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Im Gespräch: Regisseur Wong Kar-wai : Gibt es kein Glück in der Liebe?

Der Chinese Wong Kar-wai erzeugt in seinen Filmen eine Sehnsucht, die spätestens mit „In the Mood for Love“ stilbildend wurde. Jetzt kommt - mit Jude Law und Norah Jones - sein erster amerikanischer Film in unsere Kinos. Ein Interview.

          Wir treffen Wong Kar-wai in Cannes in einer Hotellobby. Es ist voll dort und laut, und wir werden häufig unterbrochen - vom Produzenten, von Fans, von seiner Frau. Der Regisseur bleibt höflich, konzentriert, engagiert. Dass Erotik eine besondere Rolle in seinen Filme spiele, streitet er allerdings ab.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          „My Blueberry Nights“ ist Ihr erster Film, den Sie in den Vereinigten Staaten gedreht haben, noch dazu mit amerikanischen oder englischsprachigen Schauspielern. Ein Teil der Faszination, die von Ihren Filmen fürs westliche Pulikum ausging, lag ja darin, dass wir in den Gesichtern Ihrer Darsteller schwer lesen konnten. Nicht nur „In the Mood for Love“ hatte etwas Abstraktes oder blieb zumindest nur halbkonkret. Das hatte auch mit den Gesichtern von Tony Leung Chiu-wai und von Maggie Cheung zu tun, in denen sich innere Regungen ganz anders spiegeln, als wir es gewöhnt sind - oder eben auch nicht. In den Gesichtern von Norah Jones und Jude Law aber, dem Paar in Ihrem neuen Film, können wir alles sehen. Wir sind geübt darin, ihre Mimik zu deuten. Es gibt, könnte man sagen, kein Geheimnis hier. War das nicht ein Risiko, weil ein Teil Ihres Erfolgs im Westen gerade von dieser Rätselhaftigkeit lebt, die Ihre Figuren umgibt?

          Es gab für das westliche Publikum gegenüber meinen Filmen immer eine bestimmte und offenbar verführerische Distanz, das ist richtig, nicht nur wegen der Gesichter, auch wegen der Sprache und Untertitel. Diese Distanz fällt jetzt weg, und ich bin sehr gespannt darauf, wie das westliche Publikum reagieren wird. Allerdings hatte ich diese Distanz umgekehrt jetzt selbst bei der Arbeit am Film, weil ich in Englisch gedreht und Regie geführt habe. Der Film war übrigens ursprünglich ein Kurzfilm, den wir während der Dreharbeiten zu „In the Mood for Love“ gedreht haben. Ich wollte sehen, ob sich die Gefühle in dem Film verändern, wenn wir ihn in eine andere Sprache übersetzen, in einer anderen Landschaft platzieren. Und tatsächlich: Es wurde ein völlig anderer Film: expliziter, offener, rätselloser, wenn Sie wollen. In Amerika kann man über Dinge sprechen, die in China niemand thematisiert, Dinge, die sich in Beziehungen abspielen. Ich habe übrigens eine Weile auch überlegt, einen Teil der Handlung nach Deutschland zu verlegen und in Berlin nach Schauplätzen gesucht. Das wäre dann wieder ein ganz anderer Film geworden.

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          Was war denn der entscheidende Unterschied in der Arbeit mit englischsprachigen Darstellern im Vergleich zu Ihren früheren Filmen?

          Seltsamerweise war der Unterschied gar nicht so groß, was die Darsteller betrifft. Groß war er, was mich selbst angeht. Wenn ich mit chinesischen Schauspielern arbeite, weiß ich genau, worauf ich hinauswill, welche Reaktion ich sehen will. Wissen Sie, der Dialog ist für mich ja nicht so entscheidend. Entscheidend ist, was zwischen den Zeilen geschieht, die kleinen Gesten, die Art, wie gesprochen wird. Wenn ich mit einem chinesischen Team arbeite, kann ich den Schauspielern diese Tonlage ganz genau vorgeben. Mit englischsprachigen Schauspielern kann ich das nicht. Ich muss sie fragen, und sie müssen in ganz anderer Weise in die Arbeit einbezogen werden. Wenn es um den Subtext, den Ton des Dialogs geht, kann ich sehr schwer entscheiden, was angemessen wäre und was genau ich für meine Geschichte haben will. Da brauche ich die Schauspieler und muss sie fragen: Zeigt mir das mal, bitte. Übrigens arbeiten ja viele Regisseure so, dass sie nur die Situation vorgeben und dann auf den Input der Darsteller warten. Für mich aber war das etwas Neues. Eine engere Zusammenarbeit, als ich es gewöhnt war.

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