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100 Jahre Ingmar Bergman : Kadenz des Lebens

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Ingmar Bergmann auf Fårö, entnommen dem Band „Das Ingmar Bergmann Archiv“, vom Taschen Verlag nun neu aufgelegt Bild: Ingmar-Bergmann-Archiv

„Und ich hörte zu wie ein Lehrbube“: Der Komponist und Schriftsteller Jüri Reinvere erzählt von seiner gemeinsamen Zeit mit Ingmar Bergman auf der Insel Fårö. Der Regisseur Bergman wäre heute hundert Jahre alt geworden.

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          Überall waren die Straßen leer auf Fårö, der Insel, die Ingmar zu der seinen gemacht hatte. Käbi und ich wohnten in Dämba, nicht weit vom Fähranleger aus Richtung Gotland. Hammars aber war Ingmars architektonische Perle: sein Wohnsitz, seine Riesen-Bibliothek, sein Gästehaus, alles hinter einem Labyrinth aus kleinen Wegen; niemand konnte es, ohne genau zu wissen, wo es war, finden.

          Käbi Laretei, Ingmars Ex-Frau, eine echte Gefährtin im Alter, hatte ich Anfang der Neunziger in Stockholm kennengelernt. Ingmar traf ich zum ersten Mal wenig später, bei den Proben zu „Peer Gynt“ im Dramaten, dem Dramatischen Theater in Stockholm. Er belebte Henrik Ibsens Versepos neu für die Bühne des Theaters, dem er einen so großen Teil seines Lebens gewidmet hatte. Kurz danach kamen Ingmar und ich ins Gespräch. Beide, Käbi und Ingmar, wurden für mich im künstlerischen Sinn die einflussreichsten Leute überhaupt. Fünfzehn kostbare Jahre sollte diese Beziehung zwischen ihr – der gefeierten Pianistin und Schriftstellerin –, ihm – dem noch immer vielgefragten Regisseur – und mir, dem damals ganz jungen Komponisten, währen. Langsam eröffneten sie mir die Geheimnisse der Schöpfung von Kunst, sprachen über richtige und falsche Vorstellungen von sich selbst und der eigenen Arbeit, über Intrigen und Familie. Und ich hörte zu wie ein Lehrbube dem Meister. Dem Monster, als das Ingmar in der Öffentlichkeit immer beschrieben wurde, begegnete ich nie.

          Seinem Buch würde ich nicht allzu sehr vertrauen

          Später, in den Jahren, als ich mit Käbi und Ingmar im Spätsommer oder Frühherbst oft viel Zeit allein verbrachte, wollte Ingmar hartnäckig von mir wissen, wie man Musik schreibt. Gleichzeitig arbeitete er, wie ein Heiliger, leidenschaftlich und geduldig an seinem Testament. Es war ihm klar, dass sein Testament viele verletzen werde. Abend für Abend ließ er mir von seinem Haus in unseres Partituren schicken. Es waren ausnahmslos schöpferische Testamente anderer Klassiker: „Die Kunst der Fuge“ von Bach, „Die Winterreise“ von Schubert. Und er bat mich, sie ihm zu eröffnen, als ob diese rätselhaften, monumentalen Werke ein paar Zeilen in sein Testament hineinflüstern könnten.

          Wenn Ingmar erzählte, musste man immer genau wissen, wo die Fakten endeten und das Schöpferische anfing. Seinem Buch „Laterna magica“, das viele Leute als seine Biographie ansehen, würde ich nicht allzu sehr vertrauen (es ist auf Deutsch im Berliner Alexander Verlag gerade in einer Neuauflage erschienen). Zu stark war seine Versuchung, eine gute Story zu schreiben, als dass er die Fakten nicht ins Phantastische verschweben lassen konnte. Auf „Bilder“, das Buch über seine Filme und deren Entstehungsgeschichte, kann man sich mehr verlassen. In allem Praktischen nämlich war Ingmar viel glaubwürdiger.

          Eine Kadenz im ersten Contrapunctus der „Kunst der Fuge“ verursachte besonders viele Querelen zwischen uns. Hinter dem Fenster wehte der Wind, die Laternen wackelten bedenklich, wir saßen in demselben Zimmer, wo in den „Szenen einer Ehe“ Erland Josephson plötzlich zu Liv Ullmann sagt, er habe eine Geliebte. Ich war sicher, Bach habe die Kadenz nach einer Generalpause geschrieben, weil er sich mit seiner Fuge verrannt hatte; Ingmar dagegen beharrte darauf, Bach habe diese Sackgasse bewusst angesteuert, um einen dramatischen Ausstieg zu finden. Er war sicher: Am Ende aller Fragen steht Bargeld.

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