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Regisseur Milos Forman ist tot : „Keine Filme mehr, ich habe Urlaub“

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Auf dem Weg zum zweiten Oscar: Milos Forman (18. Februar 1932 bis 13. April 2018) mit F. Murray Abraham bei den Dreharbeiten zu „Amadeus“ Bild: Picture-Alliance

Amerika hat es ihm nicht immer leicht gemacht, doch Hollywood hat ihn geliebt – und mit zwei Oscars ausgezeichnet. Der glücklichste Moment seiner Karriere allerdings war eine Operninszenierung. Im Alter von 86 Jahren ist Milos Forman gestorben.

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          Ob „Einer flog über das Kuckusnest“, „Amadeus“ oder „Hair“ – Milos Forman war ein Ausnahmeregisseur und vielfach preisgekrönt. Schon sein erstes Hollywood-Projekt wurde in Cannes ausgezeichnet, später bekam er zwei Oscars. Am Freitag ist Forman im Alter von 86 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben, wie seine Frau Martina der tschechischen Nachrichtenagentur CTK an diesem Samstag bestätigte.

          Als Forman vor mehr als vierzig Jahren mit seinem ersten Oscar in der Hand seiner Wahlheimat Amerika für die Auszeichnung dankte, war der tschechische Akzent noch deutlich zu hören. „Amerika ist immer noch ein wunderbares, gastfreundliches und offenes Land“, schwärmte der Regisseur vor versammelter Hollywood-Prominenz.

          Acht Jahre zuvor war er aus der damaligen Tschechoslowakei in die Vereinigten Staaten emigriert, nachdem sowjetische Panzer 1968 den Prager Frühling niederwalzten. Bei der Oscar-Verleihung im März 1976 setzte sich Forman gegen Star-Regisseure wie Robert Altman, Federico Fellini und Stanley Kubrick durch. Sein Psychodrama „Einer flog über das Kuckucksnest“ gewann fünf Oscars, darunter für Regie, Hauptdarsteller Jack Nicholson und als bester Film.

          Forman, der zweimal Vater von Zwillingssöhnen war, lebte zuletzt mit seiner dritten Ehefrau und den jüngeren, 1998 geborenen Söhnen im amerikanischen Bundesstaat Connecticut. Noch vor wenigen Jahren erinnerte er an die Schwierigkeiten, als Einwanderer Fuß zu fassen. Er wollte Kollegen wie Sidney Lumet und Mike Nichols danken, die ihm in den siebziger Jahren zur Seite standen, als ihm die Abschiebung aus den Vereinigten Staaten drohte.

          Dies erklärte Forman im Februar 2013 in einem Dankesbrief, als er von dem renommierten Regie-Verband Directors Guild für sein Lebenswerk geehrt wurde. Die Reise von der amerikanischen Ostküste nach Los Angeles konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten.

          Frühwerk: Szene aus Formans noch in der Tschechoslowakei gedrehtem Film „Der Feuerwehrball“ Bilderstrecke
          Frühwerk: Szene aus Formans noch in der Tschechoslowakei gedrehtem Film „Der Feuerwehrball“ :

          Forman wurde 1932 in Mittelböhmen als jüngster Sohn eines Lehrers geboren. Er war acht Jahre alt, als seine Eltern von der Gestapo verhaftet wurden, beide kamen in Konzentrationslagern ums Leben. An der Prager Filmakademie lernte Forman sein Handwerk. Mit Filmsatiren wie „Die Liebe einer Blondine“ (1965) und „Der Feuerwehrball“ (1967) zählte er zu den Vorreitern der experimentierfreudigen Neuen Welle des tschechoslowakischen Films.

          Sein erstes Hollywood-Projekt, die Generationen-Satire „Taking Off“ (1971), holte zwar beim Cannes-Festival einen Jury-Preis, floppte aber an den amerikanischen Kinokassen. Für Forman begann eine Durststrecke, in der er seinen Arbeitsvertrag verlor und um die Aufenthaltserlaubnis bangte. „Ich wartete auf das Angebot, das mein Leben ändern sollte, und in der Zwischenzeit akzeptierte ich alles, was ich kriegen konnte, bis hin zum Gratis-Mittagessen“, erinnerte er sich in seiner Biografie.

