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Im Gespräch: Isabelle Huppert : Lieben Sie die Abwechslung, Madame Huppert?

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Ja, ganz genau so war er. Sein Lieblingssatz war: „If you are not happy, you go back to Paris.“ Er sagte das mit seinem starken österreichischen Akzent - er hat das „R“ immer noch sehr gerollt. Und tatsächlich sind eine Menge Leute während des Drehs zurück nach Paris geschickt worden. Er hat sie alle gefeuert. Ich mochte ihn, er war auf seine Art in Ordnung. Ein seltsamer Mann. Er war sehr schlau und hatte einen großen Sinn für Humor. Aber der Film „Operation: Rosebud“ ist nicht wirklich überzeugend: Ursprünglich sollte Robert Mitchum die Hauptrolle spielen. Er war schon da, und er war wundervoll, aber dann gab es einen großen Krach. Mitchum hatte ein bisschen zu viel getrunken, und eins gab das andere. Preminger feuerte auch ihn. Das war das Ende ihrer Freundschaft. Er wurde durch Peter O’Toole ersetzt. Für mich war es mehr als nur ein Dreh. Die Dreharbeiten waren selbst wie ein Film: einfach dabei zu sein und alles zu beobachten, was da los war.

Wann sind Sie bei Ihrer Arbeit richtig glücklich?

Wenn ich auf einem Filmset bin und alles glatt läuft. Und manchmal, wenn ich mich körperlich anstrengen muss. Filme zu drehen ist prinzipiell eine sehr körperliche Erfahrung. Dabei ist zugleich alles wie eine Miniatur. Merkwürdig reduziert. Man steigt zwar auf einen Berg, aber nicht richtig. Man reitet, aber nur ein bisschen. Alles ist reduziert. Es gibt natürlich auch Fälle, in denen das Erlebnis der Realität sehr nahe kommt - etwa im Fall von Brillante Mendozas neuem Film. Wir liefen stundenlang im Dschungel herum, Moskitos haben uns gestochen, überall waren Ameisen und große Spinnen. Manche Filme führen einen in eine neue Realität, die dann in sich ganz real ist.

Sie haben mit Claire Denis und vielen weiteren Regisseurinnen gearbeitet. Macht es einen großen Unterschied für Sie aus, mit einer Frau zu arbeiten?

Das kann ich nicht gut beantworten, denn ich weiß immer noch nicht genau, wie ich es erklären soll. Es ist völlig verschieden und dabei doch dasselbe. Man kann Intimität besser miteinander teilen. Aber das gilt nicht für alle Regisseurinnen. Es ist schwer zu generalisieren.

Sind Sie manchmal enttäuscht, wenn Sie einen fertigen Film sehen, an dem Sie mitgearbeitet haben?

Enttäuschung kann man das nicht nennen. Ich bin mir sehr bewusst, dass das Ergebnis sich von meinen Erwartungen unterscheiden wird. Der Film gehört am Ende nicht mir, sondern dem Regisseur. Es fließen wahnsinnig viele Aspekte in einen Film hinein, und für einen Schauspieler ist das immer ein bisschen frustrierend: die Kameraführung, der Schnitt. Man wünscht sich immer, die Nahaufnahme wäre größer...

Wirklich? Sie auch?

O ja, ich bin da wie alle anderen.

Könnten Sie sich noch gut in Charaktere zurückversetzen, die Sie vor vielen Jahren gespielt haben?

Ja, das geht. Vor ein paar Jahren habe ich mit einer amerikanischen Fotografin eine sehr interessante Arbeit gemacht: Jeweils ein paar Stunden am Tag bat sie mich, die Gefühle eines bestimmten Films noch mal zu durchleben, mich in sie hineinzuleben. Für zwei Stunden war ich wieder Madame Bovary.

Es ging sehr, sehr schnell, da hatte ich wieder das innere Gefühl, aber eben auch das Aussehen, das die Rolle geprägt hat. Eine sehr interessante Erfahrung. Man spielt keine Persönlichkeiten, man spielt einen Menschen, eine Abfolge von Gefühls- und Bewusstseinszuständen, und man ist ständig mit sich selbst konfrontiert. Das Kino ist wie eine imaginäre Autobiographie. Dieser Weg ist nicht immer bewusst. Andererseits sind meine Filme vielleicht persönlicher als die von anderen, weil ich mir meine Rollen aussuchen kann.

Wo liegen diese Rollen? Im Verstand, im Herzen, im Körper?

Nein, nein, schon im Verstand. Im Gehirn. Man muss sich konzentrieren, erinnern und in das hineinversetzen, was man damals empfunden hat. Man ist in character. Es ist natürlich ein Ausdruck, nicht Millionen Ausdrücke. Sehr präzis. Wie die Essenz. Ich habe alle diese Rollen noch in mir, nichts ging verloren.

Isabelle Huppert wird am 16. März 1953 in Paris geboren. Sie ist die beste Schauspielerin ihrer Generation. -Bereits im Alter von achtzehn Jahren dreht sie erste wichtige Filme, unter anderem mit dem Hollywood-Altmeister Otto Preminger. Ihren Durchbruch erlebt sie 1977 mit „Die Spitzenklöpplerin“ des Schweizer Regisseurs Claude Goretta.

Seitdem hat Isabelle Huppert in mehr als sechzig Filmen gespielt, meist Hauptrollen, und mit fast allen französischen Meistern gearbeitet: mit Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Patrice Chéreau, Claire Denis und François Ozon. Im Jahr 2001 erhält sie den Europäischen Filmpreis als beste Schauspielerin für ihre Rolle in „Die Klavierspielerin„ des österreichischen Regisseurs Michael Haneke. -Von kommender Woche an ist sie im deutschen Kino mit dem Film „I'm Not a F**king Princess“ von Eva Ionesco vertreten.

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