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Hänsel und Gretel im Kino : Terminator? Inquisitor!

Hui, boing, peng: Jeremy Renner ist eigentlich zu gut für eine Rolle wie Hänsel, der unter den Hexen aufräumt. Bild: David Appleby/Paramount

Alte Stoffe vertragen eine Pop-Abreibung im Kino gelegentlich ganz gut. Aber nicht so! Im Film „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“, der ab heute im Kino zu sehen ist, wird schamlos ein Märchen verheizt.

          Mittelalter? Milchflaschen klirren im rustikalen Handkarren. Humor? Ein Mann hängt zappelnd wie ein epileptischer Krabbelkäfer an einem rasenden fliegenden Besen. Märchenatmosphäre? „Troll“ ist bloß ein Schreibfehler für „Proll“. Flotte Dialoge? Hänsel quatscht Gretel breitmäulig mit „Hey sis“ an, außerdem kommt immer wieder „fucking“ als Adjektiv vor.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Man begreift rasch: Hier wird der Grimmsche Hausschatz, einst von Oheim und Muhme am Kinderbettchen erzählt, für Erwachsene auf 3D-Kino-Stromlinienform geprügelt - vorausgesetzt, man versteht unter „Erwachsene“ einen Menschenschlag, der knirschenden, fauchenden, keckernden, meckernden, postironischen Kinoschrott genießen kann, in dem jedes Bild vollgepfropft ist mit weitgehend funktionslosen Fantasy-Rollenspiel-Requisiten, jede Szene grob, gewaltsam und lieblos zusammengeschoben aus übereinandergelegten Wahrnehmungsrastern der Jagdhund-fährt-Achterbahn-Verhaltensforschung, jede Einstellung luftdicht versiegelt mit giftigen Lebensmittelfarben.

          Hollywood-Schneewittchen-Geschmacklosigkeiten

          Was für ein Dreck: Hänsel ist ein haargelabhängiger Ledernacken, der aussieht, als hätte er letzte Woche noch für die CIA Irakis und Afghanen gefoltert, Gretel storcht als Pin-up von der L’Oréal-Website für überteuertes Anti-Aging-Schmierfett auf unpraktischen Absätzen durch den düsteren Forst, und der gemeinsamen schweren Arbeit, religiöse Dissidentinnen aufzuspüren und auszurotten, gehen der stramme Frauenverbrenner und seine sexy Inquisitorenmieze bevorzugt in Lack und Leder nach.

          Wenn ein Film so offensichtlich ein Herz aus verschimmeltem Nougat, ein Hirn aus Zuckerwatte und literweise abgestandene Cola light in den Venen hat, sollte man sich zurücklehnen und sämtliche menschlichen Empfindungen und Gedanken abwürgen - was dank der elanvollen Körperlichkeit, die vor allem Jeremy Renners Hänsel und Famke Janssens vor Morbidezza knisternder Oberhexe dem ansonsten mindestens ärgerlichen Blödsinn spendieren, momentweise sogar gelingt.

          Jeremy Renner als Hänsel und Gemma Arterton als Gretel Bilderstrecke

          Weil aber außer Hui und Boing, explodierenden Innereien oder Bomben und unübersichtlichem Nahkampfgewurstel in „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“ einfach nichts los ist, fällt früher oder später eben doch schmerzlich auf, dass nach den jüngsten Hollywood-Schneewittchen-Geschmacklosigkeiten abermals eine Chance verschenkt wurde, gediegen alten Stoffen eine satte Pop-Abreibung zu verpassen, bei der die anachronistischen Funken stieben.

          Der weltliche Arm des geistlichen Wahns

          Statt Glamour, Witz und Tempo herrscht in „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“ eine Perspektive vor, die beim Altherrenabend des CSU-Ortsverbandes Strunzendorf 1977 das Gegebene gewesen sein dürfte: Die gute Zauberin wäscht dem Oberschläger die Wunden, wohingegen die allerböseste Schlampe der unschuldigen Apfelbäckchen-Gretel zweideutige Blicke zuwirft und die übrige Hexenbrut aus eugenisch fragwürdigen (etwa siamesisch zusammengewachsenen), feministischen (“Sisters!“) und sozial marginalisierten (Gothic-Mädchen) Terroristinnen besteht, die unsere beschaulichen deutschen Städte mit staatsfeindlichen Brandanschlägen bedrohen.

          Während also linke Weltverbesserer noch darüber diskutieren, wie man das ganze alte Märchen- und Kinderbuch-Geraffel fit für die tolerante Zukunft macht, erzählen rechte Weltverschlechterer völlig schamfrei im Kino, dass man körperliche, sexuelle und kulturelle Minderheiten mit der rostigen Eisenkette erwürgen, in Brand setzen, aufspießen und anderweitig abschlachten darf, weil das in 3D nämlich cool aussieht.

          Wie viele Millionen Frauen hat der weltliche Arm des geistlichen Wahns damals, vor ein paar Dutzend Generationen, als anämische Teufelinnen wie diese Famke Janssen noch etwas riskieren mussten, wenn sie über den lieben Gott spotten wollten, eigentlich getötet? Ist doch egal. Demnächst in diesem Multiplex: „Hans im Glück gegen Sinti und Roma“.

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