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Ian McKellen wird 80 : Der mächtige alte Kauz

Komischer alter Kauz, aber einflussreich: Ian McKellen als Gandalf Bild: Warner Bros.

Mit dem Kino macht man Geld, mit dem Fernsehen wird man berühmt, das Theater aber ist eine Herzensangelegenheit: So sieht es Ian McKellen, der dank Tolkien berühmt geworden ist.

          Es ist eine ungeheuerliche Szene, die Ian McKellen in der Verfilmung von Shakespeares „Richard III.“ noch ungeheuerlicher wirken lässt, als er ohnehin schon ist. Da versucht der in faschistischer Uniform Auftretende die Frau des Kronpinzen zu verführen, die er gerade zur Witwe gemacht hat, und den Zuschauer durchfährt ein Schauer, wenn McKellen einen Ring mit den Zähnen von seinem Finger zieht, mit seinem Speichel aufreizend gleitfähig macht, um ihn fordernd auf den Finger der Lady Anne zu stecken.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Dieser mörderische Richard vermag sich in den überzeugendsten Krokodilstränen aufzulösen und den liebevollen Onkel zu spielen, derweil er sein Publikum aus garstigem Mund in seine Intrige einweiht. Als einer seiner kleinen Neffen beim Huckepackritt versehentlich einen wunden Punkt an seinem Buckel berührt, was zu einem Sturz führt, faucht der Onkel die zu Hilfe eilenden Höflinge wie ein verletztes Wildtier an.

          Ian McKellen 2015 in Frankreich

          In dieser Rolle des physisch und seelisch deformierten Bösewichts, die er auch auf der Bühne grandios verkörperte, behauptet McKellen erstmals begriffen zu haben, wie mit der Filmkamera umzugehen ist. Mit dem Kino mache man Geld, mit dem Fernsehen werde man berühmt, das Theater aber sei eine Herzensangelegenheit, hat McKellen einst bekannt. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm die persönliche Interaktion mit dem Publikum mehr reizt, als für die Leinwand zu arbeiten, obwohl er den Rollen des greisen Zauberers Gandalf in „Herr der Ringe“ und des schurkenhaften Mutanten Magneto in den X-Men-Verfilmungen seinen Weltruhm verdankt. Wenn er achtmal in der Woche auf den Brettern stehen müsse, schaue er an den Matineetagen, an denen er zweimal auftrete, manchmal durch einen Spalt im Vorhang und mustere das Publikum, um sich in Erinnerung zu rufen, weshalb jeder Auftritt frisch wirken müsse. Dabei versucht er einen wachen Vierzehnjährigen auszumachen, den er berühren will, wie er selber in jungen Jahren berührt wurde, als Theatertruppen auf Tournee in die nordenglische Provinz kamen, aus der er stammt.

          McKellen als Magneto in „X-Men“

          Die Liebe zum Theater ist bei ihm früh erwacht. Beim Studium in Cambridge fiel er bereits in Shakespeares „Heinrich IV.“ als der dümmlich-eitle Richter Schaal auf. Die Darsteller traten anonym auf. Ein Rezensent stellte McKellens Darstellung dieses komischen alten Kauzes als die bei weitem beste heraus und bemerkte, wie gern er dessen Namen wissen würde, weil es offensichtich einer werden könnte, an den man sich erinnern sollte.

          Seitdem hat McKellen in einer Fülle von Shakespeare-Rollen geglänzt, zuletzt als kapriziös-verletzbarer Lear, aber auch als clowniger Estragon in „Warten auf Godot“ und als unerhört übertriebene Witwe Twankey in der traditionellen englischen Pantomime „Aladdin“. Als junger Schauspieler glaubte er durch Verkleidung und Prothesen Wirkung erzielen zu können. Inzwischen hat er nach eigenem Bekunden erkannt, dass die wahre Kunst darin liegt, aus dem Inneren zu schöpfen. Als McKellen 1991 zum Ritter gekürt wurde, war diese Ehre bisher nur einem anderen offen homosexuellen Schauspieler zuteilgeworden. Seitdem er sich im Alter von 49 Jahren zu seiner Sexualität bekannt hat, setzt er sich ebenso leidenschaftlich als Aktivist ein, wie er auf der Bühne steht. An diesem Samstag wird Sir Ian McKellen achtzig Jahre alt.

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