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Im Gespräch: Julie Delpy : Ich weiß nicht mal, was niedlich ist

  • Aktualisiert am

Sie wurde aus Versehen Schauspielerin, debütierte in einem Film Godards und behauptet, „nichts lieber als blöde Tussis“ zu spielen. In ihrem neuen Film allerdings, bei dem sie auch Regie geführt hat, spielt Julie Delpy eine blutrünstige Gräfin. Ein Interview.

          6 Min.

          „Die Gräfin“ heißt Julie Delpys zweite Regiearbeit, und die 39-jährige französische Schauspielerin hat auch die Hauptrolle übernommen. Ein Interview über den neuen Film, ihren Ruf in der Filmbranche und über Frankreich unter Sarkozy.

          „Die Gräfin“ ist der zweite Film, bei dem Sie Regie geführt haben, es ist ein düsterer Film mit Horroranleihen und einer unglücklichen Liebesgeschichte. Welche Genrebezeichnung würden Sie ihm geben?

          Ein dunkles, zynisches Märchen. Es gibt Momente von Humor in dem Film, das ist mir sehr wichtig, auch wenn es nicht viele sind. Ich hatte mir die Geschichte ursprünglich mit mehr schwarzem Humor vorgestellt. Der hat sich aber nicht mit dem Ton des Films vertragen, deshalb habe ich dann alle sehr ironischen Stellen umgeschrieben.

          Mit ihrem ersten Opfer Bilderstrecke
          Im Gespräch: Julie Delpy : Ich weiß nicht mal, was niedlich ist

          Sie spielen auch die Hauptrolle, die ungarische Gräfin Erzsébet Báthory, die im 16. Jahrhundert wirklich gelebt hat und angeblich Jungfrauen töten ließ, um in deren Blut zu baden, wovon sie sich ewige Jugend versprach. Wahrheit oder Legende, was glauben Sie?

          Es ist bewiesen, dass es in früheren Zeiten eine erprobte Methode für Kirche und Politik war, unliebsamen Gegnern abscheuliche Greueltaten nachzusagen, um sich ihrer zu entledigen. Gilles de Rais zum Beispiel, die rechte Hand von Jeanne d'Arc, hat man einen Pädophilen genannt, einen Satanisten, einen Vergewaltiger. Er wurde gehängt. Und starke Frauen, die Männer nervös machten, wurden so zum Schweigen gebracht. Ich fand es sehr interessant, mich mit dieser Epoche zu beschäftigen. Auch der Mann, den William Hurt spielt, György Thurzó, hat wirklich gelebt. Seine Familie, die Thurzós, haben zusammen mit der Fugger-Familie die Idee des Kapitalismus erfunden. Es war eine kathartische Epoche für Europa.

          In Ihrem ersten Film, „2 Tage in Paris“, haben Sie vor allem Freunde und Familie inszeniert, diesmal hatten Sie so bekannte Schauspieler wie William Hurt mit dabei. Ist es schwer für eine Frau, so großen Egos Regieanweisungen zu geben?

          Es ist nicht immer leicht, aber William war sehr nett. Ich glaube sogar, dass es in seinem Fall geholfen hat, dass ich eine Frau bin, weil er großen Respekt vor Frauen hat. Er hat eine Sensibilität dafür, dass Frauen es schwerer haben, gerade in diesem Beruf. Manche Männer sind Machos am Set, manche Männer denken, wenn man sich auch mal verletzlich zeigt, sei man keine starke Frau. Ich finde das sehr dumm. Ich bin verletzlich, manchmal zerbrechlich, aber das heißt nicht, dass ich nicht stark bin. Stark sein bedeutet ja nicht, Lederstiefel zu tragen und ein Pferd zu reiten.

          Sie haben sich nie darauf ausgeruht, einfach eine schöne Schauspielerin zu sein - Sie haben früh an Ihren Dialogen mitgeschrieben, Sie führen Regie, sagen, was Sie denken. Gelten Sie in Ihrer Branche als schwierig?

          Das tat ich lange, vor allem in Amerika. Hollywood ist sehr macho, vielleicht mehr als das europäische Filmgeschäft. Und Leute wie ich wirken da beunruhigend, weil wir nicht zu kontrollieren sind. Ich lasse mir von niemandem sagen, was ich zu tun oder was ich zu sagen habe. Mein amerikanischer Agent, der sehr nett ist, versucht es trotzdem hin und wieder, für gewöhnlich halte ich mich nicht daran. Er weiß, er hat keine Kontrolle über mich, das ist bestimmt ein bisschen frustrierend für ihn.

