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Im Gespräch: Isabelle Huppert : Lieben Sie die Abwechslung, Madame Huppert?

  • -Aktualisiert am

Regisseure interessieren sie mehr als Figuren oder Plots, und doch trägt sie alle ihre Rollen noch in sich: ein Gespräch mit der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert.

          Filmstars wahren fast immer die Distanz. Isabelle Huppert setzt sich dagegen sehr nahe vor den Fragesteller - so nahe, dass wir sie beim Filmfestival von Locarno riechen können.

          Es ist noch gut in Erinnerung, wie Sie vor einigen Jahren beim Europäischen Filmpreis eine sehr warmherzige, auch witzige Laudatio auf Claude Chabrol gehalten haben. Man hat den Respekt und auch die Liebe gespürt, die Sie für Chabrol empfunden haben. Gibt es noch einen Regisseur, für den Sie gern eine solche Laudatio halten würden?

          O ja, sogar mehrere. Ich würde sofort eine halten für Michael Haneke. Auch für Claude Goretta. Für Benoît Jacquot. Für Godard. Und die anderen müssen einfach noch mehr Filme mit mir machen...

          Was war Ihre wichtigste Erfahrung als Schauspielerin?

          „Die Spitzenklöpplerin“. Weil es der erste Film war, in dem ich eine echte Hauptrolle gespielt habe. Ich musste mir alles erst erarbeiten, die Mittel kennenlernen. Die Begegnung mit der Kamera ist eine sehr spezielle Sache. Man muss lernen, angeblickt zu werden. Im Kino dreht sich alles um den Blick. Als ich anfing, wusste ich nicht viel, ich war keine große Kinogängerin.

          Stark, herrisch, verwundbar: Isabelle Huppert mit Anamaria Vartolomei in Eva Ionescos Film „I am Not a F**king Princess“

          Einer Ihrer letzten Filme, „I’m Not a F**king Princess“ von Eva Ionesco, handelt von einem Kind im Showgeschäft...

          Ich habe es noch nie erlebt, dass eine Regisseurin derart unmittelbar ihr eigenes Schicksal erzählt hat, wie es hier geschah. Eva Ionesco wurde von ihrer Mutter, einer Fotografin, bereits als kaum Zehnjährige zum Model gemacht, zunehmend gegen ihren eigenen Willen. Ich habe diese Mutter gespielt, eine starke, herrische, aber auch verwundbare Frau, war am Set also quasi die Mutter der Regisseurin - eine merkwürdige Erfahrung. Aber solche Dinge machen das Leben einer Schauspielerin aus.

          „Madame Bovary“ (1991)

          Ich komme eben erst aus Korea zurück. Dort habe ich einen Film mit Hong Sang-soo abgedreht. Das war wunderbar, aber auch etwas völlig Neues. Davor habe ich im Januar auf den Philippinen gefilmt, mit Brillante Mendoza. Das waren großartige, erstaunliche Erfahrungen. Mit beiden. Und völlig unterschiedlich. Brillante Mendoza arbeitet mit einem sehr großen Team. Es ist ein einziges Chaos, und man ist Teil dieses Chaos. Der Film hat das auch verlangt: Ich habe ein Entführungsopfer gespielt, das von einer Terroristenbande durch den Dschungel geschleppt wird. In Korea mit Hong Sang-soo war es das Gegenteil: Eine ganz kleine Crew, nur acht oder neun Leute, es war erstaunlich.

          Hong Sang-soo gilt ja unter den asiatischen Filmemachern als der französischste.

          Das ist er auch. Der erste Film, den ich von ihm sah, war „Women Is the Future of Men“ - das ist ein Film wie von Rohmer. Ich empfand sofort eine tiefe Verbindung, der Film kam mir sehr, sehr französisch vor. Und das gilt, glaube ich, für alle seine Filme.

          Wie kam es zum Dreh mit Mendoza? Haben Sie den entdeckt, als Sie 2009 Jurypräsidentin von Cannes waren und seinem Film „Kinatay“ den Regiepreis gaben - übrigens eine ganz hervorragende Entscheidung?

          Herzlichen Dank, das waren harte Debatten. Tatsächlich habe ich Mendoza da entdeckt. Und dann haben wir uns bei einem Filmfestival in São Paulo wiedergetroffen. Wir haben uns bei einem Kaffee unterhalten, und er fragte mich: „Möchtest du in meinem nächsten Film mitspielen?“ Ich bin gespannt, wie die Leute darauf reagieren. Die Dreharbeiten waren überschaubar. Mit Brillante waren es gerade vier Wochen, mit Hong Sang-soo sogar nur zwei. Bei ihm habe ich drei verschiedene Figuren gespielt. Die Dreharbeiten waren unglaublich: Er schrieb das Drehbuch, während wir gedreht haben, immer über Nacht. Also gab es täglich am Morgen den Moment, an dem sich alle versammelten und auf das Script warteten, wie Moses am Sinai auf die Gesetzestafeln. Und tatsächlich war dann alles sehr elaboriert, sehr genau ausgearbeitet, jeder Dialog festgelegt. Brillante dagegen hatte immerhin ein Drehbuch, auch wenn er das, was drin steht, nicht streng verfolgt. Von dieser Herangehensweise könnten wir in Europa eine Menge lernen.

