellerin Sasha Grey demnächst als Hauptdarstellerin in Steven Soderberghs Film „The Girlfriend Experience“ zu sehen ist, dann sagt dies weitaus mehr über Durchsetzungskraft und Talent der Einundzwanzigjährigen aus als über das Karrieresprungbrett Porno. In Jens Hoffmanns Dokumentarfilm „9 to 5 - Days in Porn“ steht Grey noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Ihre Kollegen sehe sie als Werkzeug, sagt Grey typisch schnoddrig und selbstbewusst an einer Stelle des Films: „Sie sind meine Knarre, mit der ich schieße.“ In der Einstellung darauf tanzt sie in Jeans und Top mit ihrem Freund Ian zu Pianogeklimper in der Abendsonne über einen Parkplatz: fast ein Independent-Girl-Idyll.

          Der Pornodarsteller und -regisseur Otto Bauer steht derweil - wie immer mit einer Flasche Bier - neben dem stets gehissten Sternenbanner im Garten seines Hauses und pinkelt auf den Rasen. Drinnen sitzt seine Frau, die soeben mit dem Adult Video News-Award ausgezeichnete Audrey Hollander, und kifft. Für Otto, so Hollander, sei sie bereit, Dinge zu tun, die sie sonst niemals getan hätte. Er sei bereit, sich für das Recht einer Frau einzusetzen, Sex mit einer Dogge zu haben, lallt Otto Bauer etwas später. Bauer, mit verschlagenem Grinsen und diabolischem Blick, ist der erklärte Bad Guy des Films: ein Bilderbuch-Sexist und Outlaw-Proll, der nur dann eine Szene abbricht, wenn gerade sein Gras-Dealer anruft. Seltsamerweise sieht man ihm ganz gern zu, wie er durch Hoffmanns Doku rüpelt - vielleicht weil Bauer letztlich der ehrlichste Charakter des ganzen Films ist.

          Dreharbeiten im „Hollywood des Porno“

          Wenn man sich dem Thema Porno nähert, egal, wie und warum, muss man sich zunächst vergegenwärtigen, dass man es hier mit einer unfassbaren Industrie zu tun hat (angebliches Jahresvolumen der kalifornischen Pornofirmen: mehr als zwölf Milliarden Dollar), die quasi als ultrakommerzielle Subkultur für einen Mainstream produziert, dem offiziell niemand angehören mag. Das Gros aller Pornofilme entsteht im San Fernando Valley, dem „Hollywood des Porno“, wo die Mieten für Studios, Kopierwerke, Vertriebslager und Büros günstig sind und pro Jahr um die 13000 neue Produktionen entstehen.

          Achtzehn Monate hat der Münchner Filmemacher Jens Hoffmann im Valley gedreht und ist den Antistars und Hintermännern des Genres extrem nah auf die Pelle gerückt. Er hat einen Film gedreht, der alle Vorurteile gegenüber der Pornoindustrie bestätigt - und oft genug auf hysterische Art übertrifft: Hoffmanns glatte Bilder schwanken zwischen grotesken Beiläufigkeiten und entlarvenden Detailansichten; er porträtiert ein Filmgenre, das vom totalen Sehen und Zeigen lebt, und verschiebt dafür den Blickwinkel: Wirkliche Penetration ist hier nicht zu sehen - nur ihre Effekte, aber die abgekämpften Gesichter der Frauen mit ihrem derangierten Make-up und die rotgesichtig aus dem Set stolpernden Männer lassen das Ganze oft genug wie einen erniedrigenden und zugleich albernen Extremsport aussehen.

          Selbstverwirklichung, Geld und Ruhm?

          Porno erscheint in Hoffmanns Film als unterste Schublade des amerikanischen Traums von Selbstverwirklichung, Geld und Ruhm. Der Agent Mark Spiegler, ein untersetzter kleiner Mann, sagt irgendwann einen der zentralen Sätze des Films: „Wo verdient ein Mädchen, das nie studiert hat oder nicht mal die Schule beendet hat, mehr Geld als ein Arzt? Porno!“ Eine andere wichtige Äußerung kommt von der ehemaligen Darstellerin Sharon Mitchell, die nach einer Vergewaltigung aus dem Geschäft ausstieg, Ärztin wurde und nun Aufklärung, Betreuung und Tests auf HIV und Geschlechtskrankheiten anbietet. Es gebe drei Arten von Menschen, die sich von der Pornobranche angezogen fühlen: die Geldsüchtigen, die Sexsüchtigen und die Ruhmessüchtigen - die mit den größten Problemen seien Letztere.

          Es gibt sie alle hier: die Sexbesessenen, die Geldgeilen und die, die glauben, eine brutale Gangbang-Szene führe nach Hollywood. Hoffmann zeigt die Opfer und die Ausbeuter, die Profis und die Stumpfen, die Kaputten und Zerstörten, die Stolzen und die Rebellen. Sein Film arbeitet ohne Off-Text. Alle Informationen kommen aus dem Mund von Insidern. Doch so rührend und entlarvend der Film bisweilen ist, sosehr er die Bigotterie im Gewerbe - und beim Zuschauer! - aufdeckt: Er präsentiert Porno als härteste Spielart von Pop. Im Abspann wird eine aus dem Geschäft ausgestiegene Darstellerin mit dem Satz zitiert, sie wolle sich unter einem großen Stein verstecken. „Dreamers keep dreaming, believers keep believing / Go find a better way“, singt dazu eine sanfte Stimme auf der Tonspur.

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