          Lehnen Sie viele Rollen ab, weil Ihnen die Frauen, die Sie spielen sollen, zu doof sind?

          Im Gegenteil, ich spiele gerne doofe Frauen. Das macht Spaß. Auch Opfer. Ich spiele nichts lieber als blöde Tussis. Ich bin gefestigt genug in meiner Weiblichkeit, um keine Angst zu haben, etwas zu spielen, was ich nicht bin. Ehrlich, ich träume davon, eine total unterwürfige Frau zu spielen.

          Ihr erster Regisseur war Jean-Luc Godard. Kein schlechter Einstieg.

          Ja, da hatte ich Glück. Eigentlich wollte ich nur einen Assistentenjob. Ich war vierzehn und wollte Regisseurin werden, ich wollte einfach mal bei einem seiner Filme mitarbeiten. Ich habe dann mein Foto in der Casting-Abteilung eingereicht, um ihn zu treffen, und als ich ihm dann gegenüberstand, sagte ich ihm, dass ich gar keine Rolle wollte, sondern einfach nur am Set arbeiten, Kaffee machen oder irgendwas. Und er sagte, nein, du spielst mit. Und ich dachte, super, dann kriege ich ja sogar Geld dafür, dabei zu sein. So wurde ich aus Versehen Schauspielerin.

          Sie haben drei Mal mit Godard gearbeitet. Haben Sie sich von ihm etwas abgeguckt?

          Das kann man nicht, er ist ein Genie, er hat einen ganz eigenen Zugang zum Kino. Aber ich habe ihn sehr genau beobachtet. Er kann wirklich unausstehlich sein und es Leuten sehr schwer machen, aber mit mir war er immer ganz reizend. Lustigerweise habe ich nie Probleme mit Leuten, die den Ruf haben, schwierig zu sein.

          Sie haben als junge Schauspielerin in einem Interview erzählt, dass ein Regisseur Sie als Teenager auf die Besetzungscouch zwingen wollte. Ihrer Karriere in Frankreich habe das sehr geschadet.

          Ja, das war einer der Gründe, warum ich Frankreich verlassen habe. Es hat mir sehr geschadet, dass ich darüber geredet habe. Langsam ändert sich das, in Frankreich wurde ein Regisseur von Schauspielerinnen wegen sexueller Belästigung verklagt. Aber damals, in den Achtzigern, war es unmöglich, offen über solche Sachen zu reden. Damals konnte man zwölfjährige Schauspielerinnen sehen, die mit fünfzigjährigen Regisseuren zusammen waren. Wenn sie dann vierzehn waren, wurde die Beziehung offiziell. Ich möchte das moralisch nicht verurteilen, aber ich wollte nicht Teil davon sein.

          Sie sind dann mit Anfang zwanzig nach Amerika gegangen.

          Ja, und ich kann nicht sagen, dass es in Hollywood so viel besser ist. Ich meine, die haben Harvey Weinstein. Der natürlich ein ganz toller Produzent ist, aber . . . Wirklich, jeder soll machen, was er machen will, aber ich möchte so nicht sein. Ich habe eine sehr sensible Natur, und ich betrachte meinen Körper als etwas, für das ich Respekt haben möchte. Ich möchte ihn nicht benutzen. Er ist kein Marketing-Instrument. Und ich bin schüchtern. Ich stehe zwar vor der Kamera, aber in Wahrheit bin ich dafür nicht geschaffen. Ich mache es, weil mir manche Aspekte am Schauspielen Spaß machen, aber es liegt nicht in meiner Natur.

          Heute leben Sie abwechselnd in Amerika und Frankreich, haben das ganze letzte Jahr in Paris verbracht. Merken Sie, dass sich Frankreich unter Sarkozy verändert?

          Es ist das totale Chaos. Ich warte eigentlich täglich auf eine neue Revolution. Das Problem mit Sarkozy ist, dass er kein Bewusstsein dafür hat, was auf der Straße los ist. Er lebt sein Highlife mit seiner Modelgattin, er ist reich, sie ist reich, und alle anderen werden immer ärmer. Gehen Sie mal durch Paris, da werden Sie alle paar Minuten nach Geld gefragt, Sie müssen nur einmal spazieren gehen, und Sie wissen, es gibt ein Problem. Und wenn man jemandem kein Geld gibt, ist es nicht mehr wie früher - die werden sofort aggressiv. Sie hassen einen. Sie würden töten für zwei Euro. Paris ist gefährlich geworden, es ist nicht mehr so wie früher.

