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Hofer Filmtage : Wie man sich ins Leben zurückkämpft

Marc Rensings Film „Die Frau, die sich traut“ eröffnete die Filmtage: Steffi Kühnert als ehemalige DDR-Leistungssportlerin Bild: X-Verleih

Selbstsuche, Rollenwechsel, Aufbruch: Die 47. Hofer Filmtage erzählen mehr von privaten Bewegungen als von der politischen Wirklichkeit. Es gab wenig Ausfälle und einige schauspielerische Entdeckungen.

          4 Min.

          Unter den deutschen Filmfestivals ist das von Hof nicht das kleinste, aber das intimste. Wer auf dem Weg in die fränkische Provinzstadt Marktschorgast, Krötenbruck oder Großwendern passiert, kann nicht weiter so tun, als drehe das Land sich um ihn. Der Blick vom Rand der Republik auf die Filmszene hat etwas angenehm Relativierendes. Starprätentionen brechen sich an dem rustikalen fränkischen Milieu, das an den Filmtagen großen Anteil nimmt. Auch wenn in Hof immer wieder bedeutende Namen Station machen und große Karrieren begannen, gilt hier die Aufmerksamkeit dem Kommenden, nicht dem Arrivierten.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn es ein Leitmotiv für die Nachwuchsfilme gab, die auf den 47. Hofer Filmtagen auf den Durchbruch hofften, dann war es die Kluft zwischen sozialer Rolle und dem, was man für seine eigentliche Identität hält. Das moderne Individuum ist gewohnt, zwischen vielen Rollen zu wechseln, ohne sich mit den Widersprüchen zwischen ihnen aufzuhalten. In Hof waren diese Brüche das Hauptthema. Ungezählt waren die Neuaufbrüche, Realitätsfluchten und Selbstsuchen. Während die politische Realität Nebenrollen spielte, herrschte ein großer Bedarf nach Gegenwelten. Orientierung wurde gesucht an großen Vätern, wie in Samantha Fullers und Justine Malles Filmporträts ihrer Väter Sam und Louis. Oder am materiellen Gewinn, wie in Fabian Möhrkes mitreißender Tragikomödie „Millionen“, in der ein Lottogewinn den Protagonisten aus dem Tritt bringt. Gerade Möhrkes Film stand dafür, dass sich die Nabelschau nicht im Grüblerischen verlor.

          Der Eröffnungsfilm von Marc Rensing, der hier schon zum zweiten Mal zum Zug kam, hatte mit der Geschichte einer Frau, die sich aus aussichtsloser Position ins Leben zurückkämpft, programmatische Qualität. In „Die Frau, die sich traut“ spielt Steffi Kühnert eine ehemalige DDR-Leistungssportlerin, die in jüngeren Jahren als Schwimmerin brillierte, nach dem Ende ihrer sportlichen Laufbahn aber kein größeres Ziel mehr findet. Als ihr wie vielen DDR-Kaderathleten als Folge des Hormondopings eine Krebsdiagnose gestellt wird, stülpt sie ihr Leben um und wird über ihr neues Ziel, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, zur rücksichtslosen Verfechterin ihres Lebenstraums. Dass diese Kehrtwende nicht zur reinen Feier von Selbstverwirklichungsexzessen wird, ist der Hingabe und physischen Intensität zu verdanken, mit der Steffi Kühnert den Leidensweg der Sportlerin spielt. Ganz kann sie aber nicht darüber hinweghelfen, dass aus dem Film eine etwas zu glatte „Eine Frau geht ihren Weg“-Geschichte mit schiefer Moral wird.

          Lust an der Eskalation

          Die Frau, die gewohnte Bahnen verlässt, hatte in Hof gleich mehrere Auftritte. Auch die französische Regisseurin Sólveig Anspachs lässt ihre Heldin in „Lulu femme nue“ abrupt aus einem repressiven Familienleben fliehen und durch die Begegnung mit drei beherzten Menschen wieder Freude am Leben finden. Ihr Ausflug vom Alltag fügt sich am Ende bestens in das alte Familienleben ein. Die Geschichte hat einige hübsche Momente, ist aber am Ende zu sehr auf Versöhnlichkeit angelegt.

          Zu den formal gewagteren Filmen gehörte John Kolya Reicherts „Anton Fest“, eine absurde Parabel zwischen Beckett und Vinterberg. Freunde und Familie eines gewissen Anton werden zu einem Wiedersehensfest auf ein abgeschiedenes Gehöft geladen. Bald rechnet niemand mehr mit dem Erscheinen des Gastgebers. In der unbestimmten Situation brechen die kaputten Beziehungen auf, Triebe und Neurosen haben freien Lauf, was Reichert mit Lust an der Eskalation auf die Spitze treibt. Am Ende haben sich alle ihrer sozialen Rolle entledigt und baden kathartisch im See. Das klingt arg didaktisch. Die Leerstellen, die Reichert bewusst in seinem Drehbuch ließ, werden von seinen Schauspielern aber mit hinreißender Situationskomik gefüllt.

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