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Gratiszeitungen : Die Skandinavier sind hungrig

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„20 Minuten Köln” - 2001 gab Schibsted im „Kölner Zeitungskrieg” auf Bild: picture-alliance / dpa

Die Geschichte der Gratiszeitung hat gerade erst begonnen. Jetzt hat der norwegische Medienkonzern Schibsted auch Deutschland im Visier. Vorbild: In Frankreich und Spanien erfreut sich das Gratisblatt „20 Minutes“ großer Beliebtheit.

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          Große nordeuropäische Medienhäuser haben den deutschen Markt entdeckt. Fünf Medienkonzerne mit übernationaler Geltung gibt es in Nordeuropa - die finnische Sanoma-Gruppe, die schwedischen Bonnier und Metro sowie die norwegischen Orkla Media und Schibsted.

          Vier von diesen sind in Deutschland schon präsent oder bereiten das derzeit vor, Bonnier indes bisher nur mit seinen Buchverlagen. Dort wurden die Stockholmer binnen kurzem eine der großen Verlagsgruppen dank ihrer Tochtergesellschaft Carlsen Verlag mit der Geldmaschine Harry Potter. Sie half, einige der Traditionsnamen zu erwerben: Ullstein, R. Piper, Econ, Propyläen, List.

          Orkla Media erwarb Ende vergangener Woche die „Netzeitung“, die größte deutsche Internetzeitung, die ihre Wurzeln vor knapp fünf Jahren in Norwegen hatte: Ein Norweger, der zuvor mit der „Nettavisen“ eine Internetzeitung in Oslo begann, gründete auch sie. Und Orkla Media bekundete, dies sei nur der Beginn, man habe in Deutschland „weitere Pläne und Projekte“. Wirklich beunruhigen dürfte deutsche Verlagshäuser aber die nordische Konkurrenz nur auf einem Markt - dem der Gratiszeitungen, die an U-Bahnen und auf Bussen verteilt werden und bei denen Metro International und Schibsted sich den internationalen Markt aufteilen. Das Augenmerk richtete sich bisher auf Metro, die auf fast allen großen europäischen Märkten außer Deutschland und in vielen anderen Weltteilen von einem Erfolg zum nächsten eilt und die offenkundig in Deutschland herumhorcht und Kontakte sucht.

          Schibsted: „Siegen“ auf Einzelmärkten, „nicht global“

          In ihrem Schatten bewegt sich Schibsted fast unbemerkt; fast, weil sie vor vier Jahren gar nicht scheu war beim „Kölner Zeitungskrieg“. Damals gab Schibsted nach neunzehn Monaten auf beim Versuch, „Zwanzig Minuten Köln“ als Gratiszeitung zu etablieren: Springer und vor allem DuMont Schauberg hatten Gegenzeitungen auf den Markt gebracht. 2001 hatte Schibsted schon auf andere Großstädte gezielt mit Hamburg, Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, München und Stuttgart. In der Schweiz und vor allem Spanien und Frankreich ist das Zwanzig-Minuten-Konzept, das sich anders als die Metro-Ausgaben in Format und Darstellungsweise regional unterscheidet, dagegen erfolgreich.

          „20 Minutes“ ist mit 2,3 Millionen Lesern täglich in Paris und mehreren Regionalausgaben die zweitgrößte französische Tageszeitung, und auch in Spanien liegt Schibsted mit 1,8 Millionen Lesern vor dem ewigen Rivalen Metro. In der Schweiz und in Spanien bringen die Gratiszeitungen Gewinn. Man wolle „siegen“ auf Einzelmärkten, sagt Schibsted, „nicht global“. Suche nach Kooperationspartnern und Gespräche mit RTL und Holtzbrinck - es gibt sie, bestätigen wollen dies die diskreten Herren in Oslo aber nicht - deuten darauf hin, daß Schibsted wie auch Metro wieder nach Deutschland dringen, jenem Markt, den Schibsted vor vier Jahren als „verbissen“ bezeichnete. Im August soll es soweit sein, mitten im Sommer, mitten im deutschen Wahlkampf.

          Einiges spricht dafür, daß Schibsted hungrig ist. Der Konzernumsatz mit 1,2 Milliarden Euro und der Betriebsgewinn von 108 Millionen Euro erreichten im Vorjahr Rekordhöhen; Schibsted stockte vor gut einem Jahr seinen Anteil an der Zwanzig-Minuten-Holding für 55 Millionen Euro von 41 auf 98 Prozent auf; und die Scharte der Niederlage gegen Bonnier bei dem „nordischen Krieg“ um die Vormacht beim kommerziellen Fernsehen will der Konzernchef Kjell Aamot wettmachen. Dabei sind Gratiszeitungen nur ein Standbein von Schibsted.

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