          „Ich interessiere mich mehr für den Regisseur, als für die Story eines Films oder eine bestimmte Figur“

          Sie haben Ihre Karriere mit einem Film von Otto Preminger begonnen, einem der letzten Titanen des klassischen Hollywood, und jetzt drehen Sie mit einem philippinischen Autorenfilmer. Wie suchen Sie sich die Regisseure aus? Geht es Ihnen dabei um Abwechslung?

          Um Neugier. Ich interessiere mich mehr für den Regisseur, als für die Story eines Films oder eine bestimmte Figur. Aber manchmal werden die Figuren selbst immer dominanter. Zum Beispiel in Michael Hanekes „Klavierspielerin“. Da kam die Figur mit ihrem Machtstreben der Autorität des Regisseurs in den Weg.

          Ist Unschuld wichtig, um eine gute Schauspielerin zu sein? Braucht man einen Moment vollkommener Unvoreingenommenheit?

          Ja schon, denn viele Figuren, die ich gespielt habe - wie eben die Klavierspielerin -, sind auf gewisse Weise harsch. Sie können zunächst einmal unsympathisch wirken, auch auf mich selbst. Da muss ich suchen, Freiräume finden und tatsächlich so etwas wie Unschuld im Umgang mit ihnen - um ihr Benehmen akzeptabel zu machen. Für den Zuschauer, aber zunächst einmal für mich selbst.

          Sie selbst haben ja auch das Image einer Schwierigen. Auf viele Menschen, die Sie nur von der Leinwand her kennen, wirken Sie kühl und distanziert - ich finde zwar, dass es schon in manchen Rollen anders ist, erst recht, wenn Sie jetzt hier vor einem sitzen, aber das Klischee über Sie scheint kaum veränderbar.

          Da kann man nichts machen. Die Leute setzen einen Schauspieler notwendig mit seinen Rollen gleich. Obwohl ich ja auch anderes gespielt habe, sind die Rollen, mit denen ich bekannt geworden bin - „Die Klavierspielerin“, „Eine Frauensache“, andere Chabrol-Filme -, jene, in denen ich solche kühlen, unnahbaren, manchmal unsympathischen Frauen spiele. Hätte ich eine ähnlich enge Beziehung zum Publikum über andere Rollen, die freundlicher, netter und wärmer angelegt sind, dann wäre vielleicht das Verhältnis auch wärmer. Aber ich habe so eine Rolle nie gefunden.

          In ihren Rollen scheinen Sie sich oft stärker preiszugeben als andere Kolleginnen. Sie machen sich sichtbarer. Und besonders sichtbar zu sein bedeutet, distanziert zu sein.

          Ich weiß es nicht. Aber es spielt natürlich auch eine Rolle, dass die Geschichten meiner Filme sich oft um sehr starke Themen und harte Fragen drehen. Es gab mal eine Epoche, aber das war vor meiner Zeit, da erzählten auch künstlerisch große Filme von positiveren Dingen, predigten positive Werte. Das war die Ära des klassischen Hollywood, ein goldenes Zeitalter. Heute ist das Kino weniger dazu da, nette Sachen über nette Leute zu erzählen - das tun nur noch schlechte Filme, und darin sind die Leute dann am Ende auch gar nicht so nett. Ich bin eine Schauspielerin meiner Epoche. Heute werden keine Komödien à la Lubitsch oder Wilder mehr gemacht, der Humor dessen, was produziert wird, weil die Masse es angeblich so will, ist ziemlich primitiv. Kluge Regisseure machen lieber andere Filme. Das Kino ist heute das Medium, das uns dazu bringt, über die Dummheit der Welt nachzudenken - und das ist genauso aufregend.

          Was haben Sie noch von Ihren Erfahrungen mit Otto Preminger beim Dreh für „Operation: Rosebud“ in Erinnerung? Der war ja einer der letzten Überlebenden jenes goldenen Zeitalters, von dem Sie sprechen.

          Preminger war ein Denkmal. Er war... Er hat immer alle angeschrien. Jeden Tag.

          Er war also genau so wie das Klischee, das über ihn existiert?

          Ja, ganz genau so war er. Sein Lieblingssatz war: „If you are not happy, you go back to Paris.“ Er sagte das mit seinem starken österreichischen Akzent - er hat das „R“ immer noch sehr gerollt. Und tatsächlich sind eine Menge Leute während des Drehs zurück nach Paris geschickt worden. Er hat sie alle gefeuert. Ich mochte ihn, er war auf seine Art in Ordnung. Ein seltsamer Mann. Er war sehr schlau und hatte einen großen Sinn für Humor. Aber der Film „Operation: Rosebud“ ist nicht wirklich überzeugend: Ursprünglich sollte Robert Mitchum die Hauptrolle spielen. Er war schon da, und er war wundervoll, aber dann gab es einen großen Krach. Mitchum hatte ein bisschen zu viel getrunken, und eins gab das andere. Preminger feuerte auch ihn. Das war das Ende ihrer Freundschaft. Er wurde durch Peter O’Toole ersetzt. Für mich war es mehr als nur ein Dreh. Die Dreharbeiten waren selbst wie ein Film: einfach dabei zu sein und alles zu beobachten, was da los war.

