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„Es gilt das gesprochene Wort“ : Er will das, was sich nicht kaufen lässt

  • -Aktualisiert am

Urlaubsfreuden: Raphael (Godehard Giese) und Marion (Anne Ratte-Polle) treffen Gigolo Baran (Ogulcan Arman Uslu) Bild: X-Verleih AG/ Erik-Mosoni

Scheinehe mit Gigolo: Ilker Cataks Film „Es gilt das gesprochene Wort“ erzählt von einer Beziehung, die nicht auf Gefühlen, sondern auf Prinzipien beruht. Jedenfalls zunächst.

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          Eine Eheschließung kann in einer modernen Gesellschaft eine bemerkenswert knappe Angelegenheit sein. Im Fall von Marion und Baran sind nicht einmal Trauzeugen anwesend, nur eine Standesbeamtin und ein Dolmetscher, denn Baran ist Türke. Kurdischer Türke. Es bedarf nicht einmal mehr einer Unterschrift, denn „es gilt das gesprochene Wort“. Ein klein wenig Symbolik gibt es dann doch noch: „Üblicherweise folgt nun der Austausch der Ringe – und eine entsprechende zwischenmenschliche Geste“, mit diesen Worten beendet die Vertreterin der Allgemeinheit die Zeremonie.

          Über die „entsprechende Geste“ haben Baran und Marion unterschiedliche Vorstellungen: Sie bietet ihm ihren Mund, er aber küsst sie auf die Wangen. Wichtiger sind ohnehin die Ringe, denn damit bezeugen Eheleute in der Öffentlichkeit, dass sie zusammengehören.

          Die Ehe, mit deren Schließung Ilker Cataks Film „Es gilt das gesprochene Wort“ beginnt, wird in erster Linie für die Öffentlichkeit geschlossen. Marion hat weder vor, mit Baran zusammenzuleben, noch die Ehe zu vollziehen, wie man das traditionell nannte, als dafür auch eine entsprechende Nacht vorgesehen war. Die Hintergründe dieser nur zum Schein geschlossenen Ehe sind klar definiert: drei Jahre soll sie dauern, danach würde Baran Anspruch auf einen deutschen Pass haben, und der Zweck der Sache hätte sich erfüllt. Beide könnten ihrer Wege gehen.

          Frauen aus Europa

          Warum lässt Marion sich auf so etwas ein? Sie hat eigentlich mit ihrem eigenen Leben genug zu tun. Eine Krebsdiagnose hat gerade alles verändert, und ihr Freund Raphael spricht nun, obwohl selbst noch in einer anderen Beziehung, von einer gemeinsamen Wohnung. Marion ist eine zutiefst vernünftige Person. Oder sollte man vielleicht besser sagen: eine Frau, die sich beherrscht, sieht man vielleicht von den Zigaretten ab. Immerhin lässt sie sich von Raphael zu einem Urlaub in der Türkei überreden. Dort trifft sie auf Baran. Dort gibt es auch konventionelle Formen für eine vorübergehende Beziehung. Baran ist ein Gigolo, er schläft mit Frauen aus Europa, beide Seiten kennen ihre Grenzen und überschreiten sie nur gelegentlich, wenn Alkohol im Spiel ist. Dann gibt es Szenen sexueller Belästigung, aber wer würde da in Urlaubsstimmung allzu genau hinschauen wollen.

          Zwischen Baran und Marion aber herrscht von Beginn an ein anderer Ton. Sie ist keine Frau, die schnellen Sex sucht, und er macht kein Hehl daraus, dass er sich nicht mit ein paar Geldscheinen zufriedengibt, die ihm eine Belgierin zusteckt. Er will dieselben Rechte, die ihr zustehen. Er will das, was sich nicht kaufen lässt: einen Ausweis darüber, dass er die Seite gewechselt hat. Das Motiv der Reziprozität macht dann aber Marion ganz ausdrücklich: „You would do the same for me.“ Der Satz fällt beiläufig, aber genauer kann man diese Figur kaum charakterisieren – eine Deutsche in mittlerem Alter, von Beruf Pilotin, von der Gesinnung her Rationalistin. Sie vollzieht einfach eine Handlung, die ihr einleuchtet: ihr Pass und der, den Baran hat, entsprechen einander auf einer Ebene, die nur sie herstellen kann.

          Vorstellungen von Deutschland

          „Es gilt das gesprochene Wort“ ist ein Film über die Lotterie, auf der die ganzen gesellschaftlichen Debatten über offene oder je nachdem geschlossene Grenzen beruhen. Der Regisseur Ilker Catak, geboren 1984 in Berlin als Sohn türkischer Einwanderer, ist mit beiden Seiten vertraut. Im Kern ist sein Film aber doch vor allem eine Beobachtung darüber, wie er sich offensichtlich Deutschland vorstellt. Marion, gespielt von Anne Ratte-Polle, entspricht so manchem Klischee, das man über Deutschland hören kann, gerade wenn man ans Mittelmeer fährt. Die Deutschen sind überlegt, sie planen alles gut, und in ihrem Land funktioniert alles.

          Ungefähr in diesem Geist geht Marion an die Ehe mit Baran heran: eine sozialtechnische Aufgabe, die ihr noch dazu dabei helfen kann, ein wenig von ihr selbst abzusehen. Von ihrer Operation, von ihrem neuen Körpergefühl danach, von dem hartnäckigen Werben von Raphael (Godehard Giese). Es wirkt dann beinahe wie ein Zugeständnis an die heute geläufigen Erzähldramaturgien, dass schließlich das Naheliegende eintritt: Gefühle machen sich bemerkbar, und die äußere Welt lässt sich auch nicht auf Dauer ausschließen.

          Als Fassbinder 1973 „Angst essen Seele auf“ herausbrachte, da wusste Deutschland noch kaum etwas von seinen Bewohnern mit Migrationshintergrund (geschweige denn von einer sprachlichen Sensibilität, die nach solchen Formulierungen sucht). Aber Fassbinder hatte dafür einen anderen Rahmen. Für ihn gab es in Hollywood die Formen, die er auf die Beziehung zwischen Emmi und Ali übertrug. Das Melodram einer alten Frau, mit dem Brigitte Mira an die Seite von Jane Wyman aus „All That Heaven Allows“ treten konnte, überhöhte eine deutsche, kleinbürgerliche Welt in einen aufgeklärten Mythos, der noch das pessimistische Ende mitprägte.

          Ilker Catak macht nun mit seinem Filmtitel deutlich, dass ihn an einer vergleichbaren Geschichte etwas Gegenteiliges interessiert: nicht die Register des Kinos, sondern die Register der Institutionellen, des Prozeduralen, in denen sich allmählich zu erkennen gibt, was gemeinhin das Menschliche genannt wird. Marion gewinnt dabei mehr Profil als Baran, der bis zuletzt eher eine Chiffre bleibt – die zufällige Verkörperung eines Anspruchs, auf den eine Bewohnerin eines der privilegiertesten Staaten der Welt reagiert.

          „Es gilt das gesprochene Wort“ schickt sich für eine gute Stunde lang an, ein Experiment zu wagen: einen Film über zwei Menschen, die einander nicht auf einer persönlichen, sondern auf einer prinzipiellen Ebene begegnen. Danach kommt das Unausweichliche: das normale Leben, das auch im Alltag weder wirklich Melodram noch bloßes Funktionieren ist. Der Film wird zu dem absehbaren Sozialdrama, das er im Kern natürlich immer war, zu dem er aber für eine Weile eine spannende Distanz gefunden hatte. Üblicherweise folgt dann eine Krise im dritten Akt.

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