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Hannah Hollinger : Drehbücher, die längst ein Qualitätssiegel tragen

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze. Dem Drehbuchautor noch weniger. Selbst Schiller hat ihn mit keinem Vers bedacht. Nicht erst seit der sogenannte Autorenfilm - zum Beispiel eines Rainer Werner Fassbinder - seine hohe Zeit hatte, fällt auf den Regisseur als vorgeblichen Schöpfer des filmischen Kunstwerks der gebündelte Lichtstrahl, und der Verantwortliche des Drehbuchs, oft mit mindestens so eigenständigem Ingenium begabt, bleibt vollkommen im Schatten. Dabei ist häufig die Triftigkeit einer solchen Geschichte, etwa im psychologischen Detail, aber auch in der Konzeption des großen Ganzen, vornehmlich dem geistigen Wechselspiel zweier Gleichgesinnter zu verdanken - seit ein paar Jahren und mit bald einem Dutzend gemeinsamer Arbeiten geradezu exemplarisch zu bewundern bei dem Gespann Matti Geschonneck und Hannah Hollinger.

          Da haben sich ein Regisseur und eine Drehbuchautorin beruflich zusammengetan, deren Vorstellungen von menschlichen Abgründen und deren Intuition, wie man sich Figuren aufs engste nähern kann, ohne sie mit den Effekten des Erzählens zu erdrücken, so schlüssig zur Deckung kommen, daß der Zuschauer es als einen fortdauernden Glücksfall empfinden darf. Wenn die Autorin ihr "Kind" aus der "mütterlichen" Umarmung freigibt, dann weiß sie es bei diesem Regisseur wie von einem "Vater" weiterhin behütet - und kann sich zurückziehen.

          Gewiß, es gibt Regeln fürs Drehbuchschreiben, die man lehren kann. Aber der entscheidende Lernprozeß ist die Lebenserfahrung, wenn bei erdachten Figuren ins Visier genommen werden soll, was der Regisseur Geschonneck "seelische Altlasten" nennt. Hannah Hollinger, von einer Klosterschule auf die (nochmals ein Diener vor Schiller und Goethe) Fron des Erdenwallens ausgerichtet, hatte sich eigentlich der Heilpädagogik verschrieben, all den verhaltensgestörten Kindern zuliebe, die sie eher "seelisch behindert" nennen möchte. Doch sie war, in Augenblicken der Ehrlichkeit mit sich kaum zu leugnen, nicht geschaffen für diese Herausforderung: selbst zu unausgeglichen, als daß sie ein fester, zuverlässiger Partner für höchst labile Jugendliche hätte sein können. Der selbsttherapeutische Ansatz auf dem Stolperpfad, sich die eigenen Quälgeister vor Augen zu führen, führte ins Schreiben, von Erzählungen, die keiner drucken wollte, später in dialogischen Formen, die dem Narzißmus, dem Hannah Hollinger in dieser Phase ihres Lebens mit fünfundzwanzig sich stellen mußte, einen Ausweg wiesen. Der Lohn gleichsam war ein ZDF-Stipendium zur Drehbuchförderung, aus dem Mitte der neunziger Jahre eine vergnügliche Vorabendserie beim Konkurrenten ARD erwuchs.

          "Aus heiterem Himmel", später weniger überzeugend von anderen Autoren auf etliche Staffeln gestreckt, stellte die übliche Familienkonstellation auf neue Beine, indem sie ein zusammen in schönster Boheme hausendes, aber nicht homosexuell getöntes Freundespaar durch die Ungunst bestimmter Umstände mit gleich drei Kindern unterschiedlichen Alters beglückte, für die fortan zu sorgen war. Der frische Ton der Dialoge, der niemals lärmende Witz und eine Situationskomik, die kaum je vom Reißbrett zu stammen schien, bewahrten diesem Stück scheinbar unverwüstlicher Fernsehunterhaltung, die akkurat dem wahren Leben abgelauscht war, aber es erkennbar in der Fiktion spiegelte, seinen suggestiven Spaßfaktor.

          Noch einmal, für die Don-Camillo-und-Peppone-Paraphrase "Himmel und Erde - ein göttliches Team", legte sich Hannah Hollinger ins Serienzeug, wieder im Auftrag der ARD. Aber dazwischen war schon "Der Schrei der Liebe" entstanden (mit einer Mitautorin, Helga Krauss, beim Drehbuch), wobei sich das erste und so folgenreiche Zusammentreffen mit dem Regisseur Matti Geschonneck ergab. Und, wichtiger noch: Hannah Hollinger hatte den Ansatz gefunden, der seither, in Fernsehfilmen wie "Jenseits der Liebe" oder "Wer liebt, hat recht", "Die Mutter" oder "Juls Freundin" (Regie Kai Wessel), ihre Drehbücher prägt und als Markenzeichen unverkennbar macht.

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