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„Guilty of Romance“ : Zeig mir den Körper für das Wort Liebe

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Das ist natürlich alles hart an der Grenze zum Kitsch. Die Ästhetik des Film Noir verbindet sich mit den Bildwelten des japanischen Pop, und wenn Karuo an einer Stelle einen Farbbeutel über Izumi zum Platzen bringt, dann spritzt es bis auf das Objektiv der Kamera. Das ist ein Detail so richtig nach dem Sinn von Sion Sono, der als Enfant terrible des japanischen Kinos gern die grelleren Aspekte seiner Kultur hervorhebt. Vor drei Jahren erregte er mit dem vierstündigen „Love Exposure“ Aufsehen, in dem es um katholische Beichtrituale und die sexuelle Subkultur der „upskirt“-Fotografen ging.

Diese gehen auf Jagd nach Bildern der Unterwäsche von Mädchen, die sie unbemerkt in den Straßen der Stadt aufnehmen, auf Rolltreppen und bei anderen Gelegenheiten, manchmal mit akrobatischen Stunts. Der junge Held verkleidet sich in „Love Exposure“ als Manga-Heldin und lernt in dieser Rolle das Mädchen Yoko kennen, woraus sich eine Kette von Missverständnissen ergibt, die nur mit großem Pathos auflösbar sind. Dass Quentin Tarantino sich für „Kill Bill“ von jenem Manga inspirieren ließ, das in „Love Exposure“ leitmotivisch ist, zeugt von der globalen Attraktion dieser Kultur.

Pantoffeln statt Sex

Doch anders als der stark in Fetischmustern verhaftete Tarantino zielt Sion Sono nicht nur auf unerreichbare Idolisierungen, sondern achtet darauf, Überhöhungen und Stilisierungen mit alltäglichen Szenen zu verbinden. Das Moment der Überschreitung wäre nichts ohne das banale Frühstück am Morgen, und so wird zunehmend die Kommissarin Yoshida zur zweiten Hauptfigur. Sie ermittelt in eine Richtung, in die hin sie sich immer schon voraus ist.

Die Kommissarin (Miki Mizuno) eilt vom Geliebten zu den Leichen Bilderstrecke
Die Kommissarin (Miki Mizuno) eilt vom Geliebten zu den Leichen :

Die Sexualität ist auch nicht das endgültige Moment, es verweist zurück auf eine prinzipielle Ohnmacht, dem Leben durch Ordnung beizukommen. Die Hausschuhe, die Izumi jeden Abend penibel für ihren heimkommenden Gatten bereitstellt, markieren jene Grenze, die uns die japanischen Filme als konstitutiv beigebracht haben: Zwischen draußen und drinnen wird eine imaginäre Wand aufgerichtet, die für Izumi zu einem Gefängnis wird. Während man in den klassischen japanischen Hausdramen bei Yasujiro Ozu das Begehren und die Enttäuschungen zwischen den Worten und Gesten als diskrete Spannung ausnehmen kann, gehört Sion Sono schon zu einer Generation, die mit ganz anderen Bild- und Tonregistern im Grunde immer noch dieselbe Spannung zu erfassen versucht.

Mahlers Fünfte ist in „Guilty of Romance“ eines der musikalischen Themen, und je intensiver die Verstörung wird, desto unverdrossener unterlegt Sion Sono den Szenen kammermusikalische Passagen, die keineswegs ironisch wirken, sondern wie eine Struktur, auf der sich das Unerhörte entfalten kann. Die poetologische Selbstdeutung, die er seinem Film durch das Gedicht von Ryuichi Tamura gegeben hat, lässt sich also sogar auf mehr noch beziehen als nur auf den Körper, den die Worte bekommen müssen.

Das Kino insgesamt wird in „Guilty of Romance“ zu einer Erfahrung von Sinnlichkeit und Distanz, in einem ständigen, höchst formbewussten Wechselspiel zwischen Ermittlung und Verstrickung. Das Reich der Sinne hat hier keine Außenseite mehr, es gibt keine Beobachterposition, auf der uns nicht auch irgendwann die spritzende Farbe treffen könnte, und der Hinweis auf den höheren Blödsinn, der dieser Film sicher auch ist, ist keine Gewähr dagegen, dass einen dieser vielleicht ehrgeizigste aller Erotikthriller nicht doch ein wenig mitnimmt.

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