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Im Gespräch: Julie Delpy : Ich weiß nicht mal, was niedlich ist

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Diese ganze Geschichte mit Carla Bruni ist einfach nur peinlich. Der Philosoph Guy Debord hat Ende der sechziger Jahre eine Gesellschaft des Spektakels vorhergesagt. Ein großer Denker, sehr radikal, sogar mir ein bisschen zu extrem links - er schrieb, die Gesellschaft werde wie eine einzige Show sein. Sarkozy gibt ihm recht. Er ist wie Berlusconi. Lächerlich. Und gleichzeitig ist der tolle Präsident, den die Amerikaner jetzt haben, natürlich auch ein großer Showman. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Idee mag, dass alles eine große Show ist.

Sie haben 2001 die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Warum?

Weil ich so entsetzt war, dass Bush gewählt wurde. Am Anfang hat dort niemand so richtig realisiert, was für eine Katastrophe das war. Ich bin Amerikanerin geworden, um gegen Bush wählen zu können.

Ihre berühmteste Rolle ist wahrscheinlich die aus dem Linklater-Film „Before Sunrise“ (1995), mit Ethan Hawke. Bei der Fortsetzung, „Before Sunset“, haben Sie am Drehbuch mitgeschrieben und dafür 2005 eine Oscar-Nominierung bekommen. Hat es das erleichtert, eigene Filmprojekte zu finanzieren?

Bei meinem ersten Film, „2 Tage in Paris“, hat es geholfen. Aber es ist interessant, wie es funktioniert. Man muss die Leute an der Nase herumführen. Die wollen nämlich, dass man immer wieder genau dasselbe macht. „Before Sunset“ hatte Erfolg, also habe ich gesagt, hört mal, ich möchte einen Film machen, der genauso ist wie „Before Sunset“, nur ein bisschen anders. Auf diese Weise hatten sie ein besseres Gefühl, mir Geld zu geben. Ich hatte trotzdem ein sehr kleines Budget: 500 000 Euro. Mehr habe ich nicht bekommen. 500 000 Euro: so viel hilft Ihnen eine Oscar-Nominierung.

An was arbeiten Sie gerade?

Ich schreibe einen sehr urbanen Film, der in New York spielt, über Dramatiker. Ich schreibe einen Film über ein Familientreffen in der Bretagne im Jahr 1997. Ich habe ein Drehbuch geschrieben, das ziemlich lustig ist - eine Mordgeschichte, sehr krass und sehr antireligiös, also weiß ich nicht, ob ich das finanziert kriege. Dann schreibe ich gerade eine seltsame Geschichte über eine Frau, die sich selbst entdeckt, eine Art Science-Fiction ohne Dialog. Mein Produzent will, dass ich eine Fortsetzung von „2 Tage in Paris“ schreibe: „2 Tage in New York“. Da überlege ich mir gerade eine überraschende Geschichte. Was noch? Ich will etwas nur mit Männern schreiben, eine Gangster- oder Mafiastory, aber lustig.

Ganz schön viele Ideen.

Ja, aber sind auch viele sehr schlechte dabei.

Stimmt es, dass Sie Ihre Drehbücher manchmal unter einem Männernamen einreichen?

Ich habe das einmal gemacht. Es war eine Komödie. Mein Sinn für Humor ist nicht sehr weiblich. Ich will damit nicht sagen, er sei besonders männlich - es ist einfach Humor. Und ich habe den Eindruck, dass manche Leute von einer Frau nicht erwarten, Humor zu haben, jedenfalls keinen, der in eine Monty-Python-Richtung geht. Ich mache bei Humor keinen Geschlechterunterschied. Ich mache da überhaupt nie einen Unterschied - Mann, Frau, Hautfarbe, Religion, ist mir alles gleich, Hauptsache, die Gedanken sind originell. Na ja, und Hauptsache, nicht zu religiös.

Haben Sie andere Reaktionen gekriegt als vorgeblicher Mann?

Total. Sie fanden es toll. Als sie dann herausgefunden haben, dass in Wahrheit eine Frau das Skript geschrieben hat, bekamen sie dann doch Bedenken. Für eine Autorin fanden sie den Humor dann doch zu verrückt. Ich bekomme jetzt viele Drehbücher zugeschickt, ob ich sie verfilmen will, und es sind immer irgendwie süße, niedliche Geschichten. Ich mag keine niedlichen Sachen. Ich bin nicht niedlich. Ich weiß nicht mal, was niedlich ist.

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