          Gegen die Langweile der reinen Filmbiografie

          Mit „Einer flog über das Kuckucksnest“ wendete sich das Blatt. Mit der Mozart-Biografie „Amadeus“ (1984) besiegelte Forman seinen Erfolg in Hollywood. Der Film, der das Musik-Genie in einem neuen, nicht nur freundlichen Licht zeigt, gewinnt acht Oscars - auch für die beste Regie.

          Forman ging kontroverse Stoffe mutig an und führte häufig die Kehrseiten seiner Figuren vor. Reine Filmbiografien seien meistens „ziemlich langweilig“, sagte er 2006 beim Kinostart von „Goyas Geister“: „Da muss immer noch etwas anderes in der Geschichte stecken.“

          Bei „Amadeus“ war das der Konflikt zwischen den Musik-Rivalen Salieri und Mozart. Mit „Kuckucksnest“ entfachte er eine Debatte über den Umgang mit psychisch kranken Menschen. „Larry Flint – Die nackte Wahrheit“, die Geschichte des erfolgreichen Verlegers des Pornoblattes „Hustler“, löste eine heftige Diskussion um dessen Rolle als Vorkämpfer der Meinungsfreiheit aus. Bei der Berlinale 1997 gab es dafür den Goldenen Bären.

          „Keine Filme mehr, ich habe Urlaub“

          Mit seinen erwachsenen Zwillingssöhnen aus erster Ehe wagte sich Forman 2007 an ein ungewöhnliches Projekt. Im Nationaltheater in Prag inszenierte er die Oper „Ein gut bezahlter Spaziergang“. Dass seine Söhne Petr (Co-Regie) und Matej (Bühnenbild) ihm zu Seite standen, bezeichnete Forman damals als den „glücklichsten Moment“ seiner Karriere. Die gemeinsame Arbeit dokumentierte Forman auch in dem Film zu dem Projekt, den er 2009 auf dem internationalen Filmfestival im tschechischen Karlsbad vorstellte. „Keine Filme mehr, ich habe Urlaub“, sagte er mit fast achtzig Jahren.

          2012 meldete sich Forman aber noch einmal zurück, diesmal vor der Kamera. An der Seite von Catherine Deneuve und ihrer Tochter Chiara Mastroianni trat der Gelegenheits-Schauspieler in der französischen Musikromanze „Les Bien-Aimés“ („Die Liebenden - von der Last glücklich zu sein“) auf. Der Film spielt in Paris, Prag, London und Amerika. In der Rolle eines gealterten tschechischen Liebhabers kehrte Forman zu seinen Wurzeln zurück.

          Das einzige, was niemals alt wird

          Der tschechische Regierungschef Andrej Babis hat den gestorbenen Regisseur Milos Forman als „markanteste wie auch erfolgreichste Persönlichkeit“ des Films seines Landes gewürdigt. Die Nachricht vom Tod des 86-Jährigen habe ihn sehr betroffen gemacht, teilte der liberal-populistische Politiker an diesem Samstag beim Kurznachrichtendienst Twitter mit. „Wie wohl jeder“, so Babis, schätze er Filme wie „Amadeus“ und „Der Feuerwehrball“.

          Der tschechische Filmregisseur Jan Hrebejk („Wir müssen zusammenhalten“) beschrieb Forman in einer Reaktion als „größten Filmemacher, den dieses Land je hatte, und einen der größten, den die Welt je hatte“. Kulturminister Ilja Smid sagte der Nachrichtenagentur CTK, Forman habe die Absurditäten, die Farbigkeit und die Schönheit des menschlichen Zusammenlebens meisterhaft eingefangen.

          Der damalige tschechische Präsident Vaclav Havel (1936-2011) hatte Forman 1995 mit der Verdienstmedaille des Landes ausgezeichnet. Das Filmfestival in Karlsbad (Karlovy Vary) ehrte ihn zwei Jahre später für seine außerordentlichen Verdienste um das Weltkino mit dem Kristallglobus. „Das einzige, was niemals alt wird, ist der Humor“, sagte Forman bei seinem letzten Besuch in Tschechien im Jahr 2009.

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