          Wann sind Sie bei Ihrer Arbeit richtig glücklich?

          Wenn ich auf einem Filmset bin und alles glatt läuft. Und manchmal, wenn ich mich körperlich anstrengen muss. Filme zu drehen ist prinzipiell eine sehr körperliche Erfahrung. Dabei ist zugleich alles wie eine Miniatur. Merkwürdig reduziert. Man steigt zwar auf einen Berg, aber nicht richtig. Man reitet, aber nur ein bisschen. Alles ist reduziert. Es gibt natürlich auch Fälle, in denen das Erlebnis der Realität sehr nahe kommt - etwa im Fall von Brillante Mendozas neuem Film. Wir liefen stundenlang im Dschungel herum, Moskitos haben uns gestochen, überall waren Ameisen und große Spinnen. Manche Filme führen einen in eine neue Realität, die dann in sich ganz real ist.

          Sie haben mit Claire Denis und vielen weiteren Regisseurinnen gearbeitet. Macht es einen großen Unterschied für Sie aus, mit einer Frau zu arbeiten?

          Das kann ich nicht gut beantworten, denn ich weiß immer noch nicht genau, wie ich es erklären soll. Es ist völlig verschieden und dabei doch dasselbe. Man kann Intimität besser miteinander teilen. Aber das gilt nicht für alle Regisseurinnen. Es ist schwer zu generalisieren.

          Sind Sie manchmal enttäuscht, wenn Sie einen fertigen Film sehen, an dem Sie mitgearbeitet haben?

          Enttäuschung kann man das nicht nennen. Ich bin mir sehr bewusst, dass das Ergebnis sich von meinen Erwartungen unterscheiden wird. Der Film gehört am Ende nicht mir, sondern dem Regisseur. Es fließen wahnsinnig viele Aspekte in einen Film hinein, und für einen Schauspieler ist das immer ein bisschen frustrierend: die Kameraführung, der Schnitt. Man wünscht sich immer, die Nahaufnahme wäre größer...

          Wirklich? Sie auch?

          O ja, ich bin da wie alle anderen.

          Könnten Sie sich noch gut in Charaktere zurückversetzen, die Sie vor vielen Jahren gespielt haben?

          Ja, das geht. Vor ein paar Jahren habe ich mit einer amerikanischen Fotografin eine sehr interessante Arbeit gemacht: Jeweils ein paar Stunden am Tag bat sie mich, die Gefühle eines bestimmten Films noch mal zu durchleben, mich in sie hineinzuleben. Für zwei Stunden war ich wieder Madame Bovary.

          Es ging sehr, sehr schnell, da hatte ich wieder das innere Gefühl, aber eben auch das Aussehen, das die Rolle geprägt hat. Eine sehr interessante Erfahrung. Man spielt keine Persönlichkeiten, man spielt einen Menschen, eine Abfolge von Gefühls- und Bewusstseinszuständen, und man ist ständig mit sich selbst konfrontiert. Das Kino ist wie eine imaginäre Autobiographie. Dieser Weg ist nicht immer bewusst. Andererseits sind meine Filme vielleicht persönlicher als die von anderen, weil ich mir meine Rollen aussuchen kann.

          Wo liegen diese Rollen? Im Verstand, im Herzen, im Körper?

          Nein, nein, schon im Verstand. Im Gehirn. Man muss sich konzentrieren, erinnern und in das hineinversetzen, was man damals empfunden hat. Man ist in character. Es ist natürlich ein Ausdruck, nicht Millionen Ausdrücke. Sehr präzis. Wie die Essenz. Ich habe alle diese Rollen noch in mir, nichts ging verloren.

          Isabelle Huppert wird am 16. März 1953 in Paris geboren. Sie ist die beste Schauspielerin ihrer Generation. -Bereits im Alter von achtzehn Jahren dreht sie erste wichtige Filme, unter anderem mit dem Hollywood-Altmeister Otto Preminger. Ihren Durchbruch erlebt sie 1977 mit „Die Spitzenklöpplerin“ des Schweizer Regisseurs Claude Goretta.

          Seitdem hat Isabelle Huppert in mehr als sechzig Filmen gespielt, meist Hauptrollen, und mit fast allen französischen Meistern gearbeitet: mit Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Patrice Chéreau, Claire Denis und François Ozon. Im Jahr 2001 erhält sie den Europäischen Filmpreis als beste Schauspielerin für ihre Rolle in „Die Klavierspielerin„ des österreichischen Regisseurs Michael Haneke. -Von kommender Woche an ist sie im deutschen Kino mit dem Film „I'm Not a F**king Princess“ von Eva Ionesco vertreten.

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