https://www.faz.net/-gqz-8476i

„Beyond Punishment“ im Kino : Schmerz, Rache und Reue

Elf Jahre nach der Tat: Mutter und Schwester eines Mordopfers in der Bronx - eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Beyond Punishment“ Bild: S.U.M.O.

„Beyond Punishment“: Hubertus Siegerts Dokumentarfilm versuchte die Täter mit den Angehörigen der Opfer von Gewaltverbrechen in einen Dialog zu bringen. Das ist gewagt, heikel - und sehr spannend

          4 Min.

          Die Einwände sind absehbar, wenn jemand sich auf ein derart heikles Terrain wagt. Muss das sein, wird mancher fragen, dass Täter, dass Mörder mit den Angehörigen ihrer Opfer zum Dialog zusammenfinden? Ist es nicht übertrieben, bei den Hinterbliebenen Verständnis wecken zu wollen für die Motive der Tat? Ist es nicht ein großer zivilisatorischer Fortschritt gegenüber Blutrache und anderen Formen direkter Vergeltung, dass der Rechtsstaat beide Seiten trennt? Dass Täter in einem ordentlichen Verfahren verurteilt und in den Strafvollzug geschickt werden - mit der Perspektive einer Resozialisierung? Und dass die Hinterbliebenen in der Regel die Gewissheit haben, sich mit dem Täter nicht auseinandersetzen zu müssen?

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist nicht so, dass der Regisseur Hubertus Siegert, 56, das bestreiten würde. Den Dokumentaristen („Berlin Babylon“, 2001) interessiert jedoch, was in diesem institutionellen Umgang mit Verbrechen und Strafe nicht aufgeht. „Beyond Punishment“ heißt sein Film genau deshalb: Weil er nach dem sucht, was jenseits der Trennung eine wechselseitige „konkrete Wahrnehmung“ sein könnte.

          Nicht weil Siegert an die Allmacht der Versöhnung glaubte, sucht er diesen Weg, sondern weil mit Verurteilung und Inhaftierung die psychischen Folgelasten auf beiden Seiten nicht mal im Ansatz verschwinden, weil Schmerz oder Rachewünsche, Reue oder Rechtfertigung in den betroffenen Personen weiter arbeiten und ihre Leben in drastischer Weise prägen.

          Siegert hat lange Jahre gebraucht, um die drei Fälle in drei verschiedenen Ländern zu einem Film zusammenzufügen - was nicht verwundert. Nur wenige sind bereit, sich dieser Erfahrung auszusetzen, und das System des Strafvollzugs ist nicht dafür ausgelegt.

          Moderator und Therapeut

          Siegert hat auch erlebt, wie Prozesse der vorsichtigen Annäherung abrupt endeten. Und er hat selbst eine Rolle übernommen, die über die übliche Tätigkeit eines Regisseurs hinausgeht. Er dokumentiert ja nicht einfach einen Austausch, er muss das Gespräch erst initiieren, und er bleibt dabei auch nicht bloß Moderator, sondern wird, wenn man so will, zu einer Art Therapeut, der den Prozess voranzubringen sucht.

          Der Film beginnt in den Vereinigten Staaten, in einem Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin. Unter dem Oberbegriff „Restorative Justice“ gibt es dort ein psychosoziales Lernprogramm, in dessen Verlauf auch Häftlinge mit Angehörigen von Opfern in einem Gesprächskreis zusammenkommen - allerdings nicht, muss man hinzufügen, Täter und Opfer aus ein und demselben Fall. Dieser Kreis hat etwas Unwirkliches, weil er ein Ritual darstellt, einen Austausch mit rhetorischen Regeln und Formeln - in großer Nähe und doch fern.

          Sehr real dagegen sind die afroamerikanische Mutter und Tochter, die an diesem Kreis teilnehmen, weil sie die Ermordung von Sohn und Bruder umtreibt, weil sie Unterstützung suchen. Die Tat liegt elf Jahre zurück, der Täter sitzt seither ein und bestreitet die Tat. Siegert hat ihn im Gefängnis befragen dürfen, und er konfrontiert die beiden Frauen mit dessen Video-Statement.

          Der Häftling, der den Mord in der Bronx bis heute nicht gestanden hat, im Gefängnis.

          Das ist ein riskantes Vorgehen, denn der Häftling erklärt, es sei keine gute Idee, sich mit den Angehörigen zu treffen; es führt bei der Tochter zu einem Gefühlsausbruch, sie hat den Wunsch, irgendwie, zu vergeben, zugleich käme Vergebung ihr vor wie Verrat an ihrem Bruder, und es ist, in dieser wohl heftigsten Szene des Films, die ganze Aporie auf den Punkt gebracht, welche in dem Prozess vor allem für die Angehörigen des Opfers liegt. Die Möglichkeit, sich von der Last ihrer Erfahrung ein wenig zu befreien, um so etwas wie Seelenfrieden zu finden, sie verlangt am Ende von ihnen etwas Unmögliches.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Ende April in Berlin

          Machtkampf in der Union : Das Ende der Zerrissenheit?

          Merkel und Söder schrauben sich und ihre Parteien laut Umfragen in ungeahnte Höhen. Die Suche nach einem CDU-Vorsitzenden und einem Kanzlerkandidaten macht das immer schwerer.
          Wohin soll das Geld gehen? Jakob Blasel sagt: in die Zukunft. Zum Beispiel in die Windkraft.

          Fridays for Future : Verspielt nicht unseren Wohlstand!

          Die Corona-Krise trifft die Wirtschaft hart. Deutschland wird Unternehmen retten müssen. Fridays-for-Future-Aktivist Jakob Blasel sagt: Da hat die junge Generation ein Wörtchen mitzureden. Sie zahle ja auch die Zeche. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.