          Was dachten Sie, als Sie hörten, er sei mit Carla Bruni zusammen?

          Diese ganze Geschichte mit Carla Bruni ist einfach nur peinlich. Der Philosoph Guy Debord hat Ende der sechziger Jahre eine Gesellschaft des Spektakels vorhergesagt. Ein großer Denker, sehr radikal, sogar mir ein bisschen zu extrem links - er schrieb, die Gesellschaft werde wie eine einzige Show sein. Sarkozy gibt ihm recht. Er ist wie Berlusconi. Lächerlich. Und gleichzeitig ist der tolle Präsident, den die Amerikaner jetzt haben, natürlich auch ein großer Showman. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Idee mag, dass alles eine große Show ist.

          Sie haben 2001 die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Warum?

          Weil ich so entsetzt war, dass Bush gewählt wurde. Am Anfang hat dort niemand so richtig realisiert, was für eine Katastrophe das war. Ich bin Amerikanerin geworden, um gegen Bush wählen zu können.

          Ihre berühmteste Rolle ist wahrscheinlich die aus dem Linklater-Film „Before Sunrise“ (1995), mit Ethan Hawke. Bei der Fortsetzung, „Before Sunset“, haben Sie am Drehbuch mitgeschrieben und dafür 2005 eine Oscar-Nominierung bekommen. Hat es das erleichtert, eigene Filmprojekte zu finanzieren?

          Bei meinem ersten Film, „2 Tage in Paris“, hat es geholfen. Aber es ist interessant, wie es funktioniert. Man muss die Leute an der Nase herumführen. Die wollen nämlich, dass man immer wieder genau dasselbe macht. „Before Sunset“ hatte Erfolg, also habe ich gesagt, hört mal, ich möchte einen Film machen, der genauso ist wie „Before Sunset“, nur ein bisschen anders. Auf diese Weise hatten sie ein besseres Gefühl, mir Geld zu geben. Ich hatte trotzdem ein sehr kleines Budget: 500 000 Euro. Mehr habe ich nicht bekommen. 500 000 Euro: so viel hilft Ihnen eine Oscar-Nominierung.

          An was arbeiten Sie gerade?

          Ich schreibe einen sehr urbanen Film, der in New York spielt, über Dramatiker. Ich schreibe einen Film über ein Familientreffen in der Bretagne im Jahr 1997. Ich habe ein Drehbuch geschrieben, das ziemlich lustig ist - eine Mordgeschichte, sehr krass und sehr antireligiös, also weiß ich nicht, ob ich das finanziert kriege. Dann schreibe ich gerade eine seltsame Geschichte über eine Frau, die sich selbst entdeckt, eine Art Science-Fiction ohne Dialog. Mein Produzent will, dass ich eine Fortsetzung von „2 Tage in Paris“ schreibe: „2 Tage in New York“. Da überlege ich mir gerade eine überraschende Geschichte. Was noch? Ich will etwas nur mit Männern schreiben, eine Gangster- oder Mafiastory, aber lustig.

          Ganz schön viele Ideen.

          Ja, aber sind auch viele sehr schlechte dabei.

          Stimmt es, dass Sie Ihre Drehbücher manchmal unter einem Männernamen einreichen?

          Ich habe das einmal gemacht. Es war eine Komödie. Mein Sinn für Humor ist nicht sehr weiblich. Ich will damit nicht sagen, er sei besonders männlich - es ist einfach Humor. Und ich habe den Eindruck, dass manche Leute von einer Frau nicht erwarten, Humor zu haben, jedenfalls keinen, der in eine Monty-Python-Richtung geht. Ich mache bei Humor keinen Geschlechterunterschied. Ich mache da überhaupt nie einen Unterschied - Mann, Frau, Hautfarbe, Religion, ist mir alles gleich, Hauptsache, die Gedanken sind originell. Na ja, und Hauptsache, nicht zu religiös.

          Haben Sie andere Reaktionen gekriegt als vorgeblicher Mann?

          Total. Sie fanden es toll. Als sie dann herausgefunden haben, dass in Wahrheit eine Frau das Skript geschrieben hat, bekamen sie dann doch Bedenken. Für eine Autorin fanden sie den Humor dann doch zu verrückt. Ich bekomme jetzt viele Drehbücher zugeschickt, ob ich sie verfilmen will, und es sind immer irgendwie süße, niedliche Geschichten. Ich mag keine niedlichen Sachen. Ich bin nicht niedlich. Ich weiß nicht mal, was niedlich ist.

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