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Horrorfilm „Ich seh Ich seh“ : Ist die Mama noch die Mama?

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Bruder, lieber Bruder mein, willst du nicht mein Schatten sein? Die unheimlichen Zwillinge (Elias und Lukas Schwarz) blicken in einen Abgrund. Bild: Neue Visionen

Was, wenn die alltäglichsten Abläufe beginnen rätselhaft zu werden? Der österreichische Film „Ich seh Ich seh“ von Severin Fiala und Veronika Franz seziert auf hervorragende Weise die Mechanismen eines Vertrauensverlusts.

          Die Familie ist ein Verbund, der in besonderem Maß auf Vertrauen beruht. Man kennt sich, nicht selten besser, als einem lieb ist. Man kann abschätzen, wie sich jemand verhalten wird, und man muss oft die eigentliche Reaktion gar nicht mehr abwarten, sondern geht im Geiste auf „automatisch ergänzen“. Was aber, wenn dieses Vertrauen durch eine Veränderung gestört wird? Wenn die Muster unlesbar werden, die Routinen zerfallen und die alltäglichsten Abläufe rätselhaft zu werden beginnen? Das wäre eine Erfahrung, die sich von schleichendem Argwohn bis zum nackten Entsetzen steigern lässt, wie der österreichische Film „Ich seh Ich seh“ von Severin Fiala und Veronika Franz vorexerziert.

          Das einschneidende Ereignis wird hier nicht näher benannt, es manifestiert sich von vornherein nur in seinen Folgen. Die Mutter zweier Jungen kommt mit einem bandagierten Kopf in das Ferienhaus an einem idyllischen See. Elias und Lukas machen nicht den Eindruck, als hätten sie dringend auf sie gewartet. Sie haben sich diese Welt allein zu eigen gemacht, sie haben den Wald und die Felder als Spielplatz für ihre Abenteuer erobert. Ein Maisfeld ist im Sommer, wenn die Pflanzen weit über Mannshöhe stehen, ein Labyrinth ganz eigener Art, und aus diesem Labyrinth tauchen die Jungen auf, um wieder Familie zu spielen.

          Das Grauen bekommt Namen

          Das ist so tatsächlich wörtlich zu nehmen. Denn die Beziehung zwischen der Mutter - einer fragil wirkenden, aber bestimmt redenden, kalt klingenden Frau - und den beiden Buben, die vielleicht elf, zwölf Jahre alt sind und ohne unterschiedliche T-Shirts schwer auseinanderzuhalten sind, steht im Zeichen eines Vorbehalts. „Die Mama ist krank“, sagt die Mama zur Erklärung und fordert absolute Stille im Haus sowie größtmögliche Verdunkelung. Die Mama ist nicht die Mama, denken die Jungen. Damit ist jede Unbefangenheit weg, das Zusammenleben wird zu einem Theater, und Fiala und Franz machen das gleich auch noch besonders deutlich in einer Szene, in der die drei ein Spiel spielen, in dem man zugedachte Identitäten erraten muss.

          Sie verlangt Dunkelheit: Nach einem Unfall kehrt die Mutter der beiden Zwillingsbrüder (Susanne Wuest) völlig verändert aus dem Krankenhaus zurück.

          Auf der Stirn der Mama klebt ein Zettel, auf dem steht: „Mama“. Sie kommt nicht drauf. Alle drei Figuren in diesem Film verhalten sich merkwürdig, und den besten Moment haben sich Fiala und Franz dabei für die Mutter ausgedacht: Sie geht nachts in den Wald, steht nackt im fahlen Licht zwischen den Bäumen, und dann schüttelt es sie, ihren Kopf droht es zu zerreißen. Es ist, als zerrte eine andere, negative Wirklichkeit an ihr. Namenloses Grauen heißt das bei H. P. Lovecraft in vergleichbaren Fällen, in „Ich seh Ich seh“ aber bekommt das Grauen dann konkrete Namen: Elias und Lukas.

          Eine destruktive Konstellation

          Es sind die Jungen, die von der Mutter das Unmögliche fordern: „Beweis, dass du die Mama bist.“ Wie kann man etwas beweisen, was doch evident ist? So findet dieser Film seine Position im Inneren einer Aporie. Sie ist nicht aufzulösen, es sei denn mit Gewalt. Für die zweite Hälfte von „Ich seh Ich seh“ braucht man starke Nerven oder aber jene Gabe zur Abstraktion, von der sich offensichtlich auch die Filmemacher leiten ließen. Severin Fiala und Veronika Franz, bisher nur durch ein sehr gelungenes Filmporträt von Peter Kern als Regie-Duo hervorgetreten, kommen mit „Ich seh Ich seh“ mehr oder weniger aus dem Nichts. Umso erstaunlicher ist, mit welch kalter Kompetenz sie sich hier an die Grammatik der Gewalt im Kino machen. Man muss ganz schön weit zurückgehen, um im österreichischen Film, aber auch darüber hinaus etwas Vergleichbares zu finden: Michael Hanekes „Der siebente Kontinent“, ein durch Zivilisationskritik getarnter Geiselnahmethriller ohne Geiselnehmer, ging ähnlich methodisch an die Sache heran.

          „Ich seh Ich seh“ gehört in der österreichischen Filmlandschaft zur anderen Reichshälfte, die Firma von Ulrich Seidl hat produziert, und der wesentliche Unterschied zu Haneke liegt schließlich in einem einfachen Umstand: Fiala und Franz verzichten auf gesellschaftskritische Deutbarkeit und legen stattdessen ihre ganze kreative Energie in die eingehende Untersuchung dieser einen, destruktiven Konstellation: Mama ist nicht gleich Mama. Die andere Seite des Argwohns ist die Folter. Auf dem Weg zu dieser Eskalation gibt es viele mögliche Abzweigungen, die in „Ich seh Ich seh“ alle in Betracht gezogen werden, aber schließlich nicht in Frage kommen, denn dies ist eine entropische Geschichte, die auf die Wiederherstellung einer Balance nach einer traumatischen Unterbrechung zielt.

          Biederkeit als absurde Steigerung der Gewalt

          Wie weit die Welt hier schon weg ist, in diesem fremdartig modernistischen, von auffälligen Kunstwerken durchwirkten Haus, zeigt sich in den zwei Momenten, in denen sich das Geschehen öffnet. Einmal laufen die Jungen ins Dorf, finden aber nur eine gottverlassene Siedlung; später kommen zwei Spendensammler vom Roten Kreuz, woraufhin sich eine sehr österreichisch gestimmte Szene entwickelt, in der Biederkeit zu einer absurden Steigerungsform der Gewalt wird.

          Niemand kann in die Mechanik des suspendierten Vertrauens eingreifen. Und so machen die Jungen schließlich einen Test mit der Mama, der die ganze Intelligenz dieses herausragenden Films erkennen lässt. Sie richten ein Brennglas auf sie.

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