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Grimme-Preise 2004 : Von Rührung und Rausschmiß

Erhielt den Grimme-Preis für sein Lebenswerk: Dieter Hildebrandt Bild: AP

Die Gäste der vierzigsten Verleihung des Adolf-Grimme-Preises haben am Samstag abend eine Feier voller Wehmut, Rührung und Klage erlebt, so rückwärtsgewandt, wie ein Jubiläum sein kann, aber nicht sein soll.

          Die Gäste der vierzigsten Verleihung des Adolf-Grimme-Preises haben am Samstag abend im Marler Theater zwei Veranstaltungen in einer erlebt. Bis zum Ende der ersten Halbzeit war es eine von Wehmut, Rührung und Klage bestimmte Litanei, so rückwärtsgewandt, wie ein Jubiläum sein kann, aber nicht sein soll.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Erst nach den Reden von Rita Süssmuth und Johannes Rau wendete sich das Blatt. Die Präsidentin des Volkshochschulverbandes hatte den Ehrenpreisträger Dieter Hildebrandt für seinen "Geist, Esprit" und - allen Ernstes - für seine "Innovation" gepriesen, und Rau hatte die Medien gemahnt, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden und in Umkehrung eines Wortes des ersten Marler Bürgermeisters Rudolf Heiland gesagt, daß "die Menschen das Fernsehen humanisieren" müßten, da stürmte "Bernd, das Brot" die bis dahin trost- und vor allem (außer bei Hildebrandt) humorlos geprägte Szene. "Ich sage ,nein'" sang Bernd ins Mikrophon, von seinem Erfinder Tommy Krappweis und Band fulminant begleitet.

          Dauerbeschwörung

          Da paßte es, daß als nächstes der für seine unerschrockenen Initiativen bekannte Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen eine Laudatio hielt. Er, sagte Peer Steinbrück, beneide die Jurys des Fernsehpreises, sei es ihnen doch vergönnt, Unpopuläres herauszustellen und dafür auch noch Applaus zu bekommen. Das sei bei Politikern anders, sagte er und - bekam auch im Saal keinen Beifall.

          Es dürfte trotzdem nicht allzu klug vom Geschäftsführer des Grimme-Instituts, Bernd Gäbler, gewesen sein, den Landeschef in seinem Vorwort ostentativ auf die herausragende Bedeutung seines Instituts und also die Notwendigkeit entsprechender Zuschüsse aus dem Landessäckel hinzuweisen. Der Etat für den 41. Grimme-Preis ist, wie zu hören war, noch gesichert. Daß ihm all der Glanz fehlt, den die Bayern bei der Verleihung ihres Fernsehpreises, der zudem mit insgesamt 150.000 Euro dotiert ist, in vier Wochen in München wieder einmal verströmen werden, hat aber auch damit zu tun, daß Nordrhein-Westfalen trotz sozialdemokratischer Dauerbeschwörung die Identitätsstiftung im Lande nie gelungen ist.

          Galgenhumor

          Wer dann auch noch vor die Kameras tritt, um indirekte Schuldzuweisungen loszuwerden, spornt das Zusammenwirken sicher nicht an. Man hat nicht alle Tage den Bundespräsidenten und seinen Nachfolger im Ministerpräsidentenamt in der ersten Reihe sitzen. Selbst in Hessen wissen sie solche Anlässe dank des neuen Hessischen Fernsehpreises inzwischen besser zu nutzen und ansprechender zu inszenieren. Soweit zum politischen Teil des Abends.

          Dem Grimme-Preisträger Gert Monheim jedenfalls, legendärer Leiter jener Redaktion, welche beim WDR die Reihe "Die Story" betreut, die so außergewöhnliche Filme hervorbringt, ist der Galgenhumor nicht vergangen, obwohl er kürzlich aus Protest gegen Etatkürzungen und drohende Sendezeiteinbußen von seinem Amt zurückgetreten ist. Er wisse nicht, sagte er, ob seine vielgepriesene Redaktion den nächsten Grimme-Preis überstehe. Schließlich sei die Reihe "Das rote Quadrat" vom Hessischen Rundfunk, ebenfalls Grimme-gezeichnet, inzwischen ganz verschwunden.

          Anarchie

          Vom Fluch des gutgemeinten Preises kann auch Wigald Boning ein Liedchen singen, wurde seine "Wib-Schaukel" vom ZDF doch gestrichen, kurz bevor seine Preisnominierung offiziell war. Und so sang er mit Olli Dittrich im Duett "Der Li-La-Laune-Bär hat keine Sendung mehr". Das Lied entstand wohlgemerkt lange vor Bonings erzwungenem Abschied vom ZDF.

          Da waren wir schon im zweiten Teil der zuvor so traurig-trist-vorgestrigen Veranstaltung, die auch dann erst abbildete, was die Auswahl der Jury eigentlich auszeichnet - die Qualität heutigen Fernsehens zu erkennen, zu preisen und nicht fortwährend vermeintlich Verlorenes zu bejammern und dafür auch noch den Bildungskanal "BR Alpha" als pars pro toto zu nehmen und - so der Volkshochschulverband als Stifter des Grimme-Preises - auszuzeichnen, ein Programm also, das vor Bedeutung kaum mehr lange senden kann, weil es nun mal keiner sieht. Man muß auch nicht länger öffentlich-rechtliche gegen private Sender ausspielen. Dafür steht nicht zuletzt "Bernd, das Brot", der im Kinderkanal eine Prise jener Anarchie verbreitet, die sein Schöpfer Tommy Krappweis von der "Samstag Nacht"-Show bei RTL herübergerettet hat.

          Qualität und Quote

          Kaum einer der Preisträger unterließ es an diesem Abend übrigens, seiner Familie zu danken. "Papa bringt was Schönes mit", sagte ein Dokumentarfilmer, und zählt man all die bedankten Kinder zusammen, kommt man nicht umhin, anzunehmen, das Überalterungsproblem unserer Gesellschaft sei zumindest keines der Fernsehbranche. Doch dürfte das ein Trugschluß sein, den der Regisseur Stefan Krohmer und der Autor Daniel Nocke, die für ihren Film "Familienkreise" ausgezeichnet wurden, ins Absurde steigerten. Sie lümmelten wie zwei große Jungs auf der Bühne herum und bekannten, mit ihren Familiendramen nicht nur persönliche Geschichten aufzuarbeiten. Seine im Saal sitzende Mutter werde das gern bestätigen, sagte der Filmautor.

          So schloß sich an diesem Abend der Marler Familienkreis, in den von den letzten Preisträgern, den Schauspielern des mehrfach ausgezeichneten Films "Das Wunder von Lengede", noch einmal ausdrücklich der ehemalige Sat.1-Chef Martin Hoffmann aufgenommen wurde, weil er um die Symbiose von Qualität und Quote stets in besonderer Weise gekämpft habe. Daß dies preiswürdig ist, wissen wir ja. Es wäre nur schön, wenn man dafür nicht gleich seine Sendung oder seinen Job verliert. Schließlich ist die Familie auch nicht alles.

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