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Film zu DDR-Sänger Gundermann : Wegen prinzipieller Eigenwilligkeit

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Über Stasi-Akten wächst kein Gras

Mit einem Ja-also-Gestammel Gundermanns in Großaufnahme beginnt der Film. Wir sind im Jahr 1992, da muss sich einer in der neuen Zeit zurechtfinden. Gundermann sucht Mitglieder für eine neue Band. Er unterbricht seine wirre Ansprache, greift lieber zur Gitarre. Trotz Abstürzen und „allzu oft geflickten Flügeln“ singt und hofft Gundermann; „immer wieder wächst das Gras, klammert all die Wunden zu“. Als Gundermann mit Honecker-Brille anfangs wie Jerry Lewis im Film „Der verrückte Professor“ die Hasenzähne fletscht, befürchtet man eine Klamotte – grundlos, denn es wird großartig, wie dann Alexander Scheer in Gundermanns Haut und Denken schlüpft und dessen Lieder mit der Band von Gisbert zu Knyphausen einsingt.

Über alles wächst Gras, tröstet nach der Wende auch der Stasi-Offizier seinen IM. „Ist aber’n Esel gekommen, hat’s wieder abgefressen“, entgegnet Gundermann; alte Wunden brechen auf. Kaum hat Gundermann seine neue Truppe zusammen, die „Seilschaft“, wie die Band in Anspielung auf damals überall vermutete alte DDR-Verbindungen hieß, gerade wurde mit Sekt auf den ersten Vertrag für Westauftritte angestoßen, da muss Gundermann seine IM-Tätigkeit gestehen.

Schnaps für den Anti-Alkoholiker

Irene (Kathrin Angerer), eine Mitläuferin in DDR-Zeiten, konfrontiert ihn in der neuen Zeit als karrierebewusste Journalistin mit seiner Stasi-Akte. Ein von ihm bespitzelter Puppenspieler (Thorsten Merten) – gegen Ende des Films lässt er eine Gundermann-Puppe Hamlet rezitieren – begegnet ihm abweisend. Bei einem anderen, dem er sich als IM offenbart, sieht er eine Glasschale, wie er sie hat. Der Vegetarier Gundermann, der im szenetypischen Fleischerhemd auftrat, nutzt sie als Obstschale, sein Gegenüber als Aschenbecher.

Es stellt sich heraus, dass der andere auch bei der „Firma“ war und Gundermann zu beobachten hatte. Auf den Schock kippt auch Asket Gundermann, der Alkohol und Tabak meidet, einen Schnaps hinunter. Die unverwüstlichen Glasschalen längst vergessener oder verdrängter Herkunft waren „Sachgeschenke“ der Stasi für treue Dienste.

Der Film springt zurück ins Jahr 1975 zu den alten Geschichten. Gundermann wird ausgebildet zum „Facharbeiter für Tagebaugroßgeräte“. Es ist im Arbeiter-und-Bauern-Staat immerhin schon eine Frau, Helga (Eva Weißenborn), die ihn in die Bedienung des Baggerungeheuers einweist. Sie ist es auch, die dann, als seine Parteimitgliedschaft in Frage steht, ein gutes Wort für ihn einlegt: „Der Genosse hat den Vorteil und Nachteil, dass er ausspricht, was er denkt.“ Gundermann ist rücksichtslos gegen sich und andere, ein existentialistischer Kommunist.

Wie Meursault in Luchino Viscontis Camus-Verfilmung „Der Fremde“ zeigt Gundermann sich desinteressiert an den Folgen seiner Aktionen. Mit geradezu naiver Hartnäckigkeit verficht er seine Überzeugung, er will nicht nur kurz die Welt retten. Als nach der Enthüllung seiner Stasi-Mitarbeit Irene ihn, durchaus wohlwollend, bedrängt, doch endlich in das übliche Entschuldigungsgemurmel einzustimmen, liefert er ihr nur Antworten, deren Veröffentlichung ihm „neuen Ärger“ verschaffen würden. „Ich kann mich doch nicht selbst entschuldigen, kann doch höchstens auf Verzeihung hoffen.“ Was er am meisten bereue? „Den Verrat an mir selber, ich bin sehr enttäuscht von mir.“

Erich Mielke als DDR-Che Guevara?

Rückblende in die DDR. Gundermann spottet über die neue Arbeitsnorm, die Leistung nach Schaufelradumdrehungen bewertet: „Schalte ich das Schwenkrad aus, dreht sich das Schaufelrad weiter, nichts ist im Eimer drin, Zähler auf dem Dach läuft, Leistung auf dem Papier läuft, im Prinzip kann ich jetzt auf Schicht kommen, Bagger einschalten, mich schlafen legen, das ist auch schon vorgekommen.“

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