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„Harriet“ im Kino : Moses war eine Frau

Keine halben Sachen im Dienste der Sklavenbefreiung: Marie (Janelle Monáe, links) und Harriet (Cynthia Erivo) Bild: action press

Geschichte ist das Aktuellste, was es gibt: Ein Kinofilm über Harriet Tubman, die sich selbst und Hunderte Sklaven befreite, passt wie bestellt zur Stunde.

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          In Amerika muss man Harriet Tubman nicht mehr vorstellen. Hierzulande schon: Sie war die berühmteste schwarze Fluchthelferin der Hilfsorganisation Underground Railroad, die von der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts an zahlreichen Sklaven half, aus den Südstaaten in den Norden zu fliehen. Ihre Lebensgeschichte ist spektakulär. Dass „Harriet“ mit der umwerfenden Cynthia Erivo in der Hauptrolle trotzdem der erste Kinofilm über sie ist, immerhin nach mehreren Opern und einer Miniserie fürs Fernsehen, lässt sich nur damit erklären, dass die Filmstudios schwarze Heldinnen bislang nicht gerade favorisiert haben.

          Als Araminta Ross wird Harriet Tubman um 1820 auf der Brodess-Plantage in Dorchester, Maryland, geboren. Ihr Vater ist frei, ihre Mutter und damit sie und all ihre Geschwister sind es nicht. Sie arbeiten für die Familie Brodess, und als einzige Belohnung dafür gibt es sonntags Bratensoße zum Weißbrot. Ohne Braten natürlich, den essen ihre Besitzer. Der Besitzer Edward Brodess hat das Versprechen seines Großvaters nicht gehalten, Harriets Familie freizulassen, wenn ihre Mutter 45 wird. Stattdessen hat er einige der Töchter verkauft, die sie nie wieder sehen wird, und will von den verbleibenden auch noch die Babys besitzen, selbst wenn deren Väter freie Schwarze sind. Er erlaubt ihnen großzügig, zu heiraten, aber nur weil Kinder seinen Besitz mehren. Gespräche beendet er mit dem Satz: „Und jetzt runter von meiner Veranda.“

          „Ich fühlte mich wie im Himmel“

          Nicht alles an diesem Film ist historisch korrekt. Manches ist vereinfacht, weniges verändert. Den Sohn Gideon Brodess (Joe Alwyn), den Antagonisten des Films, hat es so nicht gegeben. Auch dass die echte Harriet Tubman immer wieder auf andere Höfe ausgeliehen wurde, was ihre Flucht erleichterte, bleibt unerwähnt.

          Aber die eine Szene, die sich tief ins Gedächtnis einprägt, die ist so echt, wie sie nur sein kann: Da steht Tubman als entflohene Sklavin kurz vor der Grenze zu Pennsylvania. Sie läuft im Süden los, den sie nun endlich hinter sich lassen muss, um ein freies Leben führen zu können, und sieht die Felder vor sich, hinter denen irgendwo, vierzig Meilen weiter, Philadelphia auf sie wartet.

          Cynthia Erivo (als Harriet, links) und Leslie Odom Jr. in „Harriet - Der Weg in die Freiheit“.

          Es ist ein großer Moment ihres Lebens und ein großer Moment dieses Films. Die echte Harriet Tubman erinnerte sich später so daran: „Als ich merkte, dass ich die Grenze überschritten hatte, besah ich meine Hände, um zu sehen, ob ich noch die gleiche Person war. Über allem lag ein Glanz, die Sonne warf ihr Licht golden durch die Bäume und auf die Felder, und ich fühlte mich wie im Himmel.“

          Halluzinationen als rettende Zukunftsvisionen

          Man darf annehmen, dass Kasi Lemmons dieses Zitat kannte, als sie das Drehbuch mitverfasste und Regie führte. Dass sie nicht der Versuchung erlegen ist, Sphärengesänge, Zeitlupe oder Weichzeichner einzusetzen, um die Gravitas auszudrücken, sondern den eigentlichen Moment sogar ausblendet, weil sein Herannahen schon so groß ist – das zeugt von der Feinfühligkeit, mit der sie an den ganzen Film herangegangen ist.

          In Amerika, wo der Film nicht nur kommerziell erfolgreich war, sondern auch für zwei Oscars nominiert wurde, kritisierten einige ihre Darstellung der Visionen Harriet Tubmans, die ihr die Aura einer Auserwählten gibt. Doch die gottesfürchtige Tubman hatte nach einer schweren Kopfverletzung tatsächlich immer wieder Halluzinationen und erklärte selbst, es handele sich um Zukunftsvisionen, die Gott ihr zu sehen gab.

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