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Hannelorer Hoger als „Bella Block“ : Am liebsten würde sie die Verbrechen verhindern

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Kämpfen für eine bessere Welt: Hannelore Hoger als Bella Block Bild: ZDF/Stephan Persch

„Bella Block“ ragt aus der Fernsehlandschaft heraus. Ein Interview mit Schriftstellerin Doris Gercke und Darstellerin Hannelore Hoger über die stilbildende Figur und das geringe Ansehen von Krimis. An diesem Samstag läuft der der ZDF-Krimi zum zwanzigsten Mal.

          Es kommt einem vielleicht nicht so vor, aber an diesem Samstag läuft der ZDF-Krimi „Bella Block“ in der Tat erst zum zwanzigsten Mal. So raumgreifend und stilbildend erscheint diese Figur, daß man den Eindruck hat, man habe sie schon viel häufiger gesehen.

          Am 26. März 1994 erschien Bella Block zum ersten Mal auf dem Bildschirm und errang sogleich die Aufmerksamkeit des Publikums und den Bayerischen Fernseh- und den Grimme-Preis. Erst anderthalb Jahre später ließ das ZDF die unkonventionelle Kommissarin wieder ermitteln. Es war ein schweres Ringen, bis aus dem Einzelfilm eine Reihe wurde, deren sich der Sender heute zu Recht brüstet. Sie hat namhafte Regisseure versammelt wie Max Färberböck, Sherry Hormann, Markus Imboden, Erwin Keusch, Christian Görlitz oder Christian von Castelberg, der auch die Jubiläumsfolge inszenierte. Und sie soll fortgesetzt werden, wie die Redaktion mitteilt. Man habe noch viel vor, heißt es.

          Wenig bekannt ist, daß es Bella Block gab, bevor das ZDF auf sie aufmerksam wurde. Die Schriftstellerin Doris Gercke hat sie erfunden und 1987 in ihrem Roman „Weinschröter“ erstmals zum Leben erweckt. Das Buch war die Vorlage für den ersten Fall im Fernsehen. Nicht jede Folge der Reihe wird man preiswürdig nennen, und doch ragt der Charakter Bella Block aus der Fernsehkrimilandschaft heraus. Ihr zwanzigster Fall ist ein besonders ungewöhnlicher, muß man sich doch bis zum Ende fragen, ob es den Mord, dessen sich gleich zwei vermeintliche Täter schuldig bekennen, überhaupt gibt. Der Tod aber spielt bei Bella Block immer eine Rolle, diesmal aber vor allem in privater Hinsicht. Von der Autorin Doris Gercke und der Schauspielerin Hannelore Hoger wollten wir wissen, wie diese Figur, die zu Beginn mit den Krimisehgewohnheiten brach, es so weit gebracht hat.

          F.A.Z.: Es gibt Schauspieler, die sich selber nicht gerne beim Spielen sehen. Schauen Sie sich „Bella Block“ im Fernsehen an?

          Hannelore Hoger: Ich schaue mir die Filme an. Früher habe ich mich lieber angeguckt, heute ab und zu. Ich sehe dann Fehler, die man nicht mehr ändern kann.

          Doris Gercke: Ich sehe „Bella Block“ im Fernsehen, aber ich sehe nicht Bella Block, ich sehe Hannelore. Die Figur in meinen Büchern ist eine andere. Ich sehe eine Art Synthese. Und die gefällt mir gut. Die Filme haben aber mit meinen Büchern nicht mehr viel zu tun. Wir beide haben uns erst vier Jahre nach meinem ersten Buch kennengelernt, Ich wurde gefragt, wie ich es fände, wenn Hannelore Hoger die Rolle spielte. Ich war auf Anhieb von der Besetzung überzeugt.

          Sie haben einmal gesagt, die Figur sei Ihnen „weggenommen“ worden.

