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Günter Wallraff : Jetzt mal ganz unter uns

  • -Aktualisiert am

„Ich werde gewinnen”: Wallraff bei Kerner Bild: dpa/dpaweb

Was heißt schon Woche der Wahrheit: Wie Günter Wallraff einmal in das deutsche Fernsehen 2003 geriet. Beobachtung einer Medien-Odyssee vom WDR in den „Grünen Salon“ bis zu Johannes B. Kerner.

          Günter Wallraff hat sich Schnurrbärte angeklebt, hat sich Perücken aufgesetzt, hat sich als Ministerialrat des Verteidigungsministeriums ausgegeben, hat sich an einen Schreibtisch gesetzt und „Bild“-Redakteur gespielt. In der letzten Woche mußte er nur eines sein, er selbst, und merkwürdigerweise war er in dieser Rolle nicht besonders überzeugend.

          Es war die Woche der Pressekonferenz, in der Wallraff sich gegen die Vorwürfe verteidigte, für die Stasi gearbeitet zu haben; es war die Woche, in der Wallraff in drei Fernsehsendungen auftrat; es war die Woche, in der er sich erst mit einem Historiker herumschlagen mußte, der einen grauen Anzug anhatte, dann mit einem Journalisten, der ein rosa Hemd trug, bevor er bei Kerner endlich zum Menschen werden durfte; es war die Woche, in der Günter Wallraff in der Gegenwart ankam - und man kann nicht sagen, daß er das Spiel unserer Mediendemokratie perfekt beherrscht. In dieser Woche konnte man einiges über Günter Wallraff lernen und auch ein bißchen was über unser Fernsehen.

          Hallo Mensch

          Wie eine kleine Zeitreise war diese Woche, die beim WDR begann und damit bei den öffentlich-rechtlichen dritten Programmen und einem Aufklärungspathos, das sich aus den Siebzigern in die Achtziger hinübergerettet hat. Das war am Montag. Am Dienstag folgte dann das, was vom Talkgestus der neunziger Jahre übriggeblieben ist im „Grünen Salon“ auf n-tv. Und am Mittwoch war Günter Wallraff dann endlich dort angelangt, wo das Fernsehen heute auf ihn wartet. Das Hallo-Mensch-Mantra der Nullerjahre.

          Es war ein bißchen, als boxe hier jemand gegen einen Berg aus Watte.
          Wenn man so will, dann wäre Günter Wallraff ja immer schon die Idealbesetzung gewesen, wenn es darum hätte gehen sollen, einen Leitzordner zu besetzen. Oder einen Kochtopf, dem der Deckel hochfliegt. Oder die Zahnpastatube von Dieter Baumann, wobei hier nicht klargewesen wäre, ob er in diesem Fall vielleicht sogar in einer Person die Zahnpastatube gewesen wäre und der Mann, der sie mit verbotenen Dopingmitteln präpariert, und der Ankläger, der eine Sperre ausspricht, und der Angeklagte, der eine Verschwörung wittert, alles zusammen, das wandelnde Ein-Mann-Tribunal. So gesehen war es nur eine Frage der Zeit, bis Günter Wallraff jemandem wie Hubertus Knabe gegenübersitzen würde.

          „Äußerlich, meine ich“

          „Für mich waren diese Herren nicht erkennbar als Stasileute“, sagte Wallraff in der WDR-Sendung „Die Akte Wallraff“, „das waren biedere Beamte von einem Archiv, Menschen so wie Herr Knabe.“

          „Oh, das verbitte ich mir aber, Herr Wallraff.“ Und schaut zufrieden lächelnd, den Zeigefinger an sein Kinn gepreßt.

          „Entschuldigung“, preßt Wallraff hervor, „äußerlich, meine ich.“

          „Sie wissen“, da lehnt sich Hubertus Knabe zurück, „daß ich die Stasi-Opferstelle Hohenschönhausen leite.“

          „Die waren höflich“, so redet Wallraff weiter, wie er überhaupt gerne weiterredet, „freundlich, gesittet, gut gekleidet, bürgerlich.“

          Dann packt er den Ordner aus, in dem es um den Gestapoleiter des Warschauer Gettos geht, aber das interessiert jetzt nicht, darum geht es jetzt nicht. Das ist sein Pech. Denn laut und energisch wird Günter Wallraff immer, wenn es um die Vergangenheit geht.

          So wie am nächsten Abend, als er bei Andrea Fischer und Claus Strunz zu Gast ist und es wirkt, als säßen die drei schon eine ganze Weile zusammen, so aggressiv und fast unvermittelt geht erst die Sendung los und gleich die Beteiligten aufeinander. Da sitzen dann der geschichtsverstrickte Wallraff und der geschichtsglatte Strunz, und für den einen scheint alles wie früher, Springerpresse und alles, und der andere war damals gerade im Kindergarten. Wallraff ist in einer Zeit berühmt geworden, als man dazu noch mindestens kritische, wenn nicht gar gesellschaftserschütternde Bücher schreiben mußte; Strunz ist das Kind einer Zeit, in der das Wohnzimmer ins Fernsehen verlegt wurde und man sich bei gedämpfter Pianomusik und einem gut gezapften Bier über die niedrigen oder die widrigen Fährnisse des Lebens unterhält.

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