https://www.faz.net/-gqz-9drel

Film zu DDR-Sänger Gundermann : Wegen prinzipieller Eigenwilligkeit

  • -Aktualisiert am

Gundermann will den Sozialismus aufbauen, ehrlich, ohne Betrügereien. Dafür ist er bereit, unehrlich ein Doppelleben zu führen, als Kämpfer an der unsichtbaren Front. Tamara Bunke, die aus der DDR stammende Guerrillera, ist sein Vorbild. Spät, zu spät erkennt er, dass der Stasi-Chef Erich Mielke kein Che Guevara war, dessen Poster an Gundermanns Wand hängt. „Wo soll ich landen“, singt Gundermann und blickt aus vierundzwanzig Metern Höhe von seinem Bagger in die menschenleere, gespenstische Kraterlandschaft des Tagebaus.

Szenenwechsel. Ein Unsichtbarer klatscht, eine Stimme aus dem Off lobt: „Toll, tolles Lied!“ Tatort-Kundige erkennen Axel Prahl, noch bevor er ins Bild gerückt wird. Er spielt perfekt den Stasi-Offizier. Fand Gundermann, von seinem Vater getrennt und verstoßen, in seinem Führungsoffizier einen Vaterersatz?

Der Film erzählt auch die wunderbare Liebesgeschichte, wie er jahrelang und erfolgreich um Conny (Anna Unterberger), die mit einem anderen Musiker verheiratet ist, wirbt und wie sie einander in den turbulenten Nachwendejahren, aus denen Gundermanns bekannteste, melancholische Lieder stammen, stützen.

Regisseur Andreas Dresen

Schließlich ist „Gundermann“ auch ein Film, der neugierig macht auf den wenig bekannten Zipfel im südlichen Osten Deutschlands. Wer weiß schon, dass seit dem Einigungsvertrag von 1990 Sorbisch als Gerichtssprache in Deutschland anerkannt ist, wer kennt noch den Schriftsteller Jurij Brězan, den Roman „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann über Hoyerswerda oder Gundermanns ebenfalls dieser Stadt gewidmetes „Hoywoy“-Lied?

In Gundermanns Vita kondensiert sich das Auf und Ab dieser Region. In den siebziger Jahren wurde sie Kohle- und Energiezentrum der DDR. Wie eine Wanderdüne bewegten sich die Grubenränder des Tagebaus auf Orte zu, in denen alte Straßennamen verschwanden und durch kryptische Bezeichnungen wie „Meldekopf C“ ersetzt wurden, bevor auch die Häuser verschwanden. Als Kenner marxistischer Dialektik formulierte Gundermann auf dem Berliner Kongress der Unterhaltungskunst im März 1989 den inneren Widerspruch: „Mein spezielles Problem ist, dass ich einige hundert Meter von diesem Tagebau wohne. Das Haus, in dem ich wohne, wird von der Kohle, die ich fördere, mit Energie und Gas versorgt. Gleichzeitig baggere ich unerbittlich auf dieses Haus zu und bin im Jahr 2003 an meinem eigenen Eingeweckten. Habe also, wenn es nach Plan geht, ab 2003 kein Zuhause mehr.“

Aktualität der Bergbau-Remineszenz

Das Lied „Keine Zeit mehr“ fehlt nicht im Film. „Und ich renne um mein Leben, gegen den Lebenslauf“, singt darin Scheer/Gundermann. Er gönnt sich kaum Schlaf, meint zweieinhalb bis fünf Stunden würden reichen. Der Tagebau wird gestoppt. Mitte der neunziger Jahre wird Gundermann noch in einer Rückbau- und Rekultivierungsmaßnahme beschäftigt, dann arbeitslos, er schult um zum Tischler und stirbt plötzlich in der Sommersonnenwende-Nacht 1998, nur 43 Jahre alt, so informiert der Abspann des Films zu den Klängen seines Songs „Ich mache meinen Frieden“ („ich will mich nicht mehr drängeln und will mich nicht verpissen“).

Man kann Dresens Gundermann auch als einen Heimatfilm zum Ende der Bergbauära im Ruhrgebiet 2018 sehen. Wer sich, durch diesen Film neugierig geworden, weiter über Gundermanns Werk informiert – das Projekt des Landestheaters Tübingen „Randgruppencombo“ mit Gundermann-Abenden (CD bei Buschfunk) wäre ein guter Einstieg –, entdeckt sein komplett dem Bergbau gewidmetes Album „Engel über dem Revier“, sein letztes Projekt. In Sachsen-Anhalt finden in „Ferropolis“, wo auch Teile des Films gedreht wurden, vor dahinrostenden Tagebau-Baggern Festivals und Konzerte statt. Dank Dresens Film bleibt Gundermann mit seinen Liedern in Erinnerung als einer, dem diese Geräte nicht bloß Kulisse waren.

Weitere Themen

„Auf dass diese Lektion nicht vergessen wird“ Video-Seite öffnen

Schriftsteller Waltern Kirn : „Auf dass diese Lektion nicht vergessen wird“

Walter Kirn wurde mit seinem Roman „Up in the Air“ (2001), der mit George Clooney verfilmt wurde, als Schriftsteller bekannt. Der Amerikaner kommentiert die amerikanische Gegenwart vor allem auf Twitter, zeitweilig auch als Kolumnist bei „Harper’s“. Zuletzt erschien sein Buch „Blut will reden“ im C. H. Beck Verlag.

Von der Uni in die Charts

Paper Plane Records : Von der Uni in die Charts

Alice Merton ist längst eine bekannte Musikerin. Unter Vertrag steht sie bei ihrem eigenen Plattenlabel, das sie gemeinsam mit einem Freund führt. Seit „No Roots“ hat sich für die beiden viel verändert.

Topmeldungen

Viele Lehrer stellen ihren Schülern derzeit Materialpakete digital zum Download bereit, beispielsweise auf der Schulhomepage.

Eltern als AuShilfslehrer : „Der Ruhepol Schule fällt komplett weg“

Wenn Schüler zuhause lernen, geht die Geborgenheit verloren, warnt Realschulleiter Tobias Schreiner. Lehrer sollten jetzt nicht nur Aufgabenpakete verschicken, sondern den Kontakt zu ihren Schülern pflegen – auch, um die Eltern zu entlasten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.