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Im Gespräch: Filmregisseur Mike Leigh : Ich bin ein Humorist!

  • Aktualisiert am

Mike Leigh Bild: dpa

Heute kommt Mike Leighs Film „Another Year“ in die Kinos. Das Drehbuch wurde gerade für einen Oscar nominiert. Was ist das für ein Film? Einer zum Lachen oder zum Weinen? Mike Leigh über die Verschiebung der Perspektive in seinen Filmen.

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          Sie gelten gemeinhin als sehr ernsthaft. Andererseits haben Sie auch ein paar Komödien gedreht. Welche Rolle spielen aus Ihrer eigenen Sicht eigentlich Humor und Ironie in Ihrem Werk?

          Humor und Ironie sind in meinen Filmen zentral! Immerzu! Ich denke, das Leben ist komisch und tragisch zugleich. Und wenn Sie mich nun fragen, wann es tragisch und wann es komisch ist, kann ich nur antworten: Keine Ahnung. Das ist gerade der Punkt. Das Leben ist eine schreckliche tragische Komödie. Ich habe schon in Vorführungen von „Another Year“ gesessen, in denen die Leute von Anfang bis Ende gelacht haben. Oder gerade in den schmerzhaftesten Augenblicken des Films. So ist eben das Leben.

          Und Sie sind damit völlig zufrieden?

          Ich bin ein Humorist! Ich bin das seit Anbeginn meiner Regiekarriere. Wissen Sie: Meine Inspiration ist das Leben. Aber das Leben ist aberwitzig und lächerlich. Ich bin von Buster Keaton genauso fasziniert wie von Shakespeare. Also, um Ihre Frage in einer etwas anständigeren und abschließenden Weise zu beantworten: Ich nehme meinen Humor sehr ernst.

          Kann man die Jugend festhalten? Ruth Sheen als Gerri und Jim Broadbent als Tom in „Another Year”
          Kann man die Jugend festhalten? Ruth Sheen als Gerri und Jim Broadbent als Tom in „Another Year” : Bild: dapd

          Sie selbst teilen Ihr Werk nicht - wie manche Beobachter das tun - in zwei Teile, einen ernsthaften und einen komischen?

          Nein, das ist lächerlich und affektiert. Welche Filme wären denn nicht humorvoll? Das sollte mir mal einer sagen. „Naked“? Der war voller Witze. Aber er ist dunkel. Und „Happy Go Lucky“ soll witzig sein? Der hat doch viele substantiell dunkle Seiten. Fakt ist: Keiner meiner Filme ist nur einer der beiden Seiten zuzuschlagen.

          Und wenn jemand an einem Moment lacht, den Sie selbst bewusst als sehr traurigen konzipiert haben, dann können Sie damit leben?

          Ich lache ja auch. Das ist nicht etwas, mit dem ich irgendwie zurecht kommen muss, ein Ernst, den das Publikum durch sein Lachen trivialisiert. Sie lachen, weil es witzig ist! Für sie. Ich weiß selbst, wie es ist, auf eine Beerdigung zu gehen und plötzlich alles dort wahnsinnig lustig zu finden. Ich muss also nicht damit leben. Ich freue mich darüber. Die Leute haben recht. Sie sind eins mit dem Film. Womit ich nicht leben kann, was mich richtig deprimiert, ist, wenn ich in einer Vorführung eines meiner Filme sitze, und es herrscht nur Totenstille. Das finde ich extrem verstörend und alles in allem sehr enttäuschend.

          Das Publikum ist also Teil des Ganzen in Ihrem Kino?

          Das Publikum ist das Ganze. Am Ende mache ich Filme, damit sie von Leuten gesehen werden. Ich bin im Showbusiness. Ein Film hat keine Bedeutung, bevor er vor Zuschauern aufgeführt wird. Darum würde ich sagen: Das Publikum ist seine Bedeutung.

          Another Year zeigt Menschen, die in den vierziger Jahren geboren sind. Sie haben die Not der Nachkriegszeit erlebt, die Hoffnungen der Sechziger und ihr Scheitern im Thatcher-England. Ist das die Erfahrung Ihrer eigenen Generation?

          Die Figuren haben ihr Leben zum Teil gemeistert, zum Teil sind sie gescheitert. Der Film handelt vom Festhalten an der Jugend und davon, ob das gelingt. Die Menschen, die ich zeige, leben in einer Welt, in der Gesellschaft nicht viel zählt, in der der Gemeinschaftssinn verlorengegangen ist. Es geht um universelle Erfahrungen. Aber es ist auch keine Frage, dass ich von der sehr speziellen Situation des Lebens in westlichen Gesellschaften im beginnenden einundzwanzigsten Jahrhundert erzähle.

          Gibt es eine Wendung, eine Veränderung und Verschiebung der Perspektive in Ihrem Werk? Oder ist die Entwicklung organisch?

          Sie ist organisch. Zugleich gibt es immer wieder in jedem Film eine gut überlegte, ganz bewusste Verschiebung der Perspektive. Es ist unbedingt nötig, sich fortwährend zu verändern. Jeder meiner Filme ist auch ein Experiment mit Form, Struktur, Erzählweisen. Das Ziel ist dabei klar: Ich will Erwartungen brechen. Es ist einfach langweilig, wenn man essen geht und immer dasselbe bestellt. Mein nächster Film wird wieder eine Überraschung: Ein historischer Film über den Maler William Turner.

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