https://www.faz.net/-gqz-a1uxf

Hollywood in der Krise : Der Sommer, der keiner ist

Auch auf Gal Gadot als „Wonder Woman 1984“ wird man vorerst verzichten müssen. Wie alle anderen Blockbuster wurde auch dieser erst einmal verschoben. Bild: AP

Hollywoods schlimmster Albtraum ist wahr geworden: ein Sommer ohne Blockbuster-Kino, ohne eines der zentralen Rituale der amerikanischen Kultur. Wie geht es nun weiter?

          3 Min.

          Kurz nachdem United Artists auch den Starttermin von „Bill & Ted Face the Music“ verschoben hatte, sicher nicht einer der am heißesten erwarteten Filme, schrieb das Magazin „Forbes“: „Die Sommerkinosaison ist tot.“ Der „Hollywood Reporter“ hatte das Virus schon zum „Superschurken, mit dem Hollywood nicht gerechnet hatte“, erklärt und bilanziert: „Der Sommer, der nicht stattfand“. Christopher Nolans „Tenet“, der große Hoffungsträger, war da längst auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Ebenso Disneys „Mulan“. „Black Widow“, „Wonder Woman 1984“, „Top Gun: Maverick“, „The Fast and the Furious 9“, „Ghostbusters: Afterlife“, um nur ein paar der großen Sommer-Blockbuster zu nennen, hatte man schon zuvor vertagt, manche sogar aufs nächste Jahr.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So ist der „schlimmste Albtraum“, den „The Atlantic Monthly“ im Mai heraufbeschworen hatte, wahr geworden: der kinofreie Sommer. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz in der Blockbuster-Zeit, die vom ersten Freitag im Mai bis zum ersten Montag im September reicht, 4,35 Milliarden Dollar. Das waren 38 Prozent des Jahresumsatzes. Von den ungefähr 5500 Kinos (mit insgesamt mehr als 40 000 Leinwänden) sind kaum welche geöffnet, außer den Autokinos, von denen es im ganzen Land um die 550 gibt. Wenn man bedenkt, dass die Kinos zwischen 40 und 50 Prozent der Einnahmen aus einem Film erhalten, erkennt man das Ausmaß der Verluste.

          Eine kulturelle Zäsur

          Das ist die geschäftliche Seite. Sie ist bitter. Zugleich aber ist ein Sommer ohne Blockbuster-Kino ein Traditionsbruch, eine kulturelle Zäsur, die für Jüngere unvorstellbar sein dürfte. Denn seit 45 Jahren, seit Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ im Juni 1975 in die amerikanischen Kinos kam, gehört der Blockbuster zum Sommer wie Sonne und Ferien. Mit der für damalige Zeiten beträchtlichen Zahl von 400 Kopien vertrieben, war die Distribution von „Der weiße Hai“ die Initialzündung zu einer grundlegenden Veränderung des Kinogeschäfts.

          Zwei Jahre später wurde dann mit George Lucas’ „Star Wars“ endgültig die neue Frontier festgelegt. Kein langsamer Aufbau eines Films mehr, kein „roll out“, wie man es zuvor gemacht hatte, mit etwas höheren Einsätzen im Weihnachtsgeschäft, sondern ein Massenstart mit immer mehr Kopien. Daher auch der Begriff „Blockbuster“, wie die Fliegerbombe, mit der man einen ganzen Block in Schutt und Asche legen konnte. Das Kinogeschäft, wie wir es heute kennen, hat in dieser Zeit seinen Ursprung. Es wurde zum „first weekend business“, weil ein Film, der am ersten Wochenende trotz erheblichen Marketing-Aufwands die finanziellen Erwartungen nicht erfüllt, als gescheitert gilt.

          Entsprechend stiegen in den achtziger Jahren die Kosten für Werbung und PR rasant, es begann das Pokern um den besten Starttermin und vor allem das, was in der Wirtschaft „vertikale Integration“ heißt: Verkauft wurde nicht bloß ein Film, sondern eine ganze Palette von Produkten, samt sogenannten „Tie-ins“ mit einem Fast-Food-Riesen.

          Dieser Mechanismus führt notwendig dazu, dass die Produkte einander stärker ähneln. Die Investition, die der große Sommer-Blockbuster erfordert, verlangt zugleich Risikoreduzierung. Das befördert den Hang zur Formel, zum Sequel oder Prequel, der mit den Jahrzehnten ausgeprägter wurde. Was nicht heißt, dass nicht trotz aller Kritik an der Einfallslosigkeit der seit einigen Jahren dominierenden Superhelden-Franchises auch großartige Filme im Sommer herauskamen. In der jährlichen Leistungsschau der neuesten, tollsten Spezialeffekte leben ja auch uralte Motive aus der Frühzeit des Kinos fort: die Sehnsucht nach dem noch nie gesehenen Bild, die Kultur des Spektakels, das „cinema of attractions“ (Tom Gunning).

          Und ein neuer Albtraum

          Erst vor diesem Hintergrund erschließt sich auch die dramatische Rhetorik vom verlorenen Sommer. Die Blockbuster-Saison ist seit eineinhalb Generationen Haupteinnahmequelle und das zentrale sommerliche Ritual der amerikanischen Kultur. Wenn es fehlt, ist das schlimmer als in Deutschland der Totalausfall der Bundesliga. Auch wenn jetzt in Hollywood wieder über neue Strategien der Distribution nachgedacht wird (die vermutlich den alten ähneln werden), ist es unwahrscheinlich, dass der Corona-Sommer im Filmgeschäft zu einer Umwälzung führen wird wie Mitte der siebziger Jahre. Denn das setzte vor allem radikale Budgetkürzungen in der Produktion voraus. Ein 200-Millionen-Dollar-Film wie „Tenet“ benötigt Einnahmen in Höhe von 400 Millionen, um die Gewinnschwelle zu erreichen.

          Es sei denn, und hier lauert ein neuer Albtraum, man setzte in Zukunft ganz auf das Streaming. In diesem Fall blieben 80 Prozent der Einnahmen bei den Studios. Dann wäre allerdings nicht nur der Blockbuster-Sommer tot, sondern auch das Kino.

          Weitere Themen

          Gesicht einer Epoche

          Karin Baal wird 80 : Gesicht einer Epoche

          Ihre Karriere folgte der fallenden Flugbahn des Deutschen Films: Die Schauspielerin Karin Baal stand als Sechzehnjährige neben Horst Buchholz für „Die Halbstarken“ vor der Kamera. An diesem Samstag wird sie achtzig Jahre alt.

          Topmeldungen

          Einen Schritt weiter: Der britische Premierminister Boris Johnson konnte sich mit den Rebellen einigen.

          Britisches Binnenmarktgesetz : Die EU bleibt hart

          Das britische Parlament hat beim umstrittenen Nordirland-Protokoll nun das letzte Wort. Die EU bleibt derweil hart – immerhin gab es wohl Fortschritte bei der jüngsten Verhandlungsrunde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.