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Im Gespräch: Robert Redford : Auch im Krieg darf das Gesetz nicht schweigen

  • Aktualisiert am

Er kennt die Nöte eines unabhängigen Filmemachers: Robert Redford Bild: dpa

Es ist ein gutes Jahr her, dass wir Robert Redford nach der Premiere seines Films „Die Lincoln Verschwörung“ trafen. Erst jetzt kommt er in die Kinos. Ein Gespräch über die Schwierigkeit, unabhängige Kinofilme zu drehen

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          Als ich hörte, dass Sie hier beim Filmfestival in Toronto Interviews geben und über den roten Teppich laufen, was Sie hassen, und das alles, weil ihr Film „Die Lincoln Verschwörung“ in vielen Ländern noch keinen Verleih hat, dachte ich an die berühmte Anekdote von Cary Grant. Als ihm jemand sagte: ,Jeder will Cary Grant sein', da antwortete er: ,Ich auch.' Geht es Ihnen auch so? Wären Sie auch gern Robert Redford? Wie man sich das so vorstellt: Der klassische Star, der sich um nichts kümmern muss, weil alle Türen auffliegen, wenn er kommt?

          Ha, das wäre was! Aber die Lage hat sich doch sehr verändert in den letzten Jahren. Außerdem habe ich sowieso nie geglaubt, die Türen flögen für mich auf. Ich komme aus der Arbeiterklasse, das prägt und bleibt. Ich habe diese Vorteile nie erwartet und nie für selbstverständlich gehalten. Und jetzt, älter geworden, halte ich überhaupt nichts mehr für selbstverständlich. Unglück lauert überall, da ist es schon gut, wenn nichts passiert.

          Und im Beruf? Schmerzt es Sie nicht, dass Sie wie jeder andere Klinken putzen müssen für Ihren Film? Es ist ja schon Ihr achter als Regisseur.

          Das Filmgeschäft hat sich sehr verändert. Eine Weile gab es noch Studios, die mit ihren unabhängigen Abteilungen meine Filme unterstützten. Die gibt es nicht mehr. Studios interessieren sich nur noch für Blockbuster und Serien. Unabhängige Filme zu drehen heißt heute eben auch, unabhängig Geld zu besorgen. Für eine Geschichte wie „Die Lincoln Verschwörung“ geben die Studios schon lange kein Geld mehr aus. Früher konnte ich noch für ein Studio einen Actionfilm, eine Komödie oder romantischen Film als Schauspieler machen und dann Geld für meinen eigenen Film bekommen. Das ist vorbei. Das unabhängige Kino muss sich tatsächlich unabhängig finanzieren. Mit allem, was dazu gehört - dass Investoren im letzten Augenblick aussteigen, Pleite gehen, Versprechen brechen.

          Das Drehbuch zur „Lincoln Verschwörung“ soll eine Weile in Hollywood herumgereicht worden sein, bevor erst Sie sich dafür interessierten und daraufhin - vielleicht doch der Robert-Redford-Effekt - ein Investor einstieg.

          Es fand sich jemand, der sich besonders für die amerikanische Geschichte interessierte.

          Jeder Amerikaner kennt doch die Geschichte der Lincoln-Ermordung. Müssen Sie die noch einmal erzählen?

          In den Interviews, die ich bisher geführt habe und auch bei der Premiere hier, habe ich gemerkt: Keiner kennt die Geschichte so genau. Aber die historischen Ereignisse liefern auch nur den Katalysator für die Filmgeschichte. Die Ermordung von Präsident Lincoln ist nicht das Thema meines Films. Aber mit ihr, dieser unerhörten Tragödie in unserer Geschichte, die immer noch in unserer Gesellschaft nachklingt, beginnt der Film. Es geht dann aber im Grunde um das Gerichtsverfahren, das sich anschloss. Und das ist eine Geschichte, die nicht bekannt ist. Die will ich erzählen. Es ist eine persönliche Geschichte, die sich innerhalb der großen historischen abspielt.

          Es gibt in Ihrem Film zwei Verschwörungen: Die, der Präsident Lincoln zum Opfer fällt und die zum Ziel hat, die im Bürgerkrieg unterlegenen Südstaaten zu rächen. Und die, deren Opfer die verwitwete Pensionswirtin Mary Surratt wird, in deren Haus der Präsidentenmord geplant wurde.

          Es gibt zwei verschiedene Sichtweisen auf das Ganze. Da ist die von Edwin Stanton, dem Kriegsminister. Er will den Prozess gegen Mary Surratt schnell über die Bühne bringen und sie vor ein Kriegsgericht stellen. Das ist ein legitimer Wunsch und eine Haltung, wie sie nach dem 11. September etwa Dick Cheney einnahm - wir sind eine starke Nation, das müssen wir beweisen, weil wir unsere Interessen schützen wollen. Die andere Sichtweise vertritt Marys Anwalt. Er sagt, wenn wir das tun, verlassen wir die Rechtsstaatlichkeit, und wenn wir das tun, verstoßen wir gegen die Verfassung. Und es ist unsere Verfassung, die uns stark macht. Sie ist das Beste, was wir haben.

          Stanton sagt, das ist nur ein Stück Papier.

          Er sagt: Hier geht es um die Einheit des Landes, sie ist das Wichtigste, das wir haben nach dem langen Bürgerkrieg. Manchmal muss man Leute verurteilen, hinrichten, begraben und schnell vergessen, um einem höheren Gut zu dienen.

          Klingt nach der Verteidigung von Folter, nach der Legitimation von Guantanamo in Folge der Attentate auf New York und Washington am 11. September.

          Mary ist eine einfache Frau, eine Zivilistin. Sie vor ein Militärgericht zu stellen, verstößt gegen das Gesetz. Die Begründung, es dennoch zu tun, heißt: In Kriegszeiten schweigt das Gesetz.

          Und dann zeigen Sie, wie diese beiden Positionen bei einem Abendessen aufeinander treffen.

          Genau. Der eine sagt: Wir müssen das Recht hochhalten, sonst verbreiten wir Angst und Unsicherheit, das wird in der Katastrophe enden. Und der andere, der Kriegsminister, sagt: Die Katastrophe ist schon da. Unser Präsident wurde ermordet. Sechshunderttausend Menschen sind gestorben. Schlimmer wird es nicht. Und jetzt ist die Frage: Was machen wir? Damals hängten sie Mary Surratt.

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