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Film zu Lyriker Paulus Böhmer : Optische Weiterdichtung

Zwischen den medialen Welten: Gunter Deller Bild: privat

Wie macht man Lyrik auf der Leinwand sichtbar? Gunter Deller führt es in „Inseln von Dunkelheit, Inseln von Licht - Der Dichter Paulus Böhmer" eindrucksvoll vor.

          2 Min.

          „Nur Nicht-Musik macht aus Musik Musik“, vernimmt man früh in diesem Film. Was Paulus Böhmer, der 2018 gestorbene Frankfurter Dichter, damit meinte, ist klar: Ohne Stille, Lärm, Missklang oder meinethalben auch einfaches Sprechen wüssten wir Musik als solche gar nicht zu erkennen, geschweige denn zu schätzen. Kunst generell braucht das Profane. Manchmal aber auch eine andere Kunst.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Morgen Abend hat im Kino des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt ein Film Premiere, der von Dichtkunst anders erzählt als diese selbst. Und auch von Musik, aber das wie unter der Hand, nämlich nur auf der Tonspur. Er heißt „Inseln von Dunkelheit, Inseln von Licht – Der Dichter Paulus Böhmer“ und hätte schon im vergangenen Jahr im Rahmen des Lichter-Festivals gezeigt werden sollen. Doch dann kam der erste Lockdown, und als das Festival sein gesamtes Angebot über Streaming zugänglich machen wollte, verweigerte sich der Regisseur Gunter Deller: Sein Film gehöre ins Kino.

          Auf den Spuren des Dichters: Gunter Dellert.
          Auf den Spuren des Dichters: Gunter Dellert. : Bild: privat

          Kein Wunder, ist Deller doch selbst Mitbetreiber eines solchen, des „Mal seh’n“ im Frankfurter Nordend. Doch eigentlich ist der Achtundfünfzigjährige ein Filmkünstler, mit der Betonung auf der zweiten Worthälfte. Seit 1989 entstanden zahlreiche Experimentalkurzfilme, und ein solcher sollte auch über Paulus Böhmer entstehen. Dann starb der Dichter noch während der Produktionszeit, und Deller entschloss sich angesichts seines Materials, das plötzlich den Charakter eines Vermächtnisses angenommen hatte, dem Werk eine ganz andere Struktur zu geben. So entstand sein erster Langfilm: 102 Minuten, die jeweils mit einer experimentellen Kombination von Text, Bildern und Musik beginnen und enden. In der knappen Stunde dazwischen werden Leben und Schaffen von Böhmer porträtiert, mit klassischen Mitteln des Dokumentarfilms wie Interviewaufnahmen mit Böhmer selbst, postum geführten Zeitzeugengesprächen, Archivaufnahmen und found footage.

          Er gilt als manisch

          Durch die Bereitschaft von Böhmers Witwe Lydia, den Nachlass ihres Mannes und auch sich selbst im Gespräch mit Deller zu öffnen, wird das Bild des ohnehin schon wegen seiner Langgedichte – der einundzwanzigteilige Zyklus „Kaddisch“ etwa umfasst siebenhundert Seiten – als manisch geltenden Dichters noch faszinierender. Die Dokumentation leitet die tektonische Struktur von Böhmers Lyrik aus dessen Leben her, auch die Faszination für die Verknüpfung des Schaurigen mit dem Verfemten, konkret der Schoa mit dem Sex. In langen Einstellungen mit Böhmers Bücherregalen ist immer wieder der Rücken eines Buchs von Boris Lurie zu erkennen: jenes umstrittenen Künstlers, der wie kein Zweiter mit der Sexualisierung des Holocausts schockiert hat (F.A.Z. vom 28. Juli). Aber in den von Böhmer als „Sudelbüchern“ betitelten Stoff- und Einfallsammlungen finden sich noch viel mehr Inspirationen, und in der Liebe zur Verkürzung etwa von Zeitungsartikeln auf nur einige ausgeschnittene Sätze zeigt sich die Liebe dieses Dichters zur Aufhäufung, die Reichtum und zugleich auch Herausforderung seiner Poesie darstellt.

          Konsequenterweise variiert Deller dieses Prinzip für seine Ein- und Ausleitung. Dabei ist das Wasser wichtigstes Bild­motiv: in seiner steten Bewegung und Unfassbarkeit. Durch Metamorphose von Fauna und Flora schafft Deller aber auch eine Sequenz, die wie ein Betrachterauge auf der Leinwand wirkt, und einmal blitzt darin das Gesicht von Paulus Böhmer auf. Über alldem liegt des Dichters dunkle Rezitationsstimme mit dem oberhessischen Zungenschlag, und unter alldem schafft die Musik des Komponisten und Böhmer-Freunds Alfred 23 Harth, dem Deller auch frühe Filmaufnahmen verdankt, eine zusätzliche Ebene des Eklektizismus, die im Zitat- und Verfremdungsprinzip dem lyrischen Verfahren Böhmers verwandt ist.

          Am Schluss hört man Böhmer vorlesen: „Wie lange soll man sich erinnern? / Immer. Immer? Immer!“ Dellers Dichtkunstdokumentarfilm löst diesen An­spruch für Paulus Böhmer ein. Er schafft einen Resonanzenraum für dessen Sprache, ohne bloße Echos des lyrischen Verfahrens zu liefern. Es sind optische Weiterdichtungen, die Deller zur Rahmung eines Porträts macht, das viel mehr ist als ein gefilmter Partezettel: eine Verlebendigung von Lyrik.

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