          Gercke: Ich habe sie abgegeben. Ich habe die Rechte an der Figur verkauft. Das hat mir nichts ausgemacht. Darüber muß man sich vorher im klaren sein: Wenn eine literarische Figur ins Fernsehen kommt, ist sie eine andere. Heute gibt es Bella Block, die Romanfigur, dann gibt es Hannelore Hoger und dann die Figur im Film und mich - vier Personen, das war mir zeitweise etwas zuviel.

          Hoger: Ich habe die Rolle angeboten bekommen und die Bücher gelesen, drei an der Zahl. Dann mußte unsere Produzentin Katharina Trebitsch es beim Fernsehen erst einmal durchsetzen. Zuerst wurde mit dem Bayerischen Rundfunk verhandelt, der wollte aber eine andere Besetzung. Dann hat sich Hans Janke vom ZDF der Sache angenommen. Ich finde übrigens, daß von der Romanfigur im Film viel bleibt.

          Gercke: Das liegt an dir.

          Hoger: Nicht nur an mir. Es hat auch mit den Drehbüchern zu tun. Die beiden Bella Blocks sind zweieiige Zwillinge, wenn Sie so wollen.

          Ich erinnere mich an Filme, in denen es fast nur um Bella Block ging, in anderen war sie eher eine Randperson.

          Hoger: Randfigur? Nein. Bella ist immer Hauptfigur gewesen. Die unterschiedliche Betonung liegt an den Autoren und den Regisseuren, die ja zum Teil auch selber geschrieben haben.

          Warum haben Sie als Autorin der Krimis kein Drehbuch geschrieben?

          Gercke: Ich habe mal Drehbücher geschrieben, zu anderen Filmen. Aber das ist nicht meine Art von Arbeit. Film ist Arbeit im Kollektiv. Beim Schreiben bin ich allein, und das ist das Beste, was man sich vorstellen kann.

          Sie haben spät angefangen zu schreiben. Und sind gleich bei Bella Block gelandet. So als ob Sie zwanzig Jahre an der Figur gearbeitet und sich dann an den Computer gesetzt hätten.

          Gercke: Nein, die Figur ist spontan beim Schreiben entstanden. Übrigens nicht am Computer, ich schreibe meine Bücher mit der Hand. Es gibt Bella Block jetzt seit siebzehn Jahren. Es gab Krisen zwischendurch, als ich dachte, ich könne sie nicht mehr ertragen.

          Hoger: Mir gefallen deine Bücher auch unterschiedlich, mal mehr, mal weniger.

          Gercke: Ich habe zwischendurch zwei Krimis unter Pseudonym geschrieben, die nicht besonders gut liefen. Ich wurde aber immer wieder gefragt: Wann kommt der nächste Bella Block?

          Hoger: Aus deinen anderen Büchern könnte man vielleicht kleine Underground-Filme machen.

          Gercke: Wenn es noch Underground-Filme gäbe. Hier geht es um das Fernsehen, und dort arbeiten Leute, über deren Köpfen immer ein Schwert hängt, das Quote heißt.

          Ist Bella Block nicht der härteste Krimi im im deutschen Fernsehen überhaupt? Die Geschichten sind meist erschütternd, den menschlichen Abgründen nahe. Es geht um Gewalt an Kindern, unter Kindern, Verwahrlosung, Gleichgültigkeit, Verbrechen vor aller Augen. Bella Block arbeitet sich an der Gesellschaft ab. Sie lebt nicht in einer Kunstwelt.

          Hoger: Das stimmt. Aber ob es der härteste Krimi ist? Es ist übrigens immer ein anderer Blick auf die Welt, weil so viele verschiedene Drehbuchautoren an Bella Block schreiben. Mir persönlich gefällt das, daß Autoren, Regisseure und das Personal bei Bella Block sich abwechseln. Ich bin ja auch immer unterschiedlich.

          Gercke: Du siehst heute zum Beispiel als Bella Block noch viel besser aus.

          Hoger: Na, das finde ich nicht gerade. Eine Thema, das mich sehr bewegt hat, ist die Gewalt gegen Kinder. Wobei man im Film längst nicht alles zeigen kann, was in den Romanen steht.

