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„The Forbidden Room“ : Das Kino geht begeistert baden

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Guy Maddins grenzenloses Filmuniversum enthält - zusammen mit astronomischen Phänomenen aller Art - auch gewaltige lila Nebel, die unter der Bezeichnung „Frauengesichter“ firmieren. Bild: Arsenal Institut

Reichlich unkonventionell und voller Ästhetik: Guy Maddins wilder Film „The Forbidden Room“ schmeißt vieles zusammen. Bis zur Explosion – einer schönen Explosion.

          Es ist ein etwas heikles Thema, aber irgendwann musste der Zeitpunkt doch kommen, an dem die Filmgeschichte sich dieser Frage stellt: Was passiert eigentlich genau, wenn jemand in der Badewanne eine Blase bildet? Also Gase entlässt, die sich mit dem Wasserstoffdioxid zu etwas Zweifelhaftem verbinden, das entweder in die Luft entweicht oder auf den Abgang nach unten wartet, in die Welt der Röhren und Kanäle? Peter Sloterdijk hat drei dicke Bände über Blasen geschrieben, ohne dass dieses Problem darin vorgekommen wäre. Stattdessen hat nun der kanadische Experimentalfilmer Guy Maddin eine ganze Spekulationsblase zum Thema vorgelegt: „The Forbidden Room“.

          Maddin ist bekannt dafür, dass er am Kino vor allem all das mag, was abseits der Konvention liegt. Für ihn endet die Filmgeschichte irgendwann Ende der zwanziger Jahre, mit der Entstehung des klassischen Studiokinos, das auch Ordnung in das Erzählen brachte. Maddin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wunder der anarchischen Frühzeit seines Mediums zu beschwören (sein nur wenige Minuten langes Meisterwerk „The Heart of the World“ findet sich auf Youtube und bildet eine perfekte Einführung). Auch anderer verpönter Gattungen nimmt er sich an, und so beginnt „The Forbidden Room“ mit einem Lehrfilm darüber, wie man ein richtiges Bad nimmt. Ein älterer Herr, dessen Wanst von einem Frotteemantel nur notdürftig gebändigt wird, geht gründlich alle Schritte durch (die Wassertemperatur erkundet man am besten mit dem großen Zeh!), bis er schließlich zu dem Punkt kommt, an dem er eine Blase auffängt.

          Von der Luftblase im Pfannkuchen bis zur Emulsion

          „The Forbidden Room“ entfleucht in diesem Moment in zwei Richtungen: in die heiße Luft und in sein eigenes Inneres. Denn der anfängliche Lehrfilm, bei dem man an zahllose ähnliche Beispiele einer volksbildnerischen Kinematographie denken mag, verwandelt sich unter der Hand in ein wildes Abenteuer. Jemand muss in der Badewanne den Stöpsel gezogen haben, denn von nun an geht es hinunter in die illegitimen Phantasien. Die erste Druckluftkammer in einem Parcours der zunehmend exzessiveren Verdichtung des Abseitigen hat ja noch eine gewisse Plausibilität, wenn man mit dem Badewasser unterwegs ist: Sie spielt in einem U-Boot, dort wird gerade die Luft dünn, alle schwitzen und atmen nur noch schwach. Aufsteigen würde den Tod bedeuten. Also weiter runter und rein in die nächste Episode.

          Da geht es um eine Höhle in einem Wald in „Holstein-Schleswig“, in der eine Schöne namens Margot von Wolfsleuten gefangen gehalten wird. Der Held, von dem sie ihre Befreiung erhoffen kann, heißt Cesare. Dieser Name hat eine gewisse Signalwirkung, denn so hieß auch die wichtigste Figur in Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“: ein Somnambuler, der seine Lebenserwartung sehr genau anzugeben wusste, „bis zum Morgengrauen“. Guy Maddin ist so etwas wie der ewige Caligarist des Kinos, und sein „Forbidden Room“ bekommt hier die entsprechend mehrdimensionalen Koordinaten: vom Wannenabfluss bis zum Morgengrauen, von der Luftblase im Pfannkuchen bis zur Emulsion, die sich über den Filmstreifen erhebt und in einer Hitzeblase explodiert.

          Eine Explosion von betörender Schönheit

          Die Filmblase ist Maddins Ur- und Schlussknall, ein kosmisches Phänomen auf der Größe einer Briefmarke, eine Supernova auf Beschichtungshöhe. Früher hat er alte Filme gesammelt, auf deren Nitratgrundlage sich trefflich Löcher brennen ließen, inzwischen nützt er auch digitale Techniken, um diese Kippeffekte zu erzielen, an denen man sich kaum sattsehen kann: Filmmaterial, das im Moment seiner Zerstörung eine unerhörte Schönheit bekommt. „The Forbidden Room“ ist so etwas wie seine ästhetische Summe, namhafte Kunstinstitutionen haben Geld zugeschossen, und Stars wie Charlotte Rampling oder Udo Kier spielen mit.

          Aus der chemischen Ära des Kinos leitet Maddin ein ganzes Weltmodell ab, das im Grunde darauf beruht, dass Licht sich in eine Materialgrundlage einbrennt. Was sich da mikroskopisch alles ereignet, das wendet er wieder nach außen, überträgt es ins Große und auf die Welt, die im Innersten von Druckverhältnissen zusammengehalten wird, die sich entladen müssen. Dann kommt es zu tektonischen Flatulenzen, und es rumort aus Vulkanen, so dass Menschen sich veranlasst sehen, dem rauchenden Schlot eine Schönheit als Opfer anzubieten. Zum Beispiel eine gewisse Margot, die über den „doorway of a dream“ plötzlich in einer anderen Erzählung ist, und von da an immer tiefer in ein Labyrinth ineinander verschachtelter Plots gerät, mit Wesen wie dem abscheulichen Lug-Lug, „hideous impulse incarnate“, also einer leibhaften Verkörperung des abscheuliches Triebs.

          Den Höhepunkt erreichen Maddin und sein Ko-Regisseur Evan Johnson bei einer Auktion, bei der eine Büste des Gottes Janus zum Verkauf kommt - und bei der ausgerechnet ein Doppelgänger mitbietet. Der ungezügelte erzählerische Drang des frühen Kinos mit seinen weltumspannenden Serials wird in „The Forbidden Room“ immer wieder auf sich selbst zurückgeführt. Twists schaffen Twists, Kammern führen in Kammern, zu jedem Innenraum gibt es noch ein Arkanum, und irgendwann stößt man sogar noch auf das Zentraldokument der ganzen Veranstaltung, ein „Book of Climaxes“, das nur noch aus Höhepunkten und Showdowns besteht. Da sind Maddin und Johnson aber längst auf einem Rückzug, der in bester Janus-Manier immer auf die Hinterseite des jeweiligen Blickwinkels führt. Logischerweise führt das nirgendwo anders hin als in eine Schleife, aus der vor allem ein Bild herausführt. Es zeigt ein explodierendes Gehirn. Selbstverständlich handelt es sich um eine Explosion von betörender Schönheit.

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