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„House of Gucci“ im Kino : Stil, Gier und Mode bis zum Tode

Wie schade, dass Fellini diese Schauspielerin nicht mehr erleben darf: Lady Gaga als Patrizia Reggiani in Ridley Scotts „House of Gucci“ Bild: AP

Ridley Scott ist nicht aufzuhalten – kurz nach dem Ritterdrama „The Last Duel“ bringt er jetzt die auf Tatsachen basierende Mordgeschichte „House of Gucci“ ins Kino.

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          Als Geschenk eine Kreditkarte von Bloomingdale’s – das ist die größtmögliche Beleidigung für eine Frau, die als Tochter eines kleinen Transportunternehmers in eines der mächtigen Modeimperien Mailands eingeheiratet und ihren Mann angestachelt hatte, den Rest der Familie auszuhebeln. Dem Haus Gucci verdanken einige Generationen ihr Geld, ihren Status, ihre Häuser, ihre Kunst, ihre Schuhe mit Goldeinlage in der Ferse. Bei Bloomingdale’s, dem Kaufhaus der gehobenen amerikanischen Mittelklasse, hatte zwar einst Jackie Kennedy ihre Perlen gekauft, wie nach ihrem Tod durch eine Vermarkungskampagne herauskam. Doch eine Gucci kauft nicht im Kaufhaus. Die Kreditkarte belegt die Exkommunikation aus der Familie, bevor die Scheidungspapiere auf dem Tisch liegen.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Es ist Maurizio Gucci, der diese Beleidigung seiner Frau Patrizia an einem Weihnachtsfest am Tiefpunkt ihrer Ehe zufügt. Wie anders als mit Mordgelüsten und deren planvoller Umsetzung könnte eine Frau, die auf sich hält, darauf reagieren? Da ist der beste Teil des Films, der diese Geschichte erzählt, allerdings schon vorbei. Der Auftragsmord an Maurizio Gucci, der nicht nur die Modewelt am 27. März 1995 ins blanke Entsetzen stürzte und auf den der Film „House of Gucci“ zuläuft (basierend auf dem Buch von Sara Gay Forden „The House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour and Greed“ von 2001), ist nicht der Höhepunkt des Films. Ridley Scott inszeniert ihn fast ohne Drama, eine zwangsläufige, aber banale Handlung in einem Schmierenstück, das zu seinem amateurhaft ausgeführten Ende kommen muss.

          Eine Espressotasse und eine manikürte Männerhand

          Bis es so weit ist, gibt es allerdings jede Menge schöner Menschen, geschmackvoller Dekors, bösartiger Dialoge, Sex und Darstellerduelle zu sehen, verbunden mit einer Playlist von New-Wave-Songs, die fast schon vergessen waren, nun aber ihre Qualität als Ohrwürmer wieder unter Beweis stellen können, für die, die an Blondie, den Eurythmics, George Michael oder David Bowie ihre Freude haben. Zwischendurch zeigt ein Blick auf die Uhr, dass alles doch ein wenig zu lange dauert. Modeschauen gibt es kaum zu sehen, bis kurz vor Schluss dann doch noch ein Blick auf das Defilée mit dem notorischen nackten Männerhintern fällt, der (wenn auch nicht allein) dafür sorgte, dass mit Tom Ford als Chefdesigner aus Gucci plötzlich vorübergehend eine coole Marke wurde.

          Eine Uhr, ein Siegelring, eine Gürtelschnalle, eine Espressotasse und eine manikürte Männerhand, die eine Zigarette ausdrückt – das sind die ersten Bilder in Ridleys Scotts Film und beinahe auch die letzten. Was sich in der Zeitschleife dazwischen abspielt, lässt sich als Familientragödie, als Niedergang und vorübergehende Auferstehung ei­ner Firma, als Klassenlehrstück oder Schaulaufen wundervoller Schauspieler betrachten. Von allem ist etwas dabei, und wenn es ein Problem gibt mit diesem Film, dann ist es dies: zu viele Themen und kein Zentrum. Das liegt am Drehbuch – andererseits: Zu viel von allem ist in gewisser Weise das Prinzip der Firma, um die es geht. Jedenfalls, nachdem sie das abgeschottete Reich langjährig treuer Kunden, der Tradition und des Handwerks in Richtung Weltmarkt verlassen hat. Hätte es nicht auch anders kommen können?

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