          Gercke: Man könnte, aber das Fernsehen tut es nicht.

          Warum schreiben Sie Krimis und nicht Romane?

          Gercke: Daß ich Krimis schreiben wollte, wußte ich schon immer, auch wenn ich selber keine Krimileserin war: Es erscheinen 80.000 neue belletristische Titel pro Jahr. Wie wollen Sie sich da als unbekannter Autor bemerkbar machen? Das ist Harakiri. Freunde, die Krimileser sind, haben mich auf das Metier gebracht. Krimileser lesen sehr schnell, sie lesen sehr viel, und sie reden untereinander über die Bücher. Ich habe mir gedacht: Wenn ich einen Krimi schreibe und man über das Buch redet, dann habe ich es geschafft. Ich glaube außerdem, daß der Kriminalroman in der Literatur dasjenige Genre ist, das unsere Gesellschaft am zutreffendsten beschreibt, nach wie vor.

          Das Witzigste, was mich jemand nach einer Lesung mal gefragt hat, war: Warum schreiben Sie denn Kriminalromane? Sie können doch schreiben! Ich schreibe realistische Bücher. Ich schreibe, wie die Welt ist oder wie ich sie sehe. Gelernt habe ich von Sjöwall/Wahlöö. Als ich deren Bücher gelesen habe, in den sechziger Jahren, war in Deutschland die Rede vom schwedischen Sozialismus. Ich habe die Romane gelesen und gedacht: Aha, so ist das mit dem Sozialismus. Das ist nichts weiter als ein aufgeputschter Kapitalismus, der funktioniert, solange er funktioniert. Und dann habe ich verstanden, daß man auch unsere gesellschaftlichen Verhältnisse am besten im Krimi erfaßt.

          Hoger: . . . ohne die ganze hohen literarischen Ansprüche eines Dostojewski erfüllen zu müssen . . .

          Gercke: Vielleicht aber auch doch. Leider hat das Feuilleton die Bedeutung des Krimis immer noch nicht erkannt. Sie werden ja kaum besprochen . . .

          Hoger: Das finde ich auch seltsam. Wobei natürlich längst nicht alle Krimischreiber etwas mit dem Widerspiegeln der Realität am Hut haben.

          Stört Sie eigentlich die Popularität von Bella Block? Mit der Sie eventuell inzwischen verwechselt werden?

          Hoger: Ich glaube, daß mich das Publikum nicht nur als Bella Block kennt. Und wenn - es stört mich nicht wirklich. Ich profitiere auch am Theater von der Figur im Fernsehen. Abgesehen davon, kann ich mit Bella Block viel von mir erzählen. Ich bin zum Beispiel mitunter genauso launisch. Wobei man gar nicht glaubt, wie sehr bei vielen Menschen die Ansicht vorherrscht, man sei genau so wie die Rolle und nicht anders. Aber ich bin Schauspielerin, nicht Fernsehkommissarin.

          Als Sie mit der Rolle begonnen haben, war es etwas Besonderes, daß es um eine Kommissarin geht, nicht um einen Kommissar?

          Gercke: Ja, aber für mich mußte es selbstverständlich eine Frau sein. In den amerikanischen Krimis, die ich bis dahin kannte, waren die Frauen immer jung, blond, langweilig und blöd. Ich dachte mir, das kann es nicht sein. Allerdings habe ich mich nicht lange mit Geschlechterklischees aufgehalten.

          Hoger: „Bella Block“ war von Beginn etwas Besonderes. Zumal sie als Frau eine ganze Reihe männlicher „Tugenden“ mitbringt: Sie säuft, sie ist erotischen Abenteuern nicht abgeneigt . . .

          Danach fragt heute keiner mehr.

          Gercke: Eine weibliche Heldin war schon eine Sensation. Es gab keine deutschen Kriminalromane mit Frauen und keine Autorinnen, abgesehen vielleicht von Irene Rodrian mit ihren Sozio-Krimis in den Siebzigern. Inzwischen gibt es mindestens dreihundert Krimiautorinnen, weil die Verlage gemerkt haben, daß es einen Markt gibt. Die Belletristik-Leser sind ja zu achtzig Prozent weiblich.

          Sollte Bella Block also ein Frauenfilm sein? Von Frauen für Frauen?

          Hoger: Eher durch und mit Frauen. Die persönliche Verbindung dreier Frauer spielt eine Rolle: die Autorin Doris Gercke, die Produzentin Katharina Trebitsch und ich. In der Figur von Bella Block findet sich von uns allen etwas. Katharina ist ein sehr integrer Mensch, wie ihr gerade verstorbener Vater Gyula es auch war. Sie hat mich durch den Winter gebracht. Inzwischen ist Bella Block übrigens bei der Ufa-Filmproduktion gelandet, die Produzenten sind Norbert Sauer und Selma Brenner. Und auch mit denen macht es viel Spaß, zu arbeiten.

          Welche Rolle spielt das Alter von Bella Block?

          Gercke: Das war auch eine Sensation.

          Hoger: So eine Kommissarin - was glauben Sie, wie das auf den ersten Blick im Fernsehen ankommt? Wobei ich glaube, daß sich viele Frauen in der Figur wiederentdecken oder sich in sie hineinversetzen können oder es zumindest möchten. Aber Frau sein allein reicht natürlich nicht.

          Wofür kämpft Bella Block?

          Hoger: Sie kämpft für eine bessere Welt. Sie hat ein Anliegen, sie macht nicht nur ihren Job. Sie ergreift Partei.

          Gercke: Ihr größter Feind ist eindeutig die Gleichgültigkeit. In den Filmen allerdings mehr als in den Büchern. Dort beobachtet sie nur. In den Filmen muß sie eingreifen, weil sie eine Polizistin ist. In den Büchern ist sie ja längst Privatdetektivin.

          Hoger: Das stimmt nicht. Deine Figuren wollen immer etwas ändern. Bella Block will nicht nur Verbrechen aufklären, am liebsten würde sie sie verhindern.

          Wußten Sie wirklich schon mit achtzehn, daß Sie Schauspielerin werden wollten?

          Hoger: Mit fünfzehn!

          Gercke: Ich wußte schon mit sechs, daß ich schreiben wollte.

          Hoger: Und ich bin schon mit fünf bei meinem Vater im Theater aufgetreten.

          Warum hat es dann so lange gedauert, bis Sie Ihren ersten Roman geschrieben haben? Da waren Sie über fünfzig.

          Gercke: Es gibt viele Ausreden, die man sich zurechtlegen kann. Die Herkunft, die Sozialisation, das Vorurteil, daß Frauen nicht schreiben. Mit sechzehn Jahren wollte ich Juristin werden. Als ich dann aber Juristin war, dachte ich, es stimmt immer noch etwas nicht. Du mußt machen, was du wirklich willst. Ich dachte, das, was ich lese, will ich auch gerne schreiben. Diesen Wunsch habe ich behalten. Es hat eben etwas gedauert.

          Hoger: Ich wollte Schauspielerin werden, und ich wußte auch nichts anderes. Ich bin früh von der Schule abgegangen, mit der mittleren Reife. Dann durfte ich noch nicht auf die Schauspielschule, weil ich zu jung war. Ich habe gewartet, die Handelsschule gemacht und Sprachen gelernt. Ich hatte keine großen Vorstellungen oder Träume außer - Schauspielen.

          Gercke: Mir tut es nicht leid, daß ich so spät angefangen habe mit dem Schreiben, ich habe meinen Stoff mein Leben lang gesammelt.

          Hoger: Und ich könnte mir für Bella Block noch einiges vorstellen. Sie könnte auch im Film Detektivin werden. Aber dann müßte es noch etwas härter zugehen. Und Doris Gercke das Drehbuch schreiben.

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