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Film über Hans Blumenberg : Höhleneingänge

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Geschliffenes für die Stenorette: Der Dokumentarfilmer Christoph Rüter hat ein Roadmovie über den Philosophen Hans Blumenberg gedreht.

          Drei Männer fahren in einem Kleinbus übers Land und sprechen über einen Philosophen. Ein „philosophisches Roadmovie“ nennt Christoph Rüter seinen Film, eine Erkundungsfahrt auf den Spuren eines Philosophen, nämlich Hans Blumenbergs. Jenes Philosophen also, der eine stupende Gelehrsamkeit mit einem nicht minder beeindruckenden literarischen Schliff – und Interesse an der Literatur selbst – verband, um in großen wie in kleinen Formen, in dicken Büchern wie in knappen Miszellen, seine Denkwege zu nehmen. So formbewusst und geistvoll, auch mit trockenem Witz, funkelnd im überreichen Detail und doch beharrlich in der Verfolgung von Leitfragen, dass er als Solitär in der intellektuellen Landschaft der Bundesrepublik steht, nach mehr als zwanzig Jahren seit seinem Tod und einer ganzen Reihe aus seinem Nachlass veröffentlichter Bände nur noch deutlicher als zu seinen Lebzeiten.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Zwei von den drei Männern in Rüters Bus haben Blumenberg in den frühen achtziger Jahren als Studenten in Münster gehört, der dritte hat über ihn einiges publiziert. Sie bleiben nicht unter sich, sondern treffen auf den Stationen ihrer Reise andere, die Blumenberg kannten und/oder sich mit seinen Texten beschäftigen: Mitschüler Blumenbergs am Lübecker Katharineum, einen seiner Habilitanden, den Zeitungsredakteur und den Verlagsmann, die Opfer seiner langen nächtlichen Telefonate aus der Schreibwerkstatt in Altenberge wurden, jüngere und ältere seiner späteren Interpreten, Hüter des Nachlasses im Marbacher Literaturarchiv, und nicht zuletzt seine Tochter Bettina.

          Der Philosoph diktiert

          Zwar hätte es, um diese Gesprächspartner zu Wort kommen zu lassen, nicht unbedingt das Spiel mit der Form des Roadmovie gebraucht. Aber man kann das als eine Art von Notwehr ansehen: Gegen die dichten Texte Blumenbergs setzt es die recht freie Fügung und das ins Unreine gesprochene Wort. Das mag einem zwar manchmal beschwerlich fallen, zeigt sich aber dann als vielleicht gar nicht so abwegige Idee, wenn einer der Gesprächspartner ausnahmsweise zum wohlgefügten Kurzvortrag anhebt. Man begreift dann gleich, dass das über hundert Minuten hinweg ein sehr strenges Format ergäbe.

          Zettelkästen von Hans Blumenberg in Marbach vor der Erschließung.

          So aber spielen die Wortmeldungen – ob nun Erinnerungen, Anekdotisches, Einkreisungen zentraler Themen Blumenbergs oder Erläuterungen seiner Arbeitsweise – ganz gut zusammen mit einer Stimme aus dem Off, jener Hans Blumenbergs. Passagen aus seinen Vorlesungen – wohl fast durchgehend der „populären“ Freitagsvorlesungen – sind ebenso zu hören wie aus seinen Diktaten in die „Stenorette“. Hoch die Stimmlage, hanseatisch der Tonfall, penibel die mitgesprochenen Interpunktionen in den Diktaten, die noch den verschachteltsten Satz korrekt zu Ende bringen. Und einige Fotos aus dem Familienarchiv kommen hinzu, um dem durchaus lebenslustigen „unsichtbaren Philosophen“ – so der Titel des Films –, zur Sichtbarkeit zu verhelfen.

          Die Furcht des Herrn

          Dieser Titel zielt auf Blumenbergs Entschiedenheit, als Person hinter seinen Texten zurückzutreten. Interviews kamen nicht in Frage, so wenig wie Fernsehauftritte, und die Abneigung, Fotos von sich zur Verfügung zu stellen, ist Anekdotenstoff. Daraus gleich, wie es einer der Gesprächspartner möchte, eine Strategie der Selbstmythologisierung abzuleiten, geht freilich viel zu schnell. Merkwürdig scheint vielleicht doch eher, implizit eine konkrete Sichtbarkeit des Philosophen einzufordern.

          Blumenberg ließ sich bereits seit Jahren nicht mehr fotografieren, das Foto stammt aus den Siebziger Jahren.

          Zu den schwierigen Jahren und zuletzt gefährlichen Monaten in der NS-Zeit als zuerst diskriminierter, dann untergetauchter „Halbjude“ hat Blumenberg spät einige Winke gegeben, und erst nach seinem Tod erfuhr man mehr. Der Film setzt auf sie einen deutlichen Akzent, legt dabei auch biographische Schlüssel nahe – von der „Höhle“ des Verstecks zur intensiven Beschäftigung Blumenbergs mit der Höhlenmetaphorik und seiner Anthropologie, in der Sichtbarkeit zuerst einmal Gefährdung bedeutet. Und beim Gang durch das Katharineum, wo der Gymnasiast 1939 sein Abitur machte, kann er an einen späten Rückblick Blumenbergs anknüpfen: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“ hatte an der Stirnseite der Aula dieser reformatorisch verweltlichten Klosterschule in gotischen Lettern gestanden. Doch nie wäre dem Schüler in den Sinn gekommen, diesen Bibelspruch anders zu verstehen als: Den Anfang macht die Furcht, die den Herren vor seiner Schöpfung befällt.

          Das mag man glauben oder auch nicht so ganz, aber jedenfalls führt diese Lesart stracks in Zentrum von Blumenbergs „Theologie“ nach der Theologie. „Matthäuspassion“ ist der Titel des Buchs, das ihre Elemente versammelt; und als gälte es, seine Bedeutung noch über die ihm gewidmeten Einlassungen in den Gesprächen zu betonen, sind es Bachs Passionsmusiken, mit denen Rüter viele Sequenzen hinterlegt.

          Es ist nicht leicht zu erraten, ob ein solcher Film Blumenberg tatsächlich neue Leser gewinnt. Man verlässt ihn mit dem Wunsch, einige der Vorlesungen, vielleicht sogar ein paar Diktate als CD-Edition neben die Bücher stellen zu können. Und kommt ins Grübeln, was Blumenberg wohl zu solchem Begehr gesagt hätte.

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