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Harald Schmidt : Auf die Größe kommt es an

Die richtige Entscheidung: Schmidt geht Bild: AP

Frühstück bei Schawinskis: Harald Schmidt schmeißt die Brocken hin, und er wirft sie dem Chefs von Pro-Sieben-Sat.1 nicht vor, sondern auf die Füße. Und das aus freien Stücken und mit gutem Grund.

          Der wahre Harald Schmidt, so sagen viele, die ihn seit Jahren verfolgen und hoffen, daß er doch wenigstens nach Sendeschluß irgendwann mal aus der Rolle falle und anders sei als der Schmidt, den wir aus dem Fernsehen kennen, der wahre Harald Schmidt sei nicht zu fassen. Es gebe ihn gar nicht außerhalb seines Zynikerimperiums, das ihm erlaubt, auch noch im kritischsten Moment den Spötter über Gott, die Welt und sich selbst zu geben. Hat er sich nicht am Abend des Tages noch, an dem sein Freund Martin Hoffmann als Senderchef in einem Fünfminutengespräch rausgeworfen wurde, als "Medien-Nutte" bezeichnet, über den Namen des von Münchner Gnaden eingesetzten Roger Schawinski gewitzelt, der gleich am nächsten Tag selbstbewußt verlauten ließ, er habe sich als erstes mit dem Latenight-Talkmaster zum Frühstück verabredet? Weit gefehlt, weit gefehlt, weit gefehlt. Harald Schmidt schmeißt die Brocken hin, und er wirft sie den Chefs von Pro-Sieben-Sat.1 nicht vor, sondern auf die Füße. Und das mit Recht.

          Denn so, wie es derzeit zugeht bei Pro-Sieben-Sat.1, liegen die Dinge dermaßen im Argen, daß es noch dem größten Zyniker die Tränen in die Augen und diejenigen mit Rückgrat in die Sinnsuche treibt. Durch dick und dünn sind der Senderchef Hoffmann und das Markenzeichen Schmidt in den letzten Jahren bei Sat.1 gegangen, haben Quotentäler durchwandert, Political-correctness-Attacken ertragen, die Feuilletonisten mit dem Fernsehen versöhnt und dabei immer für gute Unterhaltung gesorgt. So etwas hat seinen Preis, der sich nicht allein in Cent und Euro ausdrückt. Und dessen Höhe auch nicht unbedingt beim Frühstück zu ermessen ist. Noch nie war ein Interview am Erscheinungstag so alt wie dasjenige des neuen Sat.1-Chefs Schawinski von gestern, in dem er sich noch siegesgewiß zeigt, daß Schmidt bleibe. Von wegen.

          Welche Kreativpause?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Unternehmens-PR will uns derweil weiterhin weismachen, Harald Schmidt mache eine verdiente "Kreativpause". Wenn ja, warum wird das wohl so sein? Wie lange wird sie dauern? Wo und wann wird sie beendet? Bei RTL, ARD oder dem ZDF? (Wir würden im Moment ja am liebsten den ORF vorschlagen, die hätten einen Satiriker von Schmidts Gnaden wirklich nötig und eine Prise Ernsthaftigkeit, wie sie selbst das hiesige Privatfernsehen aushält.) Und warum ist Schmidt das gerade jetzt eingefallen, "nach acht Jahren, in denen ich ununterbrochen mit der ,Harald Schmidt Show' auf Sendung war"? Ist er über Nacht klapprig geworden, oder hatte er längst ein besseres Angebot in der Tasche? Es ist nichts von alldem.

          Was einen stutzig machen und zu den Hintergründen führen könnte, ist der Umstand, daß in der Programmvorschau von Sat.1 für den Januar dort, wo derzeit noch werktäglich die "Harald Schmidt Show" läuft, "N.N." verzeichnet ist. Was nicht verwundert, wenn man weiß, daß Schmidts Vertrag zum Jahresende ausläuft und der Sender 2004 also - noch - nicht mit ihm rechnen konnte. Doch ob nicht zumindest schon Gespräche geführt worden sind - zwei Wochen vor Weihnachten? Denken wir uns nun den Umstand hinzu, daß auch der Vertrag von Martin Hoffmann im nächsten Jahr ausgelaufen wäre, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, daß die Kündigung des einen von heute auf morgen mit dem Abgang des anderen von gestern auf heute ursächlich in Zusammenhang steht. Und es erscheint eher unwahrscheinlich, daß bis zum heutigen Tag niemand von Pro-Sieben-Sat.1 mit Schmidt über die Fortführung seiner Show gesprochen haben sollte. Deshalb kann es nur einen Schluß geben: Harald Schmidt geht aus freien Stücken und mit gutem Grund.

          Ehre des Hinwegwitzelns

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