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Thriller „Little Joe“ im Kino : Gefühle aus dem Gewächshaus

Im Reich der Antistresshormone: Diese Blumen können das Mutter-Kind-Verhältnis verbessern. Szene aus Jessica Hausners Film „Little Joe“ Bild: 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Ein Duft, der einen nicht wieder loslässt: Der beklemmende Film „Little Joe“ der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner entwickelt sich wie eine Pflanze.

          3 Min.

          Sie werden diese Pflanze wie ihr eignes Kind lieben“, erklärt die Wissenschaftlerin Alice (Emily Beecham) ihre Züchtung einer Besuchergruppe im Gewächshaus. Die Geschäftsführung ihrer Forschungseinrichtung will wissen, ob sie mit den Blumen bereits zur nächsten Messe an die Öffentlichkeit gehen kann. Dickfleischig krümmen sich die Pflanzen mit geschlossenen Knospen aus den weißen Folienbahnen vor Alice.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ihr Spruch ist keine Werbemetapher. Was sie hier gezüchtet hat, könnte das Gefühlsleben der Besitzer verändern, wenn diese die Pflanze richtig berühren, pflegen und wässern. Dann, so springt Alice ihr Kollege Chris (Ben Whishaw) bei, rege die Pflanze durch ihren Duft die Ausschüttung des Hormons Oxytocin an, das unter anderem zur Reduzierung von Stress beitrage, vor allem aber bei der Geburt die Bindung von Mutter und Kind stärke. Ein Liebeshormon also. „Denn was dieser Planet dringend braucht, ist Liebe“, füttert Chris die PR-Leute unter den Besuchern an.

          Während Alice drinnen ihre genmanipulierte Züchtung wie ihr eigenes Kind gegenüber den Chefs der Forschungseinrichtung verteidigt, wartet ihr Sohn vor der Tür und beobachtet sie über den Monitor der Forschungseinrichtung. Die Distanz zwischen Mutter und Sohn wird im Lauf des Films nicht nur räumlich zunehmen. Alice ist alleinerziehende Mutter, liebt ihre Arbeit und hat Angst, darüber ihr Kind zu vernachlässigen. Eines Abends bringt sie eine ihrer Pflanzen heimlich mit nach Hause und erklärt ihrem Sohn Joe, wie man sich um sie kümmern muss, damit sie ihre Liebe über den Duft teilt. Sie beschließen, die Pflanze „Little Joe“ zu nennen. Schon bald stellt Alice Veränderungen an ihrem Sohn fest. Auch ihre Kollegen, die den Duft der Pflanze eingeatmet haben, beginnen, sich anders zu verhalten. Oder bildet sie sich das alles nur ein?

          Realität – oder alles nur Einbildung?

          Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner inszeniert ihren Horrorthriller „Little Joe“ fast ausschließlich in Innenräumen, die in ihren Farbkontrasten fast schon an Theaterkulissen erinnern. Die Laborräume sind weiß und mintgrün. Davor wirkt das erste Aufbrechen der „Little Joe“-Blüten wie eine purpurfarbene Explosion. Die Garderobe der Figuren fügt sich nahtlos in das Farbstyling ein. Emily Beechams Wissenschaftlerin, bei der selbst die Ohrringe auf die Knöpfe ihres Mantels oder die Farbe des Oberteils abgestimmt sind, trägt faltenfrei-korrekte Blusen und Hosen in Puderrosa, Orange oder Mintgrün, und die im Gegensatz zu ihrem kupferfarbenen Bob-Schnitt steht. Der Kontrast von Orange und Puderrosa ist gleichzeitig harmonisch und beunruhigend. Jedes Detail ist durchdacht und vermittelt subtil das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Nur kann man kaum richtig den Finger darauflegen, was es ist. Man befindet sich in der gleichen Zwickmühle wie Alice, die ihre Schuldgefühle regelmäßig einer Psychologin erzählt und sich auf deren Couch fragt, ob ihr Sohn sich nur aufgrund fortschreitender Pubertät von ihr entfremde oder ob es doch mit ihrer Pflanze zu tun haben könnte. Ist „Little Joe“ gefährlicher, als sie bisher annahm, und beugt sie sich nur dem Druck ihres eigenen Ehrgeizes und der Marketingabteilung ihres Unternehmens?

          Suspense erzeugt dabei vornehmlich die Musik. Als schrilles Zirpen wie von einer mechanischen Grille liegt sie über den Anfangsbildern des Films, in denen die Kamera die Pflanzensprösslinge in der weißen Folienbahn im Gewächshaus abfährt. Das Zirpen wechselt von links nach rechts, wird zu einem Pfeifen. Oder sind es Schreie? Eine Flöte setzt ein. Dann hört es so abrupt auf, wie es begann. Die Musik stammt vom japanischen Komponisten Teiji Ito, der bereits in den vierziger Jahren Musik für die Experimentalfilme von Maya Deren schrieb. Hausner hörte sein Album „Watermill“, als sie ihr Storyboard für den Film erarbeitete. Die Avantgarde-Musik beeinflusste den Rhythmus des Films. Ito beschrieb 1972 während einer Ballettaufführung von „Watermill“ in New York, dass seine Musik auch aus „stummem Sound“ bestehe, also aus vier bis fünf Noten, die die Musiker „nur in ihrem Kopf abspielten“. Das funktioniert auch im Film, man erwartet die Musik fast schon, bevor sie über die Szene hereinbricht und mit spitzen, abstrakten Tönen Unheil kündet, das doch nie zu sehen ist. Beklemmend wird sich das in jenen Szenen wiederholen, in denen Alice daran zu zweifeln beginnt, ob ihre Kreation ein Eigenleben entwickelt oder ob sie hier langsam verrückt wird.

          Ein Monster à la Frankenstein

          Hausner lässt dies lange im Vagen. Bereits in ihrem Film „Lourdes“, der 2009 im Wettbewerb des Filmfestes in Venedig lief, hielt Hausner die Aussage der Handlung ambivalent. Dort kommt eine gelähmte junge Frau an den französischen Wallfahrtsort und kann sich wie durch ein Wunder aus ihrem Rollstuhl erheben. Ob dies durch göttliche Fügung geschah oder nur eine kurzfristige Besserung ihrer Krankheitssymptome ist, bleibt offen. Der Film wurde von kirchlichen Institutionen gelobt und bekam in Venedig den atheistischen „Brian Award“.

          Auch in „Little Joe“ wird lange offen bleiben, ob die Psychologin recht hat, die Alice Verlustängste und Schuldgefühle bescheinigt, oder ob Alice tatsächlich ein Frankenstein’sches Monster mit purpurroter Blüte erschaffen hat, das sich die Menschen durch Duft untertan macht. Nur dass Alice eine gute Mutter ist, wird am Ende klar sein, allerdings hat sich der Inhalt des Begriffs für sie dann sehr gewandelt.

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