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Koreanischer Historienfilm : Waren Sie früher auch ein Viktorianer?

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In feinste Stoffe gehüllt: Fräulein Hideko (Kim Min-hee) und ihre Zofe Sookee (Kim Tai-ri) in die „Taschendiebin“. Bild: © Koch Films

Park Chan-Wook hat ein britisches Sittenspiel nach Korea verpflanzt: Sein Film „Die Taschendiebin“ erzählt mit viel Kulissenzauber von einer lesbischen Liebe.

          Die üppigen Kulissen und prächtigen Architekturen, mit denen das Kino unsere Augen lockt, haben einen Nachteil: Sie lenken von der Geschichte ab, die erzählt werden soll. Oft ist es darum besser, sie zu behandeln, als wären sie nicht da. Luchino Visconti, der etwas von Pracht verstand, ließ echtes Linnen in die Kommoden seiner Königs- und Adelsdramen stopfen, aber er zeigte es nicht. Die Schlösser Siziliens und Oberbayerns betrachtete er ohne Nostalgie. Gerade weil er ihre Schönheit nicht offensiv ausstellte, blieben sie schön.

          „Die Taschendiebin“, der neue Film des Koreaners Park Chan-Wook, spielt zu großen Teilen auf einem ländlichen Herrensitz in Korea. Der Hausherr, ein Büchersammler, empfängt regelmäßig die kulturelle Elite der japanischen Besatzer. Die Bibliothek, eine Halle mit Lesebühne im japanischen Stil, bildet das Zentrum des Anwesens. Die umgebenden Wohnräume sind dagegen im europäischen Geschmack mit fernöstlichen Anklängen eingerichtet: ein Salon, ein Boudoir, ein Schlafzimmer, viele Gänge. Man sieht sofort, worin die Versuchung des Films besteht - dass er sich in dem, was er gebaut hat, verliert. Gleich am Anfang scheint er ihr zu erliegen, als Sookee, die junge Zofe der Tochter des Hauses, in einer Art Wandschrank einquartiert wird, als wäre sie bloß ein weiteres Requisit. Aber dann späht Sookee durch ein Schlüsselloch ins Zimmer nebenan, und es öffnet sich ein neues Spielfeld.

          Die zweite Möglichkeit, mit übermächtigen Kulissen filmisch umzugehen, besteht darin, sie zu zertrümmern - nicht ohne sie vorher möglichst gründlich bespielt zu haben. Am Ende von Parks Film schlagen seine beiden Heldinnen, die elegante Hideko und ihre oben erwähnte Zofe, die Bibliothek von Hidekos Onkel in Stücke: Sie reißen die Bände mit erotischen Manuskripten und obszönen Illustrationen aus den Regalen und werfen sie in Fetzen in das Zierbecken zu Füßen des Lesepults, bis die Tinte das Wasser schwarz färbt. Bis dahin aber vergehen gute zwei Stunden, und in dieser Zeit muss der Film die Räume, die er sich geschaffen hat, bespielen. Damit tut er sich schwer. Nicht weil die Geschichte, um die es geht, so schwer zu erzählen wäre. Sondern weil die Art, wie Regisseur Park sie erzählt, so wenig zu dem passt, was sie eigentlich zu sagen hat.

          Die Sexszenen ersetzen den Mangel an Schärfe durch Augenzucker

          „Die Taschendiebin“ entstand nach einem Roman der britischen Autorin Sarah Waters. „Fingersmith“ handelt von zwei Waisenmädchen aus unterschiedlichen Milieus, die einander in Liebe verfallen. Die eine ist eine reiche Erbin, die andere soll einem Heiratsschwindler helfen, die Erbin an Land zu ziehen. „Fingersmith“ spielt im viktorianischen England, weshalb in der lesbischen Romanze, die im Mittelpunkt steht, mehrere Befreiungsgeschichten zusammentreffen - soziale, familiäre, sexuelle. Park hat die Handlung ins japanisch besetzte Korea der dreißiger Jahre verlegt. Das Familiendrama der vertauschten Waisen zieht hier nicht mehr. Auch die Kluft zwischen Erbin und Zofe ist eher ein Anhängsel als ein Motor des Geschehens. Und die Bett- und Badszenen, die flatternden Lider, flehenden Lippen und zitternden Schenkel, die Parks Inszenierung genüsslich auskostet, bringen zwar Hitze, aber keine Bewegung ins Bild. Einige Kritiker in Cannes, wo „Die Taschendiebin“ voriges Jahr lief, haben Park vorgeworfen, er verrate mit den Nacktbildern die emanzipatorische Botschaft seines Films. Nur gibt es diese Botschaft gar nicht, also auch keinen Verrat. Die Sexszenen sind ein Ornament, kein Widerruf: Sie ersetzen den Mangel an Schärfe durch Augenzucker.

          Bleibt der Plot, die Intrige. In dem Roman von Waters ist die Erzählung dreigeteilt, so dass beide Hauptfiguren abwechselnd zu Wort kommen. Der Film behält diese Dreiteilung bei, ohne dass man erkennen könnte, wozu er sie braucht. Denn die Anziehung zwischen Hideko und Sookee ist von Anfang an so offensichtlich wie der Hass, den beide gegenüber ihren männlichen Vormündern hegen: hier der bibliophile Onkel, der seine Nichte bei pornographischen Herrenabenden als Vorlese-Geisha missbraucht, dort der falsche Graf und echte Erbschleicher, der sich Sookees finanzielle Notlage zunutze macht.

          Am Ende hängt doch alles an den Accessoires

          Es ist also nicht die Untreue gegenüber der Vorlage, mit der sich diese Verfilmung selbst ein Bein stellt, sondern die übertriebene Treue zu ihr. Dreimal setzt der Film neu an, und dreimal erzählt er dasselbe: Zwei Frauen drehen den Männern, die sie benutzen wollen, eine Nase. Dass sie dabei in Todesgefahr geraten, würde man gern glauben, aber Park schildert ihre Aventüren so gemächlich, als wollte er sich für ein koreanisches Remake von „Downton Abbey“ in Stimmung bringen. So hängt am Ende doch wieder alles an den Accessoires: den Roben, Chaisen, Plünnen und Bordüren, die in großen Filmen eine Kleinigkeit und in kleinen die Hauptsache sind.

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          Sogar einen Gruß an seine Verehrer hat Park in der Kulisse untergebracht. Im Folterkeller unter der zerstörten Bibliothek, in dem sich die beiden bösen alten Männer gegenseitig zum Exitus quälen, stehen allerlei Erinnerungsstücke auf den Regalen. Eins davon, in Alkohol eingelegt, ist der Tintenfisch, den der Held aus Parks „Oldboy“ vor dreizehn Jahren vor der Kamera verschlang. Damals gewann Park mit seinem Film den Jurypreis in Cannes. Heute ist er sich selbst historisch geworden. So vergeht die Zeit. Nicht die des Kinos, sondern jener, die hinter ihm zurückbleiben.

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