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Ian McKellen zum Siebzigsten : Den Gandalf wird er nie mehr los

  • -Aktualisiert am

Mit Shakespeares Lear zur Selbsterkenntnis: Am liebsten würde Ian McKellen den König noch einmal ganz anders spielen. Seine Wandlungsfähigkeit hat der Brite indes längst bewiesen - mal als weißer Zauberer im Film, mal als selbstverachtender Macbeth auf der Bühne.

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          Dem Rezensenten der Studentenaufführung von Shakespeares „Heinrich IV.“ im Jahr 1959 waren die Namen der Darsteller nicht bekannt. Als die weitaus beste Leistung hob er jedoch eine der kleineren Rollen hervor: jene des törichten Landrichters Shallow, den Falstaff als Maulhelden entlarvt. Dieser Shallow sei „wirklich alt, keuchend, voller plötzlicher Wandlungen und Glucksern und Traurigkeiten. Seine Seufzer sind halbes Lachen, sein Gekicher ist Melancholie“, schrieb der Kritiker des „News Chronicle“ über seinen Besuch in Cambridge und notierte, er würde gern den Namen des Schauspielers kennen, „weil es offensichtlich einer sein könnte, den man sich merken muss“.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der junge Mann hieß Ian McKellen. Und die Kritik blieb nicht ohne Wirkung. Sie festigte den Wunsch des Anglistikstudenten aus dem nordenglischen Kohlenrevier, seiner Neigung zu folgen und das Theater als Beruf zu wählen, was er denn auch ohne förmliche Schauspielausbildung tat. Fünfzig Jahre später hat er den Olymp erklommen, den einst Laurence Olivier und John Gielgud regierten. Die Briten wollen immer einen Theaterritter, wie sie ihre geadelten Mimen nennen, den sie zum König erklären. Entsteht eine Vakanz, wünscht sich das Publikum mit aller Kraft einen Erben herbei. Es ist fast ein Nationalsport, Jungstars zum „neuen Laurence Olivier“ zu erklären. Derek Jacobi, Anthony Hopkins, Antony Sher und Kenneth Branagh wurden im Laufe der Jahre als Thronfolger ausersehen. Ian McKellen hat die anderen seiner Generation überflügelt. Unter den vielen Ehrungen, die ihm zuteil geworden sind, spricht keine so beredt von dem Ansehen, das er genießt, wie die Aufnahme in den Orden der Companions of Honour, dessen Mitgliederzahl die 75 nicht übersteigen darf. Ian McKellen ist zurzeit der einzige Schauspieler in dem erlesenen Kreis.

          Shakespeares Spieler

          Es war freilich kein schneller Aufstieg. Zwar wurden McKellens Fähigkeiten früh von Laurence Olivier erkannt, der ihn in sein Ensemble am „Old Vic“ holte, wo er unter Franco Zeferelli in „Viel Lärm um Nichts“ als hochgeschminkter Claudio debütierte. Doch wetteiferten dort so viele Begabungen, dass McKellen sich anderswo größere Chancen versprach. Olivier meinte damals, im Blick auf McKellens Karriere verfolge ihn die „Vorstellung verpasster Gelegenheiten“.

          Im Olymp der Schaupspielerei gibt es auch populäre Rollen: 2003 als Gandalf in „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs” Bilderstrecke
          Ian McKellen zum Siebzigsten : Den Gandalf wird er nie mehr los

          Mittlerweile hat er seine Wandlungsfähigkeit in vielen Stücken bewiesen, in Peter Shaffers „Amadeus“ oder in dem Holocaust-Drama „Bent“. Er hat sich in den großen Shakespeare-Partien versucht, als Romeo und Richard II., als verknöcherter Lear, als tückischer Iago und Richard III. Sarkastisch und trotzig wehren sich seine Schurken gegen die Welt und gewähren dabei Einblick in die Abgründe ihres paranoiden Wesens. Grandios die von Selbstverachtung gekräuselte Lippe, der stumpfe, nach innen gekehrte Blick seines Macbeth, der über die Vergeblichkeit des Daseins sinniert: das Leben als Märchen, erzählt von einem Tollen, voller Klang und Wut, das nichts bedeutet - McKellen bricht das Wort „nothing“ mutwillig auseinander und lässt es wie Blei von der Zunge fallen. Einen Triumph feierte McKellen mit Richard III., den er auf der Bühne, auch in Richard Loncraines in die Zeit des Faschismus verlegter Filmfassung von 1995 als einen zwischen Charme und Terror schwankenden Diktator in Szene setzte.

          Flucht vor sich selber

          Aber gerade die Virtuosität wird ihm auch als Einwand vorgehalten. Er selbst ist sich des Problems bewusst, er, der bekannte, bei seinen frühen Auftritten gleichsam mit eingehaktem Arm neben der Figur hergelaufen zu sein und sich als deren Botschafter geriert zu haben. Und nachdem er kürzlich Lears Verfall vom Herrscher zum verlumpten Irren als Leidensweg zu Selbsterkenntnis gezeigt hatte, wollte er gleich wieder mit einer alternativen Deutung beginnen: Er hätte, so meinte er im Nachhinein, durch weniger mehr bewirken können. Der Filmruhm kam spät in McKellens Laufbahn, doch ist er als der Zauberer Gandalf in „Der Herr der Ringe“ so bekannt geworden, dass er scherzte, die Nachrufe bei seinem Ableben würden wohl unter der Schlagzeile „Gandalf stirbt“ erscheinen.

          Er hat von seinen zwei persönlichen Rollen gesprochen: jener, die er spielte, bevor er sich 1988 erstmals öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte, und jener, die er seither verkörpert. Seinen Weg stellt McKellen gern als Flucht vor sich selber dar: In den Stücken fand er eine Sicherheit, die ihm das Leben erst vorenthalten hatte. Seit er sein Geheimnis gelüftet hat, glaubt er auch als Schauspieler den Figuren tiefere Sichten abzugewinnen. Der Gedanke, dass die Mutanten in Bryan Singers Filmen nach der Comicserie „X-Men“ ein Gleichnis aller unterdrückten Minderheiten seien, bewog ihn, die Rolle des Schurken zu übernehmen. Erst jetzt glaubt der Schauspieler, zu seiner eigentlichen Rolle gefunden zu haben. Heute feiert er seinen siebzigsten Geburtstag.

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