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Helge Schneiders neuer Film : Kino vom anderen Planeten

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Bärbeißig-humoristisch: Helge Schneider als Agent 00 Schneider Bild: Bernd Spauke

Zwanzig Jahre nach seinem letzten Abenteuer kehrt der Kommissar wieder auf die große Leinwand zurück. Mit „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ zeigt Helge Schneider neue Lust am Nonsensfilm.

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          Mülheim an der Ruhr ist gewiss nicht die geringste unter den deutschen Mittelstädten. Christoph Schlingensief wurde hier geboren, das örtliche Theater hat eine rühmliche Geschichte, und dann ist da natürlich noch Helge Schneider, der wohl bedeutendste lebende Mülheimer. Schneider ist vieles: Komiker, Entertainer, Jazzer. Und es spricht vieles dafür, ihn auch als Heimatfilmer zu bezeichnen. Mülheim an der Ruhr, das bei ihm nebenbei ein Vorort von Almería in Andalusien wird (oder umgekehrt), ist auch in „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ wieder der Mittelpunkt der Welt, von dem aus surreale Umwege aller Art genommen werden können.

          Alle paar Jahre wirft Helge Schneider sich für diese Rolle in Schale, die er 1993 noch als „Doc Snyder“ für den Western „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“ entworfen hatte, die erste seiner präzisen Genreverfehlungen. Ein Jahr später folgte dann „00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter“, und nun, knapp zwanzig Jahre später, ist der Kommissar mit dem Beinamen eines Geheimagenten bereits in einem Stadium, in dem er an einer Autobiographie arbeitet. Er wird dabei allerdings ständig abgelenkt, durch private wie berufliche Umstände und durch das künstlerische Prinzip, das seinen neuesten Film besonders stark prägt: Das Setzen von „plot points“ ist bei Helge Schneider gleichwertig mit dem Verzicht auf Fortschritt in der Erzählung.

          Er klingt einfach komisch

          Er trollt sich lieber über einen Nebenweg von dannen und findet dann des Rätsels Lösung oder den Verbrecher so unabsichtlich anstrengungslos zwangsläufig, wie sich das auch in den besten Krimis eben gehört. Im vorliegenden Fall kann von einem Verbrechen im strengen Sinne nicht die Rede sein, denn der gesuchte Mann ist eigentlich eine sagenhafte Kreatur, ein Eidechsenwesen von evolutionärem Alter, bei dem der notdürftig bürgerliche Name Jean-Claude Pillemann kaum zur Tarnung beiträgt. Eher schon verweist dieses Pseudonym auf eine kulturelle Ära, in der Deutschland sich gelegentlich einen Spaß mit Produkten aus dem anglophonen Raum machte, so dass der Arzt der „Enterprise“ dann eben ein wenig frecher „Pille“ heißen konnte, als es das Original hergab.

          Kinopremiere von "00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse" in Essen: Nach zwei Dekaden schlüpft Helge Schneider abermals in die Rolle des Kommissars

          Die Serie „Immer wenn er Pillen nahm“ wird auch evoziert, doch denkt man dabei eigentlich schon zu inhaltlich, denn Schneiders Komik ist ja gerade nicht semantisch. Pillemann, das ist ein Name, der aus sich heraus lustig und natürlich auch anzüglich ist, man kann ihn drehen und wenden, wie man will, er klingt einfach komisch.

          Schneiders filmischer Horizont sind allerdings eindeutig die sechziger und siebziger Jahre, die Zeit, in der in Europa neue Definitionen von „cool“ entwickelt wurden, von dem Citroën-Modell, in dem Schneider herumfährt, bis zu dem Adelta Ball Chair, in dem er sich interviewen lässt. Die Kioske, die Unterführungen, die nur auf den ersten Blick hässlichen Fassaden von Mülheim zählen für Schneider da eindeutig auch hinzu – er filmt die Stadt, man kann das nicht anders sagen, liebevoll (die Kamera macht Voxi Bärenklau). So entsteht in „00Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ ein eigentümliches Zeitgefühl, das nicht unbedingt nostalgisch ist, aber doch auf eine sehr nachvollziehbare Weise der schnöden Gegenwart abgewandt, wie es sich nur ein Gesamtkünstler wie Schneider leisten kann, der längst eigene Bedingungen für sich geschaffen hat und sich auch von missglückten Ausflügen ins „richtige“ deutsche Kino (in Dani Levys „Mein Führer“ spielte er Adolf Hitler) nicht wirklich kompromittieren lässt.

          Dass es in seinem neuen Film auch einen Subplot der verkrachten Selbsthistorisierung gibt, mag mit Verlusterfahrungen zu tun haben: Christoph Schlingensief ist nicht mehr da, Werner Nekes ist mit seiner Sammlung beschäftigt, Schneider hält nun allein die Fahne der Mülheimer Film-Avantgarde hoch, und er versteckt seine Radikalität dabei hinter der verschrobenen Komik, die auch „00Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ auszeichnet. Gags sind hier nur erlaubt, wenn sie nicht zünden.

          Es regiert der Geist der verschleppten Klamotte. Nur Helge Schneider kann sich einen Auftritt wie den erlauben, in dem er sich undercover auf einem Seitenstraßenstrich als Gunstgewerblerin betätigt. Und am witzigsten ist er, trotz starker Auftritte zahlreicher Freunde von Tyree Glenn Jr. bis Rocko Schamoni, in der titelgebenden Schurkenrolle, einfach mit sich selbst: Der Besuch bei dem Psychologen Dr.Walther Henry ist der einsame Höhepunkt des ganzen Films, ein nachtmahriges Unsinnsgedicht mit zwei Sprechern, eine Spiegelfechterei hinter grotesker Maske. Für eine nationale Filmkultur ist da nichts zu holen, das ist Kunst von einem eigenen Planeten, den wir aus praktischen Gründen Mülheim an der Ruhr nennen wollen.

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