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Herbert Achternbusch zum Siebzigsten : Man ist sich selbst der beste Kumpan

Man kann Bayern nicht einfach so hinter sich lassen: Herbert Achternbusch Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Bayern habe ihm so übel mitgespielt, dass er in Bayern bleiben werde, bis man das Bayern anmerkt, sagte Herbert Achternbusch einmal. Der große bayerische und anti-bayerische Filmemacher wird heute siebzig Jahre alt.

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          Im Nachhinein, wenn man lange keinen Film von Achternbusch mehr gesehen hat, wird einem das gesamte Werk zu einem einzigen, dem großen, schönen und zugleich ziemlich unverständlichen Achternbuschfilm, welcher zugleich das schärfste und wütendste Dementi der Münchner und der bayerischen Gegenwart ist und natürlich so münchnerisch, so beseelt von der bayerischen Droge (als deren Burroughs ihn Frieda Grafe einst pries), der bayerischen Sprache und den Bergen, welche für ihn immer die Hoffnung bezeichneten, er könnte, wenn er nur hinaufstiege auf diese Berge, dieses ganze Bayern hinter sich lassen.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Meisterwerk des unsichtbaren Kinos ist dieser Film, der den schönen Münchner Schein nicht dadurch bekämpft, dass er am Lack kratzte oder, wie man so sagt, hinter die Fassaden schaute. Nein, dieser Filmemacher hat nie aufgehört zu behaupten, dass, wer nur wolle, die bösen Geister der Vergangenheit spüren, die Schatten sehen könne, welche die Hauptstadt der Bewegung so gerne mit barockem Ocker überschminke und mit weißblauen Rauten verhänge. So fremd wie München, sagt er, kann ihm gar nichts anderes sein, und Bayern habe ihm so übel mitgespielt, dass er in Bayern bleiben werde, bis man das Bayern anmerkt.

          Des Autors bester Kumpan

          Und so funktionieren auch die ästhetischen Widerhaken seiner Prosa, seiner Filme und Theaterstücke, dass man es sich leicht zu leicht macht mit ihnen, und wenn man sie ganz ernst, beim Nennwert quasi, nimmt, hat man erst recht nichts verstanden von Achternbuschs Ironie, die ja auch nur der verzweifelte Versuch ist, den Bayern, denen jede Wortwörtlichkeit fremd und letztlich unverständlich ist, einigermaßen gerecht zu werden. „Der Autor zu oft als sein eigener Kumpan (bei Schnaps, Bier und Bayern): das ist natürlich wieder schlau, aber auch ein Verrat.“ Mit solchen Worten hat, vor 31 Jahren, Peter Handke die Zumutungen Herbert Achternbuschs zurückgewiesen. Er hatte recht - und doch keine Ahnung davon, wie kompliziert das Verhältnis ist, wenn Achternbusch im „Weißen Bräuhaus“ sitzt, und die Gesellschaft, die er mitgebracht hat, ist er selber.

          Kaum etwas sei ihm so zuwider wie der Terror der Verständlichkeit, hat Achternbusch einmal gesagt: er möchte gar nicht verstanden werden - was einem, als Leser oder Zuschauer, auch das Recht gibt, durch dieses scheinbar hermetische Werk sich seine eigenen Verständnispfade zu bahnen, was dann, nur zum Beispiel, dazu führt, dass man „Servus Bayern“ sieht, diesen Film, in welchem sich Achternbusch nach Grönland wünscht, ins Eis, um sein blutendes Herz zu kühlen - und als Zuschauer spürt man, wenn da Achternbusch im Garten des Wirtshauses „Zum Fischmeister“ in Ambach sitzt und seinen Hass in eine mechanische Schreibmaschine hineinhackt, eine kaum stillbare Sehnsucht nach Ambach am Starnberger See. Heute wird er siebzig Jahre alt.

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