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Lindenbergs Aufstieg im Kino : Sag niemals nie zur Udopie

  • -Aktualisiert am

Zärtlich fiktionalisiert: „Mach dein Ding“ Bild: dpa

Stilsicher bis in die Unterhose: Hermine Huntgeburths Kinofilm „Lindenberg! Mach Dein Ding“ schwelgt bildlich und klanglich in den Siebzigern - und erzählt von einem sagenhaften Aufstieg.

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          Dass die Siebziger uns im deutschen Kino und Fernsehen etwas oder auch sehr verklärt dargestellt werden, daran haben wir uns seit einigen RAF-Filmen, Kanzlerdramen oder zum Beispiel der Journalistenserie „Zarah – wilde Jahre“ längst gewöhnt. Ausgerechnet bei der Geschichte einer wahren Stil-Ikone wie Udo Lindenberg hier eine Ausnahme zu machen und filmisch auf harten Realismus zu setzen wäre verschenkt gewesen – hat man doch inszenatorisch nicht weniger zu feiern als die Befreiung der deutschen Mode, Musik und Mentalität auf einen Schlag.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie aus einem strammen Jungen aus Nachkriegs-Westfalen ein Hamburger Hippie-Ikarus wird, der einmal gar auf einem LSD-Trip über die Reeperbahn schwebt: Das verspricht ein Film-Fest, welches sich Regisseurin Hermine Huntgeburth in „Lindenberg! Mach Dein Ding“ nicht entgehen lässt. Sondern sie setzt, wie schon das Ausrufezeichen andeutet, auf die volle Kirmes nicht nur mit Pauken und Trompeten, sondern mit dem ganzen Panikorchester, wie es zu Udo Lindenberg bis heute gehört.

          Wunderbarer Jan Bülow

          Und um es gleich zu sagen: Der Film macht dies meisterlich, vom Szenenbild bis zu den reichlich gezeigten Unterhosen. Und bis zum Casting (Simone Bär), dabei von den Nebenrollen bis zum wunderbaren Hauptdarsteller Jan Bülow, der im einen Moment schauen kann wie ein aus dem Korb gestoßener Welpe, nackt (bis auf die udopische Brustbehaarung natürlich) und schutzbedürftig; im anderen ein wie harter Hund mit klarem Erfolgsziel, dem auch Freundschaften nicht im Weg stehen. Knallhart kann er etwa seinem treuen nicht nur musikalischen Weggefährten Steffi Stephan (hier gespielt von Max von der Groeben) ins Gesicht sagen, er sei „mehr so’n bisschen ein Lottobassist: ab und zu mal drei Richtige“, und ihn aus der Band schmeißen.

          Weil der Film in gewisser Weise auch von einem Tellerwäscher-Aufstieg erzählt, der bei Lindenbergs Lehrjahren als Kellner an George Orwells „Down and out in Paris and London“ erinnert, setzt er dagegen später genüßlich den Prunk einer Musikindustrie, an deren Spitze sich Udo von der Kindheit an trommeln wollte. Da hilft es auch nichts, dass die Hippies, mit denen er 1971 im Hamburger Musikclub „Onkel Pö“ noch zwischen epigonalem und Prog-Rock herummurkelt, mehrfach vor der Prostitution an den Kommerz warnen.

          Der Erfolg in Gestalt des Teldec-Plattenmoguls Mattheisen und seines raumschiffhaft designten Bossbüros ist eben doch verlockend, und er wird bis zum letzten, vollbestückten Zigarettenspender ausstaffiert. Das westfälische Wohnzimmer in Gronau 1951, das in Rückblenden immer wieder auftaucht, und dann dagegen das mondäne Hamburg 1971: zwei sehr weit voneinander entfernte Welten. Detlev Buck spielt den elvishaft gekleideten Mattheisen so „überdrüber“, dass man es für ein Klischee halten mag, aber er gibt ihm dennoch eine Fallhöhe, als er einmal sagt, er habe den ganzen Luxus mit seinem Stolz bezahlt.

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          Unser Autor: Cai Tore